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Wachstumsneutrale Unternehmen : Die Firmen, die nicht wachsen wollen

  • -Aktualisiert am

Der Messerhersteller Victorinox wirtschaftet antizyklisch Bild: Hauri, Michael

Viele Management-Ratgeber erheben Wachstum quasi zum Selbstzweck eines Unternehmens. Doch nicht alle Firmenchefs wollen da mitmachen.

          Wenn Susanne Horn über den Jahresabschluss ihres Unternehmens redet, über Eigenkapitalquoten und Gewinnerwartungen, dann tut sie das vor allem, weil sie es muss. „Wir können die betriebswirtschaftliche Seite natürlich nicht ganz ausklammern“, sagt Horn und macht eine kleine Pause. „Leider.“ Das kleine Wörtchen verrät viel über die Brauerei Neumarkter Lammsbräu, für die Horn als Geschäftsführerin arbeitet.

          In einem jährlich erscheinenden Nachhaltigkeitsbericht stellt das Unternehmen seine Ziele vor: Das klassische Wachstum von Umsätzen und Gewinnen spielt dabei nur eine Nebenrolle. „Wir wollen sowohl gegenwärtig als auch zukünftig nur moderat wachsen“, hält der Bericht für 2013 dazu fest. Stattdessen behandelt er vor allem ökologische Zielsetzungen: Wie kann die Brauerei regionale Bio-Landwirtschaft fördern? Und wie lassen sich die CO2-Ausstöße weiter reduzieren? Geschäftsführerin Horn sagt: „Diese Themen sind das wahre Spiegelbild für Erfolg.“

          Wer nicht wächst, der stirbt – so lautet eine beliebte Mahnung in Management-Ratgebern, die Wachstum quasi zum Selbstzweck erheben. Doch längst nicht alle Unternehmen beugen sich diesem vermeintlichen Zwang. Manche Chefs wie Susanne Horn entscheiden sich sogar bewusst dagegen, Umsätze, Gewinne oder Mitarbeiterzahlen immer weiter aufzublähen: Sie halten ein rein quantitatives Wachstum für schädlich – und suchen sich daher andere Ziele. Wissenschaftliche Studien zu diesem Thema sind rar, eine der neuesten Untersuchungen stammt von Forschern des Berliner Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW).

          „Wachstumsneutrale Unternehmen“

          Im Dezember veröffentlichten die Wissenschaftler eine Pilotstudie über zehn sogenannte „wachstumsneutrale Unternehmen“. Deren Gemeinsamkeit: Für sie steht eine Zunahme „betriebswirtschaftlicher Kennzahlen wie Umsatz, Gewinn oder Mitarbeiterzahl nicht im Mittelpunkt“. Die untersuchten Unternehmen – von der Druckerei bis zum IT-Dienstleister – setzen andere Prioritäten. Manche wollen, wie Neumarkter Lammsbräu, vor allem die regionale Wirtschaft stärken und nur hochwertige Produkte anbieten. Andere Chefs befürchten, ihr Unternehmen werde mit wachsendem Umsatz weniger rentabel; wieder andere haben schlicht keine Lust auf längere Arbeitszeiten: „Ich will nicht mehr im Büro sitzen“, sagt einer.

          Brauerei-Geschäftsführerin Horn beispielsweise legt Wert darauf, alle ihre 106 Angestellten persönlich zu kennen. Bei der bisherigen Unternehmensgröße sei das noch machbar. „Ab etwa 130 Mitarbeitern sind persönliche Beziehungen zu jedem Einzelnen aber nicht mehr möglich“, sagt sie. Auch beim Hopfen begrenzt sich die Brauerei selbst, indem sie nur Pflanzen aus einem Umkreis von 70 Kilometern verwendet – aus Rücksicht auf die liefernden Bauern. „Das ist die maximale Entfernung, bei der sich eine Traktorfahrt noch lohnt“, erklärt Horn. Die Brauerei verzichtet also auf Ausbreitung – und riskiert dafür sogar, stark von der regionalen Ernte abhängig zu sein.

          In der Makroökonomie wird schon seit Jahren über die Möglichkeit einer Wirtschaft ohne Wachstum gestritten. Auf Unternehmensebene ist eine ähnliche Diskussion bislang jedoch ausgeblieben. Hier nimmt das Wachstum klassischer betriebswirtschaftlicher Kennzahlen nach wie vor eine zentrale Rolle ein, vor allem als Indiz für die Wettbewerbsfähigkeit: Jede Umsatzsteigerung wird in Pressemitteilungen hervorgehoben, jeder Rückgang möglichst verschwiegen – aus Angst vor fallenden Börsenkursen oder teuren Krediten. „Es gilt das vermeintliche Naturgesetz, dass Unternehmen wachsen müssen. Das hat sich einfach bei vielen festgesetzt und wird nicht hinterfragt“, sagt Jana Gebauer, eine der Autoren der IÖW-Studie. Die Forscherin beklagt, dass das Phänomen wachstumsneutraler Unternehmen auch in der Management-Literatur bestenfalls als „Randnotiz“ vorkomme.

          Enormes öffentliches Interesse

          Dabei gibt es ein enormes öffentliches Interesse an Unternehmen, die Wachstum kritisch hinterfragen, wie ein Fall aus Süddeutschland zeigt. In einem Zeitungsbericht hatte sich die Geschäftsführerin eines Möbelherstellers über Umsatzsteigerungen von mehr als 10 Prozent geärgert: Dieses Wachstum sei viel zu groß für ihren Familienbetrieb, es bringe mehr Aufwand als Nutzen. Nachdem der Artikel veröffentlicht war, quoll ihr E-Mail-Postfach dann regelrecht über: Sie erhielt mehrere tausend Nachrichten innerhalb einer Woche. „Das schaff ich nicht noch einmal“, sagt die Geschäftsführerin, die daher anonym bleiben will.

          Ihr Betrieb ist typisch für viele wachstumsneutrale Unternehmen: Denn der Möbelhersteller verschließt sich nicht jeder Form von Wachstum. Zwar hält das Unternehmen seit seiner Gründung die Mitarbeiterzahl konstant – „damit wir so ein eingeschworener Haufen bleiben“, wie es die Geschäftsführerin nennt. Doch andere Kennzahlen des Unternehmens wachsen durchaus, allerdings eher als Nebeneffekt. So hatte das Unternehmen etwa alle seine Öfen mit einer speziellen Folie isolieren lassen, um weniger Hitze zu verlieren und die Umwelt zu schonen. Das brachte auch ökonomischen Erfolg: Die Stromrechnung des Betriebs sank deutlich, der Ertrag stieg. „Solches Wachstum von innen heraus ist wunderbar“, sagt die Geschäftsführerin.

          Andere Unternehmen entscheiden sich ab einer bestimmten Größe auch aus wirtschaftlichen Gründen gegen mehr Wachstum. Würden sie neue Mitarbeiter einstellen oder ihren Umsatz weiter nach oben schrauben, müssten sie zusätzliche Gesetze und Regelungen beachten. Die Folge: Sprunghaft steigende Verwaltungskosten, die die Mehreinnahmen größtenteils wieder auffressen. Im Ergebnis wäre es ein Nullsummenspiel. Das Schweizer Unternehmen Victorinox beispielsweise wirtschaftet daher stark antizyklisch: In erfolgreichen Jahren spart der Taschenmesserhersteller einen Großteil seiner Gewinne, anstatt mit dem Geld Betrieb und Verwaltung weiter auszudehnen.

          Diese Reserven dienen für Krisenzeiten: So musste Victorinox in der Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001 keinen einzigen Mitarbeiter entlassen. Damals war der Umsatz schlagartig um rund ein Drittel eingebrochen – aufgrund der strengeren Regelungen, die Taschenmesser im Handgepäck von Flugpassagieren verbaten. Für viele andere Unternehmen wäre das wohl das Aus gewesen. Die Voraussetzungen für wachstumsneutrale Unternehmen hat Daniel Deimling von der Hochschule Heilbronn in seiner Dissertation untersucht. „Die Entscheidung, sich von Wachstumszielen abzuwenden, ist oft tief verwurzelt in der Firmenphilosophie“, sagt er.

          Bei seiner Recherche, erzählt der Wissenschaftler, sei er vor allem auf Inhaber gestoßen, die ihr Unternehmen stark ideologisch prägten: „Wenn der Chef über Begrenzungsfragen nachdenkt, überträgt sich das auch auf die Mitarbeiter.“ Neben allen ideellen Werten bleibt es aber auch eine Frage des Geldes. Kann es sich ein Unternehmen finanziell leisten, plötzlich nicht mehr wachsen zu wollen? Je höher etwa die Fremdkapitalquote, desto wahrscheinlicher lautet die Antwort nein. Deimling glaubt daher auch nicht, dass bald die ersten Konzerne dem Vorbild kleinerer Betriebe folgen werden. „Gerade bei Aktiengesellschaften“, sagt er, „herrscht von Aktionärsseite noch immer ein wahnsinniger Wachstumsdruck.“

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