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Wirtschaftsprüfung im Fokus : Welche Warnsignale es schon vor der Wirecard-Insolvenz gab

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Rote Lampen: Haben die Wirtschaftsprüfer im Fall Wirecard Warnsignale zu spät erkannt? Bild: dpa

Der Wirtschaftsprüfer Martin Wambach ist als Sonderermittler für den Wirecard-Untersuchungsausschuss bekannt geworden. Nun hat er an der Uni Düsseldorf einen Vortrag über den Fall gehalten. Sein Fazit: Bilanzbetrug läuft oft mit simplen Mitteln.

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          Der Bilanzskandal um das ehemalige Dax-Unternehmen Wirecard ist nach knapp zwei Jahren immer noch nicht endgültig aufgeklärt. Der Wirtschaftsprüfer Martin Wambach von Rödl & Partner und weitere Bilanzfachleute haben daher am Mittwoch an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf darüber diskutiert, welche Lehren sich aus dem Fall ziehen lassen. Stefan Süß, Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, warf die Frage auf, was passieren muss, damit solche Fälle nicht mehr vorkommen. Wambach stellte klar, dass Wirtschaftsprüfer damit rechnen müssten, auch künftig mit Betrugsfällen konfrontiert zu werden. Auch die Wirtschaftswissenschaftlerin Barbara Weißenberger ist der Auffassung, dass Bilanzskandale wie Wirecard sich nicht vollständig eindämmen lassen werden. Von den Wirtschaftsprüfern werde jedoch erwartet, sich dem entgegen zu stellen.

          Mark Fehr
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für die Prüferzunft war die Wirecard-Insolvenz im Juni 2020 ein Debakel, auch weil die für das Unternehmen viele Jahre zuständige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY tiefe Bilanzlücken zu spät entdeckt hatte. EY sieht sich heute als von Wirecard betrogen. Der Wirtschaftsprüfer Martin Wambach leitete ein vom Wirecard-Untersuchungsausschuss beauftragtes Ermittlungsteam, das den Abgeordneten des Bundestages dabei helfen sollte, sich ein Urteil darüber zu bilden, ob die Wirtschaftsprüfer zu einer früheren Aufdeckung hätten beitragen können.

          Wambach stellte während seines Vortrags in Düsseldorf klar, dass er kein Urteil über die Arbeit seiner Berufskollegen von EY fällen will. Ein Urteil fällen werde stattdessen die Wirtschaftsprüferaufsicht APAS, die noch in diesem Jahr über mögliche Sanktionen gegen EY entscheiden will. Ein Urteil fällen werden auch die Gerichte in München, die unter anderem über Schadenersatzforderungen von Wirecard-Geschädigten gegen die Wirtschaftsprüfung EY entscheiden müssen.

          Was sagt der Prüfungsstandard des Prüferinstituts IDW?

          Wambach ließ durchblicken, dass im Fall Wirecard einige Sachverhalte ans Licht gekommen seien, die einen Wirtschaftsprüfer zusammenzucken lassen. Über Wambachs Untersuchungsergebnisse ist schon breit berichtet worden, so ausführlich wie am Mittwoch hat er sich jedoch öffentlich bisher noch nicht geäußert. Der Bilanzfachmann nannte eine ganze Liste von Warnsignalen, die im Fall Wirecard schon frühzeitiger hätten stutzig machen können. Dabei stützte Wambach sich auf den Prüfungsstandard 210 des Wirtschaftsprüferinstituts IDW, der zahlreiche detaillierte Anhaltspunkte für möglichen Bilanzbetrug enthält. Worum geht es dabei im Einzelnen?

          Zunächst warnt der Prüfungsstandard vor ungewöhnlichen, komplizierten und undurchsichtigen Geschäften, wie sie sich im Fall Wirecard in Form des Drittpartnergeschäfts bestanden. So hatte der Zahlungsdienstleister Geschäftsbereiche in großem Umfang an andere Unternehmen ausgelagert. Hinzu kam, das hochrangige Wirecard-Manager auf zahlreiche kritische Stimmen und Nachfragen immer wieder beteuerten, dass alles in Ordnung sei. Auch sei kaum Bereitschaft des Managements zu erkennen gewesen, Fehler zuzugeben oder zu korrigieren. Vor einem solchen Verhalten warnt der IDW-Standard die Prüferzunft ebenso vor mangelhafter Buchung von wichtigen Geschäftsvorfällen wie bei Wirecard, wo laut Wambach häufig aggregierte Summen bebucht worden seien, statt einzelner Transaktionen. Nicht zu vergessen gewesen sei auch das Warnsignal negativer Presseberichterstattung, an der es in Bezug auf Wirecard nicht gefehlt habe. Wambach äußerte jedoch auch Verständnis für die Situation der Wirtschaftsprüfer, die in vielen Unternehmen auf der Suche nach Originalbelegen von einer Abteilung in die andere geschickt würden und oft in Sackgassen landeten, wobei sie unter hohem Zeitdruck stünden.

          Laut Wambach stellt sich mit Blick auf unterschiedliche Bilanzskandale oft heraus, dass diesen sehr simple Sachverhalte zu Grunde liegen. Im Fall Wirecard sei es am Ende um liquide Mittel gegangen, ein Bilanzposten also, der für wenig riskant gehalten wird und mit dessen Prüfung oft relativ unerfahrenen Prüfungsassistenten beauftragt werden. Kassenbestände und Bankguthaben lassen sich leicht nachprüfen und bewerten – normalerweise. Im ebenfalls spektakulären Fall Parmalat hatte ein Finanzvorstand des italienischen Lebensmittelkonzerns auf recht plumpe Weise einen Beleg über die gigantische Summe von 400 Millionen Euro gefälscht, und das Skandalunternehmen Comroad hatte 90 Prozent seiner Umsätze mit einer Tochter in Hongkong erzielt, die jedoch gar nicht existierte. Doch niemand hatte das nachgeprüft, obwohl das mit wenig Aufwand verbunden gewesen wäre.

          Auffällig im Fall Wirecard war laut Wambach auch, dass das Unternehmen keine interne Revision eingerichtet hatte und ein Prüfungsausschuss im Aufsichtsrat fehlte. Diese von Wambach genannten Defizite hätten jedoch nicht nur die Wirtschaftsprüfer vorsichtiger machen sollen, sondern auch Kreditgeber und Aktionäre.

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