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Wirtschaftskrimi um Ergo-Versicherung : Sieh’ mal, ist das nicht der Herr Kaiser?

Welt aus Ferraris, Rolex, Bordellen: das Gellert-Bad, in dem die Sexparty stattfand Bild: dapd

Eine Sexparty für Vertreter, falsch berechnete Riester-Verträge und Fehlberatungen mit Unfallpolicen: Das alles wirft ein schlechtes Licht auf die Ergo-Versicherung. Doch dahinter scheint ein Wirtschaftskrimi mit dubiosen Akteuren zu stehen.

          Seit dem 20. April ist die Welt für Torsten Oletzky eine andere: Von Angriff musste der smarte Konzernchef der Ergo-Versicherung auf Verteidigung umstellen. In einer ganzseitigen Anzeige in einer Wirtschaftszeitung warfen drei ehemalige Vertreter dem Konzern vor, mit falschen Kostensätzen gearbeitet zu haben und ausgeschiedene Vermittler ungenügend entschädigt zu haben. Oletzky richtet eine Arbeitsgruppe ein, die die Vorwürfe prüfen soll. Die Aufmerksamkeit ist von nun an diesen Anschuldigungen gewidmet, die so vage sind, dass die „Task-Force“ nur in Trippelschritten vorankommt.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Am selben Tag tritt in München der Betriebswirtschaftsprofessor Leonhard Knoll im Internationalen Congress Center München an ein Mikrofon. Auf der Hauptversammlung des Ergo-Mutterkonzerns Munich Re ging es zuvor um die finanziellen Folgen des Erdbebens in Japan. Nun wird der Vorstandsvorsitzende Nikolaus von Bomhard auf dem falschen Fuß erwischt. Ob es stimme, dass Vertreter des Finanzvertriebs HMI, der zur Ergo gehört, auf einer Reise nach Budapest im Jahr 2007 auf Konzernkosten wie Volkswagen-Aufsichtsräte mit „french benefits“ versorgt worden seien? Für Knoll ist diese Intervention nichts Ungewöhnliches. Sein Vorgesetzter, der Würzburger Professor Ekkehard Wenger, gründete einst eine kleine Schutzvereinigung für Aktionäre, die schon häufig Missstände in Konzernen angeprangert hat. Die Information sei Knoll zuvor zugespielt worden. „Sie stehen am Ende einer Kette, deren Anfang Sie nicht kennen“, sagt er.

          Den Finger in die richtige Wunde gelegt

          Nach eiligen Recherchen muss der Münchener Rückversicherer den Vorwurf bestätigen. Knoll hat den Finger in die richtige Wunde gelegt. In der Düsseldorfer Ergo-Zentrale ist man dagegen voll ausgelastet, die Vorhaltungen aus der Anzeige der ehemaligen Vertreter zu prüfen. Dass man gleichzeitig eine zweite Flanke geöffnet hat, geht in der Aufregung unter. Das ist vielleicht der bislang größte Fehler in der Aufklärung der Vorwürfe.

          Musste von Angriff auf Verteidigung umstellen: Ergo-Chef Torsten Oletzky

          Denn genau einen Monat später trifft die Ergo der nächste Schlag. Ein ausführlicher Bericht informiert über Details der Lustreise ihrer Vertreter im Juni 2007. Veröffentlicht in derselben Wirtschaftszeitung. Die Details sind so abscheulich, dass sie auch fünf Wochen später noch ungeheuerlich klingen: Für die erfolgreichsten Vermittler der HMI – zusammengeschlossen im „Top Five Club“ – wurde einen Abend lang die Budapester Gellert-Therme gemietet. In den Innenräumen lasen Prostituierte den angeblich 100 Vertretern – die Ergo sprach später von 70 Teilnehmern – jeden Wunsch von den Lippen ab. Für Vorstände und besonders erfolgreiche Verkäufer sollen die schönsten Frauen reserviert worden sein.

          Die HMI-Vertreter waren für ihr rauhbeiniges Auftreten berüchtigt

          Wer den Strukturvertrieb der Hamburg-Mannheimer kennt, war von der Enthüllung nicht allzu überrascht. Schon in den neunziger Jahren musste der Vorstand des scheinbar so biederen Versicherers, der mit dem seriösen Herrn Kaiser für sich warb, einige unangenehme Zwischenfälle korrigieren. Gäste eines Robinson Clubs in der Türkei mussten finanziell entschädigt werden, weil HMI-Vertreter zu laut mit gewerblichen Damen im Pool gefeiert hatten. Eine Incentive-Reise in Chile beinhaltete so viel Kultur, dass die Vertreter sie kurzerhand nach Rio de Janeiro umleiteten und sich dort einer „weiblichen Intensivbetreuung“ erfreuten.

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