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Wirtschaftsprüfer : Im Kampf gegen die großen Vier

Die Zahlen im Blick: Wirtschaftsprüfer prüfen Unternehmen, beraten sie aber auch. Bild: Anna Mutter

Die Branche der Wirtschaftsprüfer ist geprägt von wenigen Großunternehmen. PWC, KPMG, Ernst & Young und Deloitte dominieren den Markt. Das stört kleinere Wettbewerber wie BDO.

          3 Min.

          Der Markt der Wirtschaftsprüfer ist zur Selbstregulierung nicht mehr in der Lage." Holger Otte, Vorsitzender des Vorstandes der BDO AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Hamburg, will das nicht als schicksalsergebenen Fatalismus gewertet wissen. Im Gegenteil. "Wir werden kämpfen, dass sich auf dem Markt etwas ändert."

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          BDO sieht sich in einer Sandwich-Situation. Auf der einen Seite gibt es die drei marktbeherrschenden Wettbewerber PWC, KPMG und Ernst & Young, zu denen als vierter Deloitte aufzuschließen versucht. Diese vier bilden auch international die Spitze der Wirtschaftsprüferinnung - und sie tun nach Ottes Worten alles, um ihre führende Stellung weiter auszubauen. "Sie ziehen international alles an sich, sie brechen aus kleineren Netzwerken sogar wichtige internationale Partner heraus", beklagt er. Man schwäche ein Netzwerk durch das Herauskaufen eines Partners, gehe dann zum Kunden und werbe für sich mit dem Argument, dass dem Wettbewerber wichtige internationale Partner fehlten.

          Betroffen von diesem Verhalten sind die wenigen Netzwerke, die man als Mittelschicht in dieser von vier Großunternehmen und einer Masse kleiner Gesellschaften geprägten Branche bezeichnen könnte. In Deutschland gehört an erster Stelle BDO dazu. Setzen PWC, KPMG und Ernst & Young jeweils mehr als eine Milliarde Euro im Jahr um und versucht Deloitte mit knapp 600 Millionen Euro den Anschluss zu halten, so führt BDO mit (künftig) 200 Millionen Euro Umsatz eine kleine Gruppe von mittelständischen Netzwerken an, die für sich - wie die Großen - eine internationale Vernetzung in Anspruch nehmen. Neben der aus Deutschland aufgebauten BDO zählen nach Ottes Überzeugung dazu der französische Wirtschaftsprüfer Mazard oder in England Grand Thornton, in Deutschland durch Warth & Klein vertreten. "Alle kleineren Wirtschaftsprüfungsgesellschaften haben keine belastbaren Auslandsverbindungen und scheiden daher für die Prüfung großer Unternehmen und Konzerne aus", sagt Otte.

          „Wir üben eine Tätigkeit im öffentlichen Interesse aus“

          Würde es gelingen, die Marktspitze von jetzt vier auf sechs bis sieben große Gesellschaften zu verbreitern, dann wäre dem Markt und dem Wettbewerb gedient. Otte sieht in den - in ihrem Grünbuch vom vergangenen Oktober aufgestellten - Forderungen der Europäischen Kommission einen Weg in die richtige Richtung. Als Angehöriger des kleinen Mittelfeldes sieht sich Otte aber weder von den großen Mitbewerbern noch von den vielen kleinen Wirtschaftsprüfern repräsentiert.

          Für seine Gesellschaft stehe die öffentliche Aufgabe der Wirtschaftsprüfer im Vordergrund. "Wir sind kein Business - wir sind Abschlussprüfer. Wir üben eine Tätigkeit im öffentlichen Interesse aus, und daran hat sich alles auszurichten." Der Fokus auf dem freien Beruf des Abschlussprüfers ist ihm wichtig, den er vor allem durch die Marktführer bedroht sieht. Er findet es daher nicht schlecht, dass denen jetzt einmal von der Politik die gelb-rote Karte gezeigt worden sei. Für BDO gehe es in der europäischen Diskussion um die Wirtschaftsprüfer um drei Themenbereiche: Verbesserung der Prüfung, Kommunikation zwischen Prüfer und Aufsichtsrat, Verhinderung eines Oligopols auf dem Markt für Wirtschaftsprüfer.

          Für Christian Dyckerhoff, Mitglied des Vorstandes von BDO, muss künftig im (nur dem Mandaten verfügbaren) Prüfbericht stärker auf die Geschäftsmodelle des Mandanten und vor allem auf die daraus erwachsenden Risiken eingegangen werden. Zu überlegen sei, ob man nicht den formelhaften Bestätigungsvermerk ("Der Abschluss vermittelt ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage") durch Hinweise ergänzt, die für den Außenstehenden wichtig sind, aber das Testat nicht einschränken. Im Verhältnis zum Mandanten müsse eindeutig sein, dass der Aufsichtsrat für alle Beziehungen zum Wirtschaftsprüfer verantwortlich ist. Auch sollte ein Wirtschaftsprüfer nur für maximal 5 Prozent des Prüfungshonorars in dem gleichen Konzern beraten dürfen. "Jeder darf beraten - nur nicht bei seinem Mandanten, den er prüft", fasst Dyckerhoff die Auffassung der BDO zusammen.

          Umstrittene „Big-4-only-Regeln“

          Das Argument der Marktführer, dass sie nur über die Beratung gute Nachwuchskräfte an sich binden könnten, lässt er nicht gelten. Zum einen seien Prüfer nur in seltensten Fällen Berater, und zweitens liege die Anziehungskraft der großen Prüfer in den hohen Gehältern, vor allem aber in den klangvollen Namen ihrer Kunden. "Junge Leute fragen auch uns nach Mandanten", sagt Dyckerhoff.

          Damit auch BDO in Zukunft klangvolle Namen nennen kann, fordert man einen "Joint Audit" in Großunternehmen, also die Prüfung durch zwei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Eine Prüfung durch zwei Gesellschaften sei teurer, "aber alles hat seinen Preis". Gerade das Bemühen der Konzerne, von möglichst einem Prüfer geprüft zu werden, habe nicht unwesentlich zur Konzentration des Wirtschaftsprüfungsmarktes beigetragen. "Wir brauchen aber sechs bis sieben Prüfer für Großunternehmen statt heute vier", sagt Otte. Und das Kostenargument dürfe man nicht überstrapazieren, denn "auch heute gibt es keinen Dax-Konzern, der weltweit von einem Wirtschaftsprüfungsunternehmen geprüft wird".

          Konzentrationsfördernd wirken auch die "Big-4-only-Regeln" in Kreditverträgen der Banken, wonach der Kredit nur gilt, solange sich der Kreditnehmer von einer der marktführenden Gesellschaften prüfen lasse. "Das hat nichts mit Markt zu tun und gehört gestrichen", fordert Otte. Ebenso das Preisdumping. "Wir fordern keine Gebührenordnung, würden uns aber auch nicht dagegen wehren", sagt er. Denn "mit freiem Beruf hat das Verhalten der Marktführer nichts mehr zu tun - und mit der Ausübung eines öffentlichen Auftrags auch nicht", beklagt Otte. Brüssel habe den richtigen Weg eingeschlagen, um zwischen den Wirtschaftsprüfern wieder mehr Markt herzustellen - und auch den mittelgroßen Gesellschaften Überlebenschancen zu eröffnen.

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