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Wirecard-Chef Braun tritt ab : „Ich will diese Zukunft nicht belasten“

Der nun ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun ist am Freitag zurückgetreten. Bild: Reuters

Das Bilanz-Debakel bei dem Münchner Fintech kostet den Vorstandschef Braun mit sofortiger Wirkung seinen Posten. Dem Konzern droht nun der Abstieg aus dem Dax.

  • Aktualisiert am
          4 Min.

          Dass ein Viertel der Bilanzsumme offenbar verschwunden ist, hat nun auch Wirecards Vorstandschef seinen Posten gekostet. Markus Braun tritt mit sofortiger Wirkung im Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat zurück, teilte das Unternehmen am Freitagmittag mit. Interims-Chef wird nun der erst gestern in den Vorstand aufgerückte James Freis. Angesichts des wachsenden Bilanzskandals hatten zuvor immer mehr Investoren den Rücktritt von Braun gefordert. Auf die Nachricht des Rücktritts hin erholte sich Wirecards Aktienkurs leicht, notierte aber immer noch um 25 Prozent im Minus.

          Braun hat den in Not geratenen Konzern nach seinen Worten aus eigenem Antrieb verlassen. Wirecard habe ein exzellentes Geschäftsmodell, herausragende Technologie und ausreichende Ressourcen für eine große Zukunft, schrieb Braun am Freitag in einer auf Englisch verfassten persönlichen Erklärung an Mitarbeiter und Aktionäre. „Ich will diese Zukunft nicht belasten.“ Er habe den Vorsitzenden des Aufsichtsrats am Vormittag über seine Entscheidung informiert. „Mit meiner Entscheidung respektiere ich die Tatsache, dass die Verantwortung für alle geschäftlichen Transaktionen beim Vorstandschef liegt.“

          Zuvor war schon Vorstandsmitglied Jan Marsalek, der das obskure Drittpartner-Geschäft von Wirecard verantwortet hat, in dem offenbar 1,9 Milliarden Euro spurlos verschwunden sind, aus dem Amt geschieden. Marsalek galt als Strippenzieher, bei ihm liefen die Fäden in dem Asiengeschäft zusammen, ihm oblag auch die Zuständigkeit für die Konten eines Treuhänders, auf denen der Milliardenbetrag hinterlegt sein sollte. Doch die Dokumente vom März 2020 waren offenbar falsch. Deshalb verweigerten die Wirtschaftsprüfer von EY der Wirecard-Bilanz ihr Testat. Wirecard-Investoren forderten, die ermittelnde Staatsanwaltschaft München müsse hier tätig werden. Die Spur führt nach Asien, und hier auf die Philippinen

          Abstieg aus dem Dax scheint möglich

          Sollte der Zahlungsdienstleister angesichts des Skandals nun sogar in die Insolvenz rutschen, könnte das auch fühlbare Auswirkungen für Verbraucher an Ladenkassen haben: Wirecard wickelt unter anderem die Kreditkartenzahlungen für Aldi ab. Aldi steht laut eines Sprechers mit Wirecard in Verbindung, um den Sachverhalt zu klären. „Wir bitten jedoch um Verständnis, dass wir Spekulationen nicht kommentieren“, sagte er auf F.A.Z.-Anfrage.

          Braun galt lange als unersetzbar, da er das strategische Mastermind hinter Wirecard war. Der 51 Jahre alte Österreicher hatte aus dem Start-up-Unternehmen, das nach dem Zusammenbruch der New Economy zunächst Online-Zahlungen für die Porno- und Glücksspielindustrie abwickelte, binnen zwei Jahrzehnten einen internationalen Zahlungsverkehrsanbieter gemacht. Wirecard galt als die erfolgreichste deutsche Gründerstory. Vorläufiger Höhepunkt war der Aufstieg in den Dax im Herbst 2018 – seitdem ging es abwärts.

          Der Vorstandschef hatte stets den Eindruck erweckt, dass an den schon lange brodelnden Verdachtsmomenten gegen Wirecard nichts dran sei und sich früher oder später alles aufklären lasse – zuletzt noch am Donnerstagabend in einem Video, nachdem der Konzern zum vierten Mal seinen Jahresabschluss verschieben musste. In anderen Unternehmen wäre Braun als Chef wohl schon viel früher herausgeflogen. Als Problem galt aber, dass er nicht nur mit 7 Prozent der Aktien größter Einzelaktionär des eigenen Unternehmens ist, sondern eben auch der unersetzliche Stratege.

          WIRECARD

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          Deshalb sahen Beobachter den von der Deutschen Börse gekommenen und als durchsetzungsstarken Aufräumer geltenden Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann in einer Zwickmühle. Das am Freitag mitgeteilte Fehlen von 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz von Wirecard, die auf philippinischen Treuhandkonten hätten liegen sollen, dürfte dem Vorstandschef nun den Rest gegeben haben. Wie es mit dem Unternehmen weitergeht, ist allerdings freilich weiter offen. Am Markt wird schon eine Insolvenz des Zahlungsdienstleisters durchgespielt, ein Abstieg aus dem Dax erscheint möglich.

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