https://www.faz.net/-gqe-7ud0c

Wachstumsneutrale Unternehmen : Die Firmen, die nicht wachsen wollen

  • -Aktualisiert am

Enormes öffentliches Interesse

Dabei gibt es ein enormes öffentliches Interesse an Unternehmen, die Wachstum kritisch hinterfragen, wie ein Fall aus Süddeutschland zeigt. In einem Zeitungsbericht hatte sich die Geschäftsführerin eines Möbelherstellers über Umsatzsteigerungen von mehr als 10 Prozent geärgert: Dieses Wachstum sei viel zu groß für ihren Familienbetrieb, es bringe mehr Aufwand als Nutzen. Nachdem der Artikel veröffentlicht war, quoll ihr E-Mail-Postfach dann regelrecht über: Sie erhielt mehrere tausend Nachrichten innerhalb einer Woche. „Das schaff ich nicht noch einmal“, sagt die Geschäftsführerin, die daher anonym bleiben will.

Ihr Betrieb ist typisch für viele wachstumsneutrale Unternehmen: Denn der Möbelhersteller verschließt sich nicht jeder Form von Wachstum. Zwar hält das Unternehmen seit seiner Gründung die Mitarbeiterzahl konstant – „damit wir so ein eingeschworener Haufen bleiben“, wie es die Geschäftsführerin nennt. Doch andere Kennzahlen des Unternehmens wachsen durchaus, allerdings eher als Nebeneffekt. So hatte das Unternehmen etwa alle seine Öfen mit einer speziellen Folie isolieren lassen, um weniger Hitze zu verlieren und die Umwelt zu schonen. Das brachte auch ökonomischen Erfolg: Die Stromrechnung des Betriebs sank deutlich, der Ertrag stieg. „Solches Wachstum von innen heraus ist wunderbar“, sagt die Geschäftsführerin.

Andere Unternehmen entscheiden sich ab einer bestimmten Größe auch aus wirtschaftlichen Gründen gegen mehr Wachstum. Würden sie neue Mitarbeiter einstellen oder ihren Umsatz weiter nach oben schrauben, müssten sie zusätzliche Gesetze und Regelungen beachten. Die Folge: Sprunghaft steigende Verwaltungskosten, die die Mehreinnahmen größtenteils wieder auffressen. Im Ergebnis wäre es ein Nullsummenspiel. Das Schweizer Unternehmen Victorinox beispielsweise wirtschaftet daher stark antizyklisch: In erfolgreichen Jahren spart der Taschenmesserhersteller einen Großteil seiner Gewinne, anstatt mit dem Geld Betrieb und Verwaltung weiter auszudehnen.

Diese Reserven dienen für Krisenzeiten: So musste Victorinox in der Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001 keinen einzigen Mitarbeiter entlassen. Damals war der Umsatz schlagartig um rund ein Drittel eingebrochen – aufgrund der strengeren Regelungen, die Taschenmesser im Handgepäck von Flugpassagieren verbaten. Für viele andere Unternehmen wäre das wohl das Aus gewesen. Die Voraussetzungen für wachstumsneutrale Unternehmen hat Daniel Deimling von der Hochschule Heilbronn in seiner Dissertation untersucht. „Die Entscheidung, sich von Wachstumszielen abzuwenden, ist oft tief verwurzelt in der Firmenphilosophie“, sagt er.

Bei seiner Recherche, erzählt der Wissenschaftler, sei er vor allem auf Inhaber gestoßen, die ihr Unternehmen stark ideologisch prägten: „Wenn der Chef über Begrenzungsfragen nachdenkt, überträgt sich das auch auf die Mitarbeiter.“ Neben allen ideellen Werten bleibt es aber auch eine Frage des Geldes. Kann es sich ein Unternehmen finanziell leisten, plötzlich nicht mehr wachsen zu wollen? Je höher etwa die Fremdkapitalquote, desto wahrscheinlicher lautet die Antwort nein. Deimling glaubt daher auch nicht, dass bald die ersten Konzerne dem Vorbild kleinerer Betriebe folgen werden. „Gerade bei Aktiengesellschaften“, sagt er, „herrscht von Aktionärsseite noch immer ein wahnsinniger Wachstumsdruck.“

Weitere Themen

Orangerie des Motorsports

KTM : Orangerie des Motorsports

KTM ist nach Stückzahlen inzwischen Spitzenreiter in Europa. Der Motorradhersteller aus Österreich hat viel vor und setzt sich mit der neuen Motohall ein Denkmal.

Die erste Frau mit Salz Video-Seite öffnen

Unternehmerin im Senegal : Die erste Frau mit Salz

Marie Diouf hat es von einer Arbeiterin zur Unternehmerin gebracht: Als erste Frau im Senegal beschäftigt sie 20 Arbeiter auf ihrem eigenen Salzfeld.

60 Satelliten auf einmal ins All Video-Seite öffnen

Internet 2.0 von SpaceX : 60 Satelliten auf einmal ins All

Die erdnahen Trabanten stellen die erste Stufe eines geplanten Netzwerks des Internetdiensts Starlink dar, das Hochgeschwindigkeits-Internet für zahlende Kunden auf der ganzen Welt zur Verfügung stellen soll. Starlink ist ein Projekt des Unternehmers Elon Musk.

Topmeldungen

Boris Johnson im Januar während einer Rede in Dublin

Sorgen in der Wirtschaft : Zittern vor Boris Johnson

Der Hardliner ist in Großbritannien der Favorit für die Nachfolge von Theresa May. Das lässt Unternehmen bangen: Er strebt einen No-Deal-Brexit an – ohne Rücksicht auf Verluste.
„Seit über 25 Jahren packen wir einmal im Jahr das gesamte Spielzeug für acht Wochen in den Keller“, berichtet Kita-Leiterin Elfriede Reissmüller, „und die Kinder werden aufgefordert, ihre Phantasie und Kreativität verstärkt einzusetzen.“

Kita ohne Spielzeug : Weg mit den Bauklötzen!

Eine Kita ohne Spielzeug – klingt widersinnig. Tatsächlich aber kann die fehlende Ablenkung Wunder wirken und wichtige Fähigkeiten für das spätere Leben ausbilden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.