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Kommentar : Der bessere Bahnchef

Er könnte sofort einspringen: Ronald Pofalla Bild: dpa

Ronald Pofalla könnte übernehmen – und die Bahn so noch näher an die Politik heranrücken. Die großen Probleme wird das allerdings nicht lösen. Ein Konzept für die Bahn hatte der Bund noch nie.

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          Der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn hat den Konzern ohne Not und ohne Vorwarnung in eine Führungskrise manövriert. Bahnchef Rüdiger Grube ist nicht mehr an Bord. Am Dienstag versammelten sich die vier verbliebenen Vorstandsmitglieder zur wöchentlichen Sitzung. Noch unter dem Eindruck des Vortags arbeiteten sie die Tagesordnung ab. Die wichtigste Frage stand indes nicht auf dem Zettel, sondern nur als unsichtbarer Elefant im Raum: Wer folgt auf Grube?

          Kerstin Schwenn
          (enn.), Wirtschaft

          Seit Monaten sucht der Aufsichtsrat erfolglos nach einem neuen Technikvorstand. Nun muss es noch eine Nummer größer sein. Das Anforderungsprofil an den künftigen Bahnchef ist klar: Der Kandidat muss möglichst die Befähigung zum Bundestrainer und zum Bundeskanzler haben, muss eine Mischung sein aus Dschungelkönig und Kummerkasten-Onkel. Und am besten noch eine Frau. Im Ernst: Es geht um einen Posten von Gnaden der Politik an der Spitze eines Unternehmens mit dem Profil eines Dax-Konzerns.

          Schuld daran ist die eigentümliche Konstruktion der Deutschen Bahn: Seit der Bahnreform 1994 wird die einstige Bundesbahn privatrechtlich geführt. Sie soll wirtschaftlich arbeiten und dem Eigentümer Bund eine möglichst hohe Dividende abwerfen. Gleichzeitig aber funkt die Politik dem Konzern massiv ins Geschäft, und zwar nicht nur beim Ausbau und Erhalt des Schienennetzes, die der Bund weit überwiegend bezahlt. Die Liste der Verflechtungen ist lang: Der Bundesfinanzminister überweist den Ländern Milliardensubventionen für den Regionalverkehr, der Verkehrsausschuss wehrt sich gegen die Teilprivatisierung von Tochtergesellschaften, der Verkehrsminister fordert mehr W-Lan in Zügen. Und das Kanzleramt redet mehr als ein Wort mit bei der Besetzung des Spitzenpostens.

          Mehdorn und Grube führten sehr unterschiedlich

          Zuletzt entschieden sich Politik und Aufsichtsrat zweimal für gestandene Manager: 1999 für Hartmut Mehdorn und 2009 für Rüdiger Grube, die sich schon aus Airbus-Zeiten kannten. Beide führten sehr unterschiedlich - ihrer Persönlichkeit, aber auch dem Zeitgeist geschuldet. Mehdorn wollte den politischen Auftrag erfüllen, die Bahn zu privatisieren. Er verfolgte einen harten Sparkurs und brachte den Konzern in die Gewinnzone. Nach dem Scheitern des Börsengangs aber arbeiteten sich Politik und Fahrgäste an den Schattenseiten dieses Kurses ab - den Folgen unterlassener Investitionen. Die Geschichte des „weltweit führenden Logistikkonzerns“ war zu Ende erzählt.

          Grube trat an, um das Unternehmen „sympathisch“ zu machen. Die Fahrgäste sollten ihre Bahn wieder liebgewinnen. Dazu waren Milliarden-Investitionen nötig, in neue Züge und in die Digitalisierung. Für die Finanzierung musste sich die Bahn hoch verschulden. Im Herbst kam der Bund mit 2,4 Milliarden Euro zu Hilfe - ein Rückschritt hinsichtlich der Unabhängigkeit der Bahn.

          Das Brot-und-Butter-Geschäft läuft schon lange nicht glatt. Der Fernverkehr steht wegen der Fernbusse und niedriger Spritpreise unter Druck, im Nahverkehr verdrängen Wettbewerber die alte Bahn. Dramatisch ist die Lage bei der Güterbahn, die seit Jahrzehnten auf keinen grünen Zweig kommt. Die Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene erweist sich immer mehr als Trugbild.

          Eine Mischung aus mangelndem Interesse und Feigheit

          Für den Bund ist das ein Problem, hat er doch außer Lippenbekenntnissen seit jeher kein eigenes Konzept für die Bahn. Die Lücke zu füllen überließ noch jeder Verkehrsminister dem Bahnvorstand. Im Hinblick auf das operative Geschäft verfolgt der Bund diese Strategie der Nichteinmischung zu Recht. Aber die Passivität in Grundsatzfragen ist das Ergebnis einer Mischung aus mangelndem Interesse und Feigheit. Denn gäbe es ein Prioritätenpapier, gerieten womöglich Minister in die Haftung für schlechte Zahlen des Konzerns. Diese Verantwortlichkeit überlässt die Politik dann doch lieber dem Bahnchef. Er darf lavieren zwischen Milliarden-Dividende und „freie Fahrt für alle“.

          Der Aufsichtsrat sucht nun einen Vorstandsvorsitzenden, der es besser kann als Mehdorn und Grube. Wenn es nach den Aufsehern geht, soll es wieder ein Manager werden und nicht ein ehemaliger Politiker. Das ist der richtige Plan - aber eine schlechte Nachricht für Ronald Pofalla, der sich im Bahnvorstand zum Aufstieg bereithält. Für Pofalla kommt das Revirement zu früh - zu sehr hängt an ihm noch der Stallgeruch des Politikers, der nur durch Beziehungen den lukrativen Posten in der Wirtschaft ergatterte. Er hätte sich gern erst als Infrastrukturvorstand profiliert.

          Gut möglich, dass sich Bundesregierung und Aufsichtsrat am Ende doch für Pofalla entscheiden. Denn er steht - anders als (höher bezahlte) Spitzenmanager - sofort zur Verfügung. Die Union könnte die SPD zudem daran erinnern, dass es eine großkoalitionäre Absprache gab. Die besagt, dass ein SPD-Mann einen CDU-Mann an der Spitze der Bundesagentur für Arbeit ersetzen sollte (was auch geschah), dafür sollte der Weg frei sein für einen CDU-Mann bei der Bahn. Verbinden ließe sich das sogar mit der Bestellung eines neuen, der SPD nahen Aufsichtsratschefs. Das alles müsste vor der Bundestagswahl über die Bühne gehen. Eine solche Rochade rückte die Bahn noch näher heran an die Politik. Ihre Probleme löste sie nicht.

          Vorstandsvorsitzender : Bahnchef Grube tritt zurück

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