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Wirtschaft anders denken (1) : Nicht mehr das Schwein im Sack kaufen

  • -Aktualisiert am

Welche Themen lieber mit einem Bezahlklick versehen werden als andere - darüber gibt es noch keine generellen Erkenntnisse. Enno Park vom Blog Yucca Tree stellt mit Blick auf sein eigenes Angebot allerdings fest, dass Themen, die der Leser eines Blogs dort nicht erwarte, oder Kurzmeldungen eher selten geflattert werden. Ständig den Trendthemen hinterher zu bloggen erzeuge zwar Aufmerksamkeit bei Google, nicht jedoch bei Flattr. Zudem würden Aufreger-Artikel, in denen es darum geht, auf Politiker, Parteien oder Unternehmen zu schimpfen, quer durch alle Blogs gern geflattert. Auch die Berliner „Tageszeitung“ hat diesen Trend in ihren geflatterten Artikeln erkennen können.

Die Deutschen flattern besonders gern

Nicht zu übersehen ist auch, dass Flattr bislang vor allem in Deutschland wahrgenommen wird. Die Top 5-Angebote kommen aus Deutschland, der Anteil der deutschsprachigen Textbeiträge bei den 50 am meisten geflatterten Beiträgen liegt bei 98 Prozent. Langfristig möchte der Dienst sich jedoch auf dem gesamten europäischen Markt etablieren.

So mancher Beobachter bezweifelt allerdings, dass dies gelingt. Micropayments sind nicht erst eine Erscheinung des Online-Zeitalters: Bereits in den 80er Jahren gab es in Deutschland Modelle fürs Fernsehen, die über den Teletext liefen. Mitte der 1990er-Jahre erforschten Start-Up-Unternehmen intensiv neuartige Zahlungssysteme, schürten hohe Erwartungen und scheiterten doch letzten Endes alle. Besonders im Internet gab es schon unzählige vergebliche Versuche, die Kostenlosmentalität einzudämmen. Solange vergleichbare Inhalte kostenfrei verfügbar seien, gebe es keine Zahlungsbereitschaft bei den Nutzern, so lautet das gern wiederholte Argument der Informationsökonomen.

Die Nutzer sehen das Problem: „Es wird niemals zu einer Situation kommen, in der alles umsonst ist oder alles etwas kosten wird“, sagt Blogger Julius Endert. Aber der entscheidende Punkt bei Flattr sei, dass niemand verpflichtet sei zu zahlen. „Ob die Nutzer zahlen, hängt von der Kommunikationsform ab. Der Nutzer A, der bei iTunes kauft, gibt sein Verhalten an Nutzer B weiter, und so fort. Um diese Viralverbreitung anzustoßen, muss man dem Nutzer eine spezielle Motivation bieten. Flattr kann so eine Motivation sein, da klassische Mechanismen umgedreht werden. Erst lesen, dann zahlen - aber nur, wenn ich einen Nutzen davon hatte.“

Teurer Qualitätsjournalismus

Verlagsmanager wie John Thornton, Chef der Zeitung „Texas Tribune“ warnen zudem, dass Qualitätsjournalismus viel zu teuer sei, als dass er sich durch Spenden allein finanzieren lasse. Thornton schlägt daher „Umsatz-Promiskuität“ vor. Medienmacher müssen heute „überall und oft“ kassieren. Und Flattr könne durchaus eine von mehreren nennenswerten Einnahmequellen sein. Für Blogs könnte es darüber hinaus ein Weg werden, Reputation sichtbar zu machen und somit von den richtigen Geldgebern entdeckt zu werden.

„Derzeit ist es noch kein erlerntes Verhalten, einen generell kostenlos angebotenen Inhalt freiwillig zu vergüten“, sagt Martin Ott, Geschäftsführer des elektronischen Bezahlinstituts Moneybookers. „Das Spenden ist an sich sehr löblich und wird von einer gewissen Anzahl von Kunden auch angenommen werden, aber es spricht nicht die breite Masse an.“ Dem stimmt auch Blogger Julius Endert zu: „Die Kommunikation über die Blogosphäre hinaus ist schwierig. Man muss durchaus netzaffin sein, um das alles zu begreifen. Der Zahlungsstandard wird Flattr sicher nicht werden.“

Flattr selbst geht es nach eigener Aussage auch gar nicht darum, universell etablierter Standard zu werden. Leif Högberg hat trotzdem weiterhin sehr ambitionierte Ziele: „Letztlich mag Flattr nicht das Bezahlmodell sein, das jeder benutzt, doch Flattr ist der Startpunkt einer Revolution. Unsere Bemühungen werden echte Veränderungen nach sich ziehen.“

In der neuen FAZ.NET-Serie „Wirtschaft anders denken“ schreiben Studenten des Studiengangs Online-Journalismus der Fachhochschule Darmstadt in loser Folge über wirtschaftliche Trends abseits der gängigen Unternehmensmeldungen und jenseits der wirtschaftswissenschaftlichen Konzepte vom nutzenmaximierenden Homo Oeconomicus.

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