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Der dunkle Kontinent? : Das tut die deutsche Wirtschaft für Afrika

Nähen in Tanger: Eine marokkanische Textilfabrik produziert im Auftrag europäischer Unternehmen Kleidung Bild: dapd

Der Sorgenkontinent Afrika kann auch anders: Viele deutsche Unternehmen produzieren dort mit großem Erfolg. Aber sie könnten noch mehr tun.

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          An normalen Tagen kann der Badausstatter Duravit im Dreischichtbetrieb 2000 Badewannen in seinem größten Werk in Kairo fertigen. Aber normale Tage sind für das mittelständische Unternehmen aus dem Schwarzwald, das fast 3000 Mitarbeiter in der Nil-Metropole beschäftigt, rar in Ägypten. Als vor drei Jahren die politische Krise eskalierte und in Kairo schwere Unruhen ausbrachen, hielt Duravit die Fabriken demonstrativ offen. Nicht, um die Produktion krampfhaft aufrechtzuerhalten. Es ging darum, den Beschäftigten ein Stück Normalität zu erhalten, wie der Vorstandsvorsitzende Frank Richter es einmal formulierte. Schließlich sei die Fabrik auch ein Ort der Begegnung, wo die Leute gerade in solchen Krisensituationen miteinander reden könnten.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin in der Wirtschaft.

          Duravit hat viel auf die Karte Ägypten gesetzt: Mehr als die Hälfte der Belegschaft beschäftigt das Unternehmen aus dem beschaulichen Hornberg dort in zwei Werken, wo Designbäder von Philippe Starck neben den Acrylbadewannen des Unternehmens gefertigt werden. Der Großteil der dort gefertigten Duravit-Produkte wird exportiert. Ägypten und die angrenzenden Regionen sind aber auch wichtige Absatzmärkte. Neben dem Marktzugang in die Maghreb-Staaten gelten niedrige Energie- sowie Lohnkosten in Ägypten als Wettbewerbsvorteil. Hinzu kommen die Nähe zu Europa und die einfache Logistik. Schiffe transportieren Waren über das Mittelmeer nach Europa.

          So ist der Autozulieferer Leoni aus Nürnberg zum wichtigsten privaten Arbeitgeber in Tunesien geworden, wo 13.000 Mitarbeiter Kabelsysteme herstellen. Nach der Autokrise 2009 und den damit verbundenen Entlassungen hat das Unternehmen inzwischen wieder 8000 neue Arbeitsplätze geschaffen; es hat in Nordafrika mit insgesamt 24.000 Menschen mehr Arbeiter auf der Lohnliste als vor der Krise mit 17.000 Menschen.

          Auch Leoni hielt während der Arabellion seine Produktion in Tunesien aufrecht, von wo die Reformbewegung damals ausging. Aus demselben Grund wie Duravit fuhr das fränkische Unternehmen die Angestellten mit Bussen in die Werke, wo sie während der Ausgangssperre nicht nur arbeiten, sondern auch zusammenbleiben konnten - als Halt gewissermaßen.

          Chancen auf einem wachsenden Absatzmarkt

          Duravit und Leoni sind zwei Beispiele für starke Engagements deutscher Unternehmen in Nordafrika. Und bis zum Jahr 2020 will Siemens die Belegschaft in Ägypten von derzeit 500 auf dann 1500 Mitarbeiter ausweiten. Nachdem der Technologiekonzern jüngst spektakuläre Aufträge zum Bau von Kraftwerken über 4 Milliarden Euro erhalten hat, will er 1000 Arbeitsplätze in der Produktion von Rotorblättern für Windturbinen schaffen.

          Die Engagements können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Afrika der Kontinent mit den vielen unterschiedlichen Geschwindigkeiten ist. Nordafrika sei wegen der Nähe zu Europa interessant, sagt Bruno Wenn, Geschäftsführer der zur KfW gehörenden DEG (Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft). Sichere Rahmenbedingungen führen zur starken Präsenz von VW, BMW und Mercedes, aber auch von Siemens und Bosch in Südafrika. Unternehmen aus den Industrieländern würden auch in den Osten des Kontinents, etwa nach Tansania und Mosambik, oder wegen der Rohstoffe nach Westen, nach Nigeria und Ghana, ziehen. Zentralafrika jedoch fällt in der Entwicklung ab, weil es sich um Binnenländer ohne Zugang zu Häfen handelt und so die Rahmenbedingungen nicht die besten sind.

          Die Deutschen seien in Afrika präsent, konstatiert der Afrikaverein der Deutschen Wirtschaft. Frankreich und die Vereinigten Staaten sind indes schon viele Jahrzehnte stark vertreten. Seit Anfang des Jahrtausends entdecken immer mehr Schwellenländer den Kontinent: China, Indien, Brasilien und die Türkei. Die deutsche Wirtschaft halte sich eher noch zurück. Nur 2 Prozent des deutschen Außenhandels würden mit Afrika abgewickelt, obwohl es einen Anteil an der Weltwirtschaftsleistung von 3 Prozent habe.

          „Es ist leichter für uns, Kunden aus Asien und Lateinamerika bei deren Engagement in Afrika zu begleiten als Unternehmen aus Industrieländern“, sagt DEG-Chef Wenn. „Die haben noch nicht die Chancen erkannt, die dieser wachsende Absatzmarkt bietet.“ Die Bemühungen vieler Länder goutiert er. „Es wird schon viel in Bildung investiert“, betont Wenn. „Aber es fehlen die Arbeitsplätze in der privaten Wirtschaft, schließlich können die Menschen nicht alle in der Verwaltung untergebracht werden.“

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