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Wirtschaft anders denken (1) : Nicht mehr das Schwein im Sack kaufen

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Den Kuchen teilen: Das Geld der Flattr-Spender geht zu gleichen Anteilen an jeden der vom Spender ausgewählten Empfänger Bild: Christian Guthier / Lysann Kurpiela / Johanna Emge

Das kleine Unternehmen Flattr aus Schweden möchte mit einem Button das Internet gerechter gestalten. Urheber und Konsumenten sollen sich durch ein einfaches Spendensystem nähern. Seit diesem Monat ist Flattr offen für die Allgemeinheit. Erster Teil unserer FAZ.NET-Serie „Wirtschaft anders denken“.

          Ihre Inhalte im Internet zu Geld zu machen ist ein alter Traum jener Autoren, Künstler und Programmierer, die im Netz publizieren, ohne bislang eine Gegenleistung für ihre Arbeit erhalten zu haben. Sie wollen nicht nur Euro oder Dollar, sie wollen auch Anerkennung und Wertschätzung. Das haben sich nun die Betreiber eines neuen Bezahldienstes zum Prinzip gemacht. „Flattr“ heißt das System; gegründet hat es eine Gruppe junger Schweden rund um den 31 Jahre alten Peter Sunde, der in der Vergangenheit als Mitbegründer der Plattform „Pirate Bay“ eher Negativ-Schlagzeilen machte. Nun will er mit seinem neuen Angebot die Netzwelt revolutionieren. Im Mai 2010 ging Flattr online - und war zunächst für einige Test-Nutzer zugänglich. Seit Anfang August ist Flattr nun offen für die Allgemeinheit.

          Flattr bezeichnet sich als „sozialen Micropaymentdienst“, also als Bezahldienst, der in kleinsten Einheiten rechnet. Ziel des Systems ist es, emotionale wie finanzielle Anerkennung an all die zurückfließen zu lassen, die freiwillig Dienste und Inhalte für andere bereitstellen. Das spiegelt sich schon im Namen wider, der aus „to flatter“ (jemandem schmeicheln) und dem Wort „Flatrate“ zusammengesetzt ist. Der Internetnutzer darf sich auf Flattr etwa nach dem Lesen eines Online-Artikels zunächst die Frage stellen: „Möchte ich überhaupt dafür zahlen?“ Gefällt dem Leser ein Beitrag so gut, dass er ihn angemessen würdigen möchte, dann bietet sich ihm die Möglichkeit zu „flattern“, das heißt, über Flattr zu spenden.

          Um das zu tun, meldet sich der Nutzer auf Flattr.com an und legt einen Betrag fest, den er monatlich ausgeben möchte. Der Mindestbetrag liegt bei zwei Euro und lässt sich auf maximal 100 Euro erhöhen. Einen gelungenen Beitrag kann der Nutzer mit einem Klick auf den Flattr-Button belohnen. Am Ende des Monats wird die vorher festgelegte Summe auf die angeklickten Inhalte verteilt. Bei jemandem, der zehn Euro im Monat spendet und hundertmal flattert, ist jeder Klick auf den Button zehn Cent wert. Klickt der Nutzer keine spendenwürdigen Inhalte an, lässt Flattr das Geld einem wohltätigen Zweck zukommen.

          Flattr-Anmeldeseite: Ein Filmchen zur Einweisung und schon können sich die Nutzer für die kleinen Spenden registrieren lassen

          Nur wer selbst bereit ist zu spenden, darf umgekehrt auch Spenden empfangen und zu diesem Zweck einen Flattr-Button unter seine Onlinebeiträge einbauen. Das Geld fließt in beide Richtungen, alle haben das gleiche Benutzerkonto. Den Geldtransfer wickelt Flattr über Pay Pal und Moneybookers ab, die allerdings eine Bearbeitungsgebühr von bis zu 21 Prozent verlangen. Hinzu kommen weitere zehn Prozent für die Betreiber von Flattr.

          Die Schweden sagen: „Das Schwein im Sack kaufen“

          Leif Högberg, einer der Entwickler von Flattr, sieht die Chancen des Bezahldienstes vor allem in der hohen Entscheidungsfreiheit, die er seinen Nutzern lässt: „Die meisten Menschen wollen bezahlen, aber sie möchten es zu ihren eigenen Bedingungen tun. Die alten Bezahlmodelle haben sich jedoch alle um das Prinzip entwickelt, vor dem Erhalt des Inhalts zahlen zu müssen. Die Schweden bezeichnen das als „köpa grisen i säcken“ („das Schwein im Sack kaufen“). Wir unternehmen die ersten Schritte, um das zu ändern.“

          Julius Endert hat davon schon jetzt profitiert. Der frühere Redaktionsleiter von Handelsblatt.com ist mittlerweile unter anderem als Autor für das Blog Carta.info tätig - und damit einer der ersten Nutznießer von Flattr. Im Juni konnte das Blog bereits rund 200 Euro über Flattr einnehmen. „Für uns waren die unerwartet hohen Spendenbeträge ein schönes Gefühl“, sagt er. „Anerkennung wird durch Geld ausgedrückt; das ist die Ökonomie der Aufmerksamkeit. Das hat eine soziale, emotionale Komponente.“

          Einige Flattr-Nutzer sehen aber auch Nachteile: Die Spendenhöhe für einen Beitrag ist nicht direkt beeinflussbar. Das heißt, dass es einem Spender nicht möglich ist, für einen sehr gelungenen Internetbeitrag mehr Geld zu spenden als für einen nur mäßig gelungenen. Leif Högberg von Flattr erklärt, dass die Einfachheit bei der Gestaltung des Systems Vorrang hatte. „Wir wollen den Fokus vom Geld wegführen. Das Wichtigste ist, dass der Inhalt honoriert wird, nicht wie viel Geld dafür gezahlt wurde.“

          Kritiker beklagen außerdem die fehlende Transparenz über die gespendeten Inhalte. Julius Endert schlägt mehr Kontrolle für den Nutzer vor: „Interessant wären Statistiken, die zeigen, wo welche Beträge entstanden sind. Und das System sollte auf andere digitale Medien ausgeweitet werden: Musik, Fotos, Videos.“ Laut Leif Högberg steht das bereits auf der To-Do-Liste von Flattr. Speziell die Einbindung bei Youtube könnte die Verbreitung des Modells beachtlich steigen, so hofft er.

          Datenschützer haben Bedenken

          Ein zweiter großer Kritikpunkt an Flattr ist der Datenschutz. Wann immer man auf einer Seite mit Flattr-Button landet, wird dieser Button mittels Java Script von Flattr.com nachgeladen und dabei ein eventuell vorhandenes Cookie im Browser des Anwenders gelesen. Das ist nötig, um einen späteren Klick auf den Flattr-Button einer Person zuzuordnen und damit den Geldtransfer einzuleiten. Allerdings könnte Flattr rein theoretisch mithilfe der Daten Surfprofile seiner Anwender erstellen. In den Datenschutzrichtlinien verspricht Flattr zwar, die gewonnenen statistischen Daten nicht mit persönlichen Daten zusammenzuführen und keine Daten an Dritte weiterzugeben, behält sich aber vor, die gewonnen Daten als „Asset“ bei einem eventuellen Aufkauf von Flattr mit zu verkaufen.

          Außerdem bringt Flattr für Blogger nicht nur Vorteile, sondern auch neue Hürden. Blogger, die vorher vergleichsweise frei und unabhängig publizieren konnte, betreiben durch die Nutzung von Flattr nun ein kommerzielles Angebot. Das heißt, sie müssen ein Impressum führen und dürfen viele Creative-Commons-Inhalte, also Inhalte, deren Nutzung der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt wurden, nicht mehr verwenden. Außerdem sind Spendeneinahmen ein Verdienst und somit steuerpflichtig.

          Der Service wird ziemlich rege genutzt

          Erste Zahlen von Flattr zeigen, dass der Service trotz all dieser Nachteile erstaunlich rege genutzt wird - wenn er auch aufgrund des „Micropayment“-Gedankens noch keine wirklich großen Einnahmen für die Betreiber von Webseiten generiert. 5590 Mal wurden etwa die Texte des Onlineangebots der Berliner „Tageszeitung“ im Monat Juni geflattert, dafür erhielt der Anbieter 988,50 Euro.

          Mit Spendenzahlen von Flattr lassen sich auch erste Rückschlüsse auf das Nutzerverhalten ziehen. Zwar veröffentlicht Flattr bei weitem nicht alle Nutzerzahlen, doch die erfolgreichsten Teilnehmer haben ihre Einnahmen einer Analyse unterzogen. Im ersten Monat waren es noch Beiträge über Flattr selbst, die die meisten Flattr-Klicks erzeugten. Doch das hat sich längst geändert. Im Juni beispielsweise erzielte Tim Pritlove mit dem Podcast-Angebot „Chaosradio Express“ 1739 Klicks - und damit das meistgeflatterte Angebot. 875,89 Euro konnte er auf diese Weise einnehmen. In dem Spendenerfolg sieht er vor allem eine Bestätigung dafür, wie wichtig es sei, einen kurzen Draht und vor allem eine persönliche Kommunikation mit der eigenen Community zu pflegen.

          Welche Themen lieber mit einem Bezahlklick versehen werden als andere - darüber gibt es noch keine generellen Erkenntnisse. Enno Park vom Blog Yucca Tree stellt mit Blick auf sein eigenes Angebot allerdings fest, dass Themen, die der Leser eines Blogs dort nicht erwarte, oder Kurzmeldungen eher selten geflattert werden. Ständig den Trendthemen hinterher zu bloggen erzeuge zwar Aufmerksamkeit bei Google, nicht jedoch bei Flattr. Zudem würden Aufreger-Artikel, in denen es darum geht, auf Politiker, Parteien oder Unternehmen zu schimpfen, quer durch alle Blogs gern geflattert. Auch die Berliner „Tageszeitung“ hat diesen Trend in ihren geflatterten Artikeln erkennen können.

          Die Deutschen flattern besonders gern

          Nicht zu übersehen ist auch, dass Flattr bislang vor allem in Deutschland wahrgenommen wird. Die Top 5-Angebote kommen aus Deutschland, der Anteil der deutschsprachigen Textbeiträge bei den 50 am meisten geflatterten Beiträgen liegt bei 98 Prozent. Langfristig möchte der Dienst sich jedoch auf dem gesamten europäischen Markt etablieren.

          So mancher Beobachter bezweifelt allerdings, dass dies gelingt. Micropayments sind nicht erst eine Erscheinung des Online-Zeitalters: Bereits in den 80er Jahren gab es in Deutschland Modelle fürs Fernsehen, die über den Teletext liefen. Mitte der 1990er-Jahre erforschten Start-Up-Unternehmen intensiv neuartige Zahlungssysteme, schürten hohe Erwartungen und scheiterten doch letzten Endes alle. Besonders im Internet gab es schon unzählige vergebliche Versuche, die Kostenlosmentalität einzudämmen. Solange vergleichbare Inhalte kostenfrei verfügbar seien, gebe es keine Zahlungsbereitschaft bei den Nutzern, so lautet das gern wiederholte Argument der Informationsökonomen.

          Die Nutzer sehen das Problem: „Es wird niemals zu einer Situation kommen, in der alles umsonst ist oder alles etwas kosten wird“, sagt Blogger Julius Endert. Aber der entscheidende Punkt bei Flattr sei, dass niemand verpflichtet sei zu zahlen. „Ob die Nutzer zahlen, hängt von der Kommunikationsform ab. Der Nutzer A, der bei iTunes kauft, gibt sein Verhalten an Nutzer B weiter, und so fort. Um diese Viralverbreitung anzustoßen, muss man dem Nutzer eine spezielle Motivation bieten. Flattr kann so eine Motivation sein, da klassische Mechanismen umgedreht werden. Erst lesen, dann zahlen - aber nur, wenn ich einen Nutzen davon hatte.“

          Teurer Qualitätsjournalismus

          Verlagsmanager wie John Thornton, Chef der Zeitung „Texas Tribune“ warnen zudem, dass Qualitätsjournalismus viel zu teuer sei, als dass er sich durch Spenden allein finanzieren lasse. Thornton schlägt daher „Umsatz-Promiskuität“ vor. Medienmacher müssen heute „überall und oft“ kassieren. Und Flattr könne durchaus eine von mehreren nennenswerten Einnahmequellen sein. Für Blogs könnte es darüber hinaus ein Weg werden, Reputation sichtbar zu machen und somit von den richtigen Geldgebern entdeckt zu werden.

          „Derzeit ist es noch kein erlerntes Verhalten, einen generell kostenlos angebotenen Inhalt freiwillig zu vergüten“, sagt Martin Ott, Geschäftsführer des elektronischen Bezahlinstituts Moneybookers. „Das Spenden ist an sich sehr löblich und wird von einer gewissen Anzahl von Kunden auch angenommen werden, aber es spricht nicht die breite Masse an.“ Dem stimmt auch Blogger Julius Endert zu: „Die Kommunikation über die Blogosphäre hinaus ist schwierig. Man muss durchaus netzaffin sein, um das alles zu begreifen. Der Zahlungsstandard wird Flattr sicher nicht werden.“

          Flattr selbst geht es nach eigener Aussage auch gar nicht darum, universell etablierter Standard zu werden. Leif Högberg hat trotzdem weiterhin sehr ambitionierte Ziele: „Letztlich mag Flattr nicht das Bezahlmodell sein, das jeder benutzt, doch Flattr ist der Startpunkt einer Revolution. Unsere Bemühungen werden echte Veränderungen nach sich ziehen.“

          In der neuen FAZ.NET-Serie „Wirtschaft anders denken“ schreiben Studenten des Studiengangs Online-Journalismus der Fachhochschule Darmstadt in loser Folge über wirtschaftliche Trends abseits der gängigen Unternehmensmeldungen und jenseits der wirtschaftswissenschaftlichen Konzepte vom nutzenmaximierenden Homo Oeconomicus.

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