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Wirecard-Skandal : Polizei räumt Marsalek-Villa in München

Auch in Berlin wird nach ihm gesucht: Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek Bild: CLEMENS BILAN/EPA-EFE/Shuttersto

Im Schattenreich von Wirecard ist der Teufel los. In einer Villa in München beschlagnahmte die Polizei nun Kunstwerke und Möbel.

          3 Min.

          Der Wirecard-Skandal, insbesondere das irre Treiben des flüchtigen ehemaligen Vorstands Jan Marsalek, zieht weite Kreise und reißt nun einen nach dem anderen in den Abgrund, der sich in dessen Gefolge vor kurzem noch auf der sicheren Seite wähnte. So erging es diese Woche einem Münchner Geschäftsmann, der sich bis in den Sommer zum erlesenen Kreis der Vertrauten Marsaleks zählte, genaugenommen bis zu dem lauen Junitag, an dem der Wirecard-Manager untertauchte; bis heute wird er mit internationalem Haftbefehl gesucht. Von dem Abgang hatte er seinem Freund, dem ehemaligen TUI-Manager V., offenbar nichts verraten.

          Bettina Weiguny
          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Kumpane saß plötzlich nicht mehr auf einem prall gefüllten Geldsack von Marsaleks Gnaden, sondern auf einer Zeitbombe, die jetzt hochging: Am Dienstag wanderte der Mann in Untersuchungshaft, sein Vermögen ist nach Informationen dieser Zeitung eingefroren, die Marsalek-Villa, in der Geschäftsmann V. residierte, wurde von der Polizei gründlich leer geräumt. Nun bangen viele Start-up-Firmen, die von dort mit Kapital versorgt wurden, um ihre Zukunft, konkret um die Millionen, die ihnen versprochen worden waren. Ein Opfer der Entwicklung ist der Lebensmittel-Lieferservice Getnow, eine der jungen Firmen aus Marsaleks Dunstkreis.

          Doch der Reihe nach. Beginnen wir mit der Villa in München-Bogenhausen. Hier hielt Jan Marsalek über Jahre hinweg Hof, hier heckte er mit dubiosen Gästen den Aufbau einer Söldnertruppe in Libyen aus, hier vernetzte er junge Gründer mit betuchten Investoren. Marsalek nannte die Villa sein „Zuhause“, offizieller Mieter des prunkvollen Anwesens war indes Geschäftsmann V. Nachdem Marsalek abgetaucht war, sah dieser sich plötzlich alleingelassen mit einer monatlichen Miete von knapp 50.000 Euro. Das Geld konnte V. nicht auftreiben.

          Wer steckt hinter der „Getnow Holding“?

          Schlimmer noch: Auch der Geldfluss seiner Beteiligungsgesellschaft namens „IMS Capital“ versiegte auf einen Schlag. Am 22. Oktober musste V. Insolvenz für die IMS-Gesellschaft anmelden, die nach Ansicht der Ermittler aus den dubiosen Quellen Marsaleks gespeist wurde. Dies wiederum trifft etliche Start-ups ganz empfindlich. IMS hielt Anteile an etwa 20 jungen Firmen, darunter jener Münchner Online-Supermarkt Getnow, der vorige Woche ebenfalls Insolvenz anmelden musste. „Wenn plötzlich ein Großinvestor wegbricht, ist das schwierig“, sagt ein Gesellschafter. Die Zahlungen seien schon seit einigen Monaten ausgeblieben, ein neuer Investor war auf die Schnelle nicht zu finden – auch wegen der vielen Fragezeichen, die bleiben.

          Denn was ist mit dem anderen Großinvestor, den V. und Marsalek vermittelt hatten? Wer steckt hinter der „Getnow Holding“ mit Sitz auf der Isle of Man, deren ominöse Muttergesellschaft ebenfalls zum Schattenreich Marsaleks gezählt wird?

          Die vielen Fragen stellt sich auch die Münchner Staatsanwaltschaft. Sie erhofft sich von Geschäftsmann V. Aufklärung, woher Marsaleks Vermögen stammte und wie er es über den Globus hin und her schob. Am Dienstag nahm sie V. fest. Der Vorwurf: Er soll vor der Insolvenz noch schnell 2,5 Millionen Euro von IMS abgezweigt haben. Allerdings weist die Staatsanwaltschaft darauf hin, dass der Haftbefehl gegen geeignete Auflagen außer Vollzug gesetzt wurde. V. könne „nach deren Erfüllung die Untersuchungshaft jederzeit verlassen“. Außerdem hätten die Ermittlungen gegen V. „nicht direkt mit den Ermittlungen in Sachen Wirecard zu tun“.

          Das ist die Marsalek-Masche. Direkt hat das eine nie etwas mit dem anderen zu tun, indirekt aber doch. Direkt hatte Marsalek nichts mit der Villa und IMS Capital zu tun, indirekt sehr wohl. Auch war Marsalek bei den Investments nie direkt involviert, er saß trotzdem oft mit am Tisch – in welcher Rolle auch immer; ob als Wirecard-Manager, als Privatmann, als Vermittler oder gar als V-Mann des österreichischen Nachrichtendienstes. Als solchen stuft ihn das Bundesjustizministerium ein, wie jetzt bekanntwurde.

          Ob V. in den nächsten Tagen wieder auf freien Fuß kommt, hängt vermutlich von der Höhe der Kaution ab. Sein Privatvermögen wurde arretiert, darauf hat er keinen Zugriff mehr. Zwei Geschäftspartner von IMS haben entsprechende Ansprüche geltend gemacht, Konten und Besitzstände von Manager V. wurden eingefroren. Und aus der Marsalek-Villa in der Prinzregentenstraße, so berichten es Augenzeugen, hat die Polizei noch etliches an Kunstgegenständen ausgeräumt.

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