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Wirtschaftskriminalität : Auftrag gegen Bargeld

Am Band bei Faurecia Bild: picture-alliance/ dpa

Der französische Autozulieferer Faurecia steckt tief in einem Bestechungsskandal, in den auch deutsche Autohersteller verstrickt sind. Der Druck bei der Auftragsvergabe ist enorm: Nicht selten steht das Unternehmen auf dem Spiel.

          Der Montagmorgen hätte für die meisten Mitarbeiter des großen französischen Autozulieferers Faurecia nicht schlechter anfangen können. In ihrem E-Mail-Programm fanden sie eine Nachricht. Der Absender: die Presseabteilung der Faurecia-Zentrale in Paris. Und die Nachricht war äußerst brisant: Agenturmeldungen, wonach gegen mehrere Manager deutscher Autokonzerne wegen des Verdachts der Korruption ermittelt wird, ließen einen Rückschluß auf Faurecia zu. Denn die Schmiergelder sollen von Faurecia stammen für bevorzugte Auftragsvergaben.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Der Konzern stellt Autositze und Cockpits her und ist zuletzt durch seine Diesel-Partikelfilter bekannt geworden. Doch seit diesem Montag ist für die Faurecia-Vertriebsmitarbeiter klar, daß ihr Geschäft, Aufträge hereinzuholen, ungleich schwieriger wird als früher.

          Auch Autokonzerne sind betroffen

          Seitdem ist eine Lawine ins Rollen gekommen. Faurecia hat sich immer tiefer verstrickt, der Bestechungsskandal ist sogar an der Unternehmensspitze angekommen. Die Ermittlungen der Frankfurter Staatsanwaltschaft richten sich angeblich auch gegen Faurecia-Chef Pierre Levi, der seit 1999 an der Spitze des Unternehmens steht, das mehrheitlich zu Peugeot-Citroen gehört. Levi hatte noch Anfang dieser Woche erklärt, mit der Justiz umfassend zusammenzuarbeiten: „Es ist im Interesse von Faurecia, daß diese Affäre völlig aufgeklärt wird.“

          Doch auch die Autokonzerne sind betroffen. Gerade erst ein Jahr ist es her, daß der Volkswagen-Konzern von der schlimmen Affäre um Schmiergelder und Lustreisen auf Firmenkosten erschüttert wurde, in deren Folge Arbeitsdirektor Peter Hartz und Betriebsratschef Klaus Volkert zurücktreten mußten. Nun hängt VW auch im Faurecia-Fall mit drin. Mehrere Mitarbeiter des VW-Konzerns und seiner Tochtergesellschaft Audi stehen unter dem Verdacht, Schmiergelder der Franzosen angenommen zu haben.

          600.000 bis 800.000 Euro jährlich

          Und der Skandal macht nicht bei VW halt. Inzwischen wird der seit einem Jahr schwelende Korruptionsfall bei BMW auch wieder mit Faurecia in Verbindung gebracht. Zum Kreis der dort verdächtigen Zulieferer gehören außer Faurecia die deutschen Mittelständler M&H, Grammer und Dräxlmeier sowie der amerikanische Milliardenkonzern Lear Corporation. Nach Angaben der Münchener Staatsanwaltschaft sollen vermutlich über mehrere Jahre hinweg Summen im „sechsstelligen Bereich“ geflossen sein.

          Im Fall Faurecia sind die Frankfurter Ermittler seit gut einem Jahr tätig, verdächtig sind inzwischen 20 Personen. „Faurecia wird zur Last gelegt, spätestens seit 1998 Schmiergelder im Umfang von zuletzt 600.000 bis 800.000 Euro jährlich an mehrere Mitarbeiter der Einkaufsabteilungen von deutschen Automobilkonzernen gezahlt zu haben“, heißt es bei der Staatsanwaltschaft. Zum Teil sollen die Gelder in bar geflossen sein, was den Verdacht schürt, daß die Faurecia-Führungsetage über die dubiosen Vorgänge informiert gewesen ist. Denn üblicherweise erhalten Vertriebsmitarbeiter kein Bargeld, sondern rechnen Einladungen an Einkäufer der Autokonzerne über die Kreditkarte ab.

          Eine ganze Branche im Zwielicht

          Die Frankfurter Staatsanwaltschaft will das Ermittlungsverfahren gegen Faurecia nun an einem Ort bündeln. „Es laufen Gespräche zwischen der Münchner Staatsanwaltschaft und uns über die Zusammenlegung des Verfahrens“, sagt der zuständige Oberstaatsanwalt in Frankfurt. Der Fall läßt indes die gesamte Branche im Zwielicht erscheinen. „Die Auftragsvergabe der Hersteller ist ein Hauen und Stechen“, sagt der Manager eines deutschen Zulieferers. „Da wird um den letzten Cent gefeilscht und am Ende noch ein Zahlungsziel ausgehandelt.“

          In Deutschland sind mittelständische Lieferanten oft abhängig von den heimischen Herstellern VW, Mercedes-Benz und BMW. Bleiben Nachfolgeaufträge aus, steht sogleich die Existenz auf dem Spiel. Und selbst große Zulieferer wie Faurecia sind dem Preisdiktat der Hersteller ausgeliefert, oder haben sich eng mit der Produktion des Kunden verzahnt. Faurecia hat zum Beispiel neben dem neuen BMW-Werk Leipzig eigene Fabrikhallen, um Sitze, Cockpits und Frontmodule für die BMW-Dreier-Reihe „just in time“ ans Band liefern zu können.

          GM und Ford gelten als schlimmste Kostendrücker

          Als schlimmste Kostendrücker aus Sicht der Zulieferer gelten General Motors und Ford. In Amerika hat bereits eine Reihe von Zulieferern Konkurs angemeldet, darunter mit Delphi ein echtes Schwergewicht der Branche. Die auf Restrukturierungen spezialisierte Beratungsfirma Alix Partners kommt in einer aktuellen Studie zu dem Schluß, daß derzeit ein Viertel aller Automobilzulieferer mit akuten Finanzproblemen zu kämpfen hat. Während 13 Prozent der europäischen Zulieferer zu den Sanierungsfällen zählen, sind es bei den amerikanischen sogar 38 Prozent.

          Entsprechend groß ist der Druck, neue Aufträge an Land zu ziehen, um den eigenen Betrieb über Wasser zu halten. Der Schritt zur Bestechung ist dann nicht mehr weit - und stößt offenkundig bei so manchem Einkäufer der Autokonzerne auf Gegenliebe. Im Faurecia-Fall stehen zwei Einkaufsleiter von VW und ein Mitarbeiter von Audi im Mittelpunkt der Untersuchungen. Alle drei Tatverdächtigen sollen von Faurecia Schmiergelder von mehreren hunderttausend Euro für die bevorzugte Auftragsvergabe erhalten haben. Und neben Geld sollen die Männer im Alter zwischen 46 und 64 Jahren nach ersten Erkenntnissen auch Möbel und Urlaubsreisen angenommen haben.

          Pikant ist der Vorwurf gegen den Audi-Mitarbeiter, der jetzt ebenfalls in Untersuchungshaft sitzt. Die Strafverfolger werfen ihm nicht nur die Annahme von Bargeld über mindestens 160.000 Euro vor. Er soll auch auf die Anstellung seiner 32jährigen Freundin bei einem Zulieferbetrieb in der Schweiz als Gegenleistung für Aufträge gedrungen haben. Wobei die Staatsanwaltschaft nicht vergißt darauf hinzuweisen, daß „der Arbeitslohn von rund 3400 Euro monatlich der geringen Qualifikation der Frau nicht entsprach“.

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