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Wirecard : Der Chef muss weg

Wirecard-Chef Markus Braun Bild: Reuters

Es ist an der Zeit, dass Wirecard-Chef Markus Braun seinen Posten als Vorstandschef aufgibt. Er hat in den vergangenen Monaten zu viel Vertrauen zerstört. Ein glaubhafter Neuanfang ist mit ihm nicht mehr möglich.

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          Schlimmer geht immer: Auf wenige Großunternehmen trifft diese Floskel derzeit besser zu als auf den Zahlungsdienstleister Wirecard. Seit vielen Monaten gelingt es dem Technologieunternehmen aus Aschheim bei München nicht, den Vorwurf der Bilanzmanipulation auszuräumen. Für einen im Aktienindex Dax gelisteten Konzern ist das ein Unding.

          Jetzt eskaliert dieser Skandal noch weiter: Nach einer Anzeige der Finanzaufsichtsbehörde Bafin ermittelt die Staatsanwaltschaft München gegen alle vier Vorstandsmitglieder von Wirecard – einschließlich Vorstandschef Markus Braun. Am Freitag wurden die Geschäftsräume des Unternehmens von der Polizei durchsucht. Es geht um den Verdacht der Marktmanipulation.

          Wirecard reagiert nach einem mittlerweile bekannten Muster: Alles haltlose Unterstellungen! Man sei zuversichtlich, dass sich der Sachverhalt aufklären werde und die Anschuldigungen sich als unbegründet erweisen werden. Aber wer mag solchen Beteuerungen noch Glauben schenken?

          Haarsträubende Mängel

          Im Zentrum dieses Skandals steht Markus Braun, der langjährige Vorstandschef, der Wirecard von einem unbedeutenden Start-up zu einem der größten Hoffnungsträger der deutschen Technologiebranche gemacht hat. Spektakuläre Erfolgsgeschichten in Zukunftsbranchen sind eher rar in einem Land, dessen Unternehmenslandschaft nicht von jungen, hungrigen Aufsteigern, sondern von etablierten Großkonzernen dominiert wird. Gerade deshalb ist das, was bei Wirecard derzeit geschieht, ja so traurig.

          In anderen Unternehmen wäre Markus Braun schon längst rausgeflogen. Zu haarsträubend sind die Mängel im internen Kontrollsystem des von ihm geführten Konzerns. Zur Erinnerung: Eine Sonderprüfung hat ergeben, dass Höhe und Existenz wesentlicher Umsatzbestandteile des Unternehmens in den Jahren 2016 bis 2018 nicht belegbar sind. Mittlerweile gibt es die Befürchtung, dass dasselbe auch für das vergangene Geschäftsjahr gilt.

          Und warum ist Braun dann überhaupt noch im Amt? Einerseits, weil er mit einem Anteil von 7 Prozent größter Aktionär ist. Doch wohl mindestens genauso wichtig: Er gilt wichtigen anderen Investoren bisher als unersetzlich. Der Wirtschaftsinformatiker firmiert schließlich nicht nur als Vorstandschef (CEO), sondern auch als Technologie-Chef (Chief Technology Officer) von Wirecard.

          Ein Dilemma, das jetzt gelöst werden muss

          Technologische Visionäre, die gleichzeitig Unternehmenschefs sind – das war immer schon eine heikle Kombination. Loszulassen, einen Teil der Macht abzugeben, das ist für diesen Schlag von Unternehmern seit jeher besonders schwierig. Apple-Mitgründer Steve Jobs scheiterte damit spektakulär, als er Mitte der achtziger Jahre den Pepsi-Manager John Sculley als CEO anheuerte. Es folgte ein Machtkampf, den Jobs verlor und der dazu führte, dass er zeitweise Apple verließ. Doch auch unter Sculleys Führung nahm Apple keine gute Entwicklung. Die Wende kam erst, als Jobs zurückkehrte.

          Besser hinbekommen haben es die Gründer des deutschen Softwarekonzerns SAP: Einer von ihnen, Hasso Plattner, gab 2003 seinen Posten als Ko-Vorstandschef auf und übergab an Henning Kagermann, der nicht zum Gründerkreis zählte. Plattner führt bis heute den Aufsichtsrat.

          Bei Microsoft wiederum zog sich Bill Gates um die Jahrtausendwende erst unter dem Druck eines bedrohlichen Kartellverfahrens als CEO zurück und wurde oberster Software-Architekt des Unternehmens.

          Es ist an der Zeit, dass auch Markus Braun Konsequenzen zieht und seinen Posten als Vorstandschef aufgibt. Er hat in den vergangenen Monaten zu viel Vertrauen zerstört. Ein glaubhafter Neuanfang ist mit ihm nicht mehr möglich. Zu wünschen wäre allerdings, dass er Technikchef von Wirecard bliebe, wenn die Ergebnisse der laufenden Ermittlungen dies zulassen. Das ist das Dilemma, das jetzt gelöst werden muss: Mit Braun als Vorstandschef kommt Wirecard nicht aus der Krise. Aber ihn ganz zu verlieren – das wäre auch ein schwerer Schlag für das Unternehmen.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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