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Luftfahrt : Wird der Klimaschutz auch ein Opfer von Covid-19?

Airbus-Chef Guillaume Faury Bild: AP

Airbus stellt sein Forschungsprogramm zum elektrischen Fliegen ein. Der Hersteller schwört, am Kampf gegen den Klimawandel festzuhalten, doch derzeit führt er nur die allernötigsten Investitionen fort.

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          Wenn es um das schiere Überleben eines Unternehmens geht, müssen die Führungskräfte mehr an heute als an morgen oder übermorgen denken. In diesem Licht ist die Entscheidung von Airbus zu sehen, die Arbeiten an einem wichtigen Entwicklungsprojekt zum Fliegen mit Elektromotor einzustellen. Die Kooperation mit dem Triebwerkshersteller Rolls-Royce unter den Namen „E-Fan X“ endet, ohne dass ein Flugzeug je abgehoben hat. „Einen Erstflug zu machen, wäre ein sehr teurer Teil des Projektes gewesen. Dabei hätten wir wahrscheinlich weniger gelernt als all das, was wir schon am Boden gelernt haben“, sagte der Airbus-Vorstandsvorsitzende Guillaume Faury bei der Präsentation der jüngsten Quartalszahlen am Mittwochmorgen. „Es ist offensichtlich geworden, dass für beide Seiten ein Testflug mit all seinen integrierten Elementen im Augenblick nicht essentiell ist“, sagte der Technologie-Vorstand von Rolls-Royce, Paul Stein.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Dabei betonte Stein, dass das Projekt immer nur ein Demonstrationsflugzeug hervorbringen sollte, das nicht für den Verkauf gedacht war. Das Fliegen mit Elektromotor ist eine riesige Herausforderung, weil enorme Batteriekapazitäten gebraucht werden. 2017 hatten Airbus und Rolls-Royce die Arbeit am E-Fan X aufgenommen. An dem außer Dienst gestellten vierstrahligen Passagierflugzeug BAe 146, das mehrere Dutzend Personen transportieren kann, sollte eines von vier Triebwerken ein Elektromotor sein, der ursprünglich von Siemens stammte. Der E-Fan X war das Nachfolge-Projekt des kleinen Airbus-Elektroflugzeuges E-Fan und sollte zeigen, dass Elektromotoren auch etwas größere Maschinen antreiben können. 

          Doch durch die Covid-19-Krise haben sich die Prioritäten verändert: Der Airbus-Chef hatte kürzlich in einer Mitteilung an die Belegschaft geschrieben, dass das „Überleben“ des Konzerns durch die Coronavirus-Krise auf dem Spiel stehen könnte. Das war wahrscheinlich etwas übertrieben, dennoch ist die Lage nach der Schilderung von Airbus „dramatisch“, wie auch die jüngsten Quartalszahlen bis Ende März andeuten. Obwohl sie nur etwa einen Krisenmonat enthalten, ging in dem vierteljährlichen Zeitraum der Konzernumsatz um 15 Prozent auf 10,6 Milliarden Euro zurück; der Gewinn vor Steuern und Zinsen gab um mehr als die Hälfte auf 79 Millionen Euro nach. Unterm Strich steht für das erste Quartal sogar ein Nettoverlust von 481 Millionen Euro. Neben geringeren Zahlungen der Fluggesellschaften sind darin zwar auch Verluste durch Investitionen in ein amerikanisches Satellitenprojekt und in eine Beteiligung beim französischen Flugzeughersteller Dassault Aviation enthalten, doch alleine die Tatsache, dass Airbus im März 60 Flugzeuge produzierte, die nicht ausgeliefert werden konnten, zeigt die Engpässe.

          Oben ein Modell des Airbus E-Fan X

          Der Hersteller erwartet weitere Rückstaus, denn viele Fluggesellschaft bitten um die Verschiebung von Auslieferungen; sie plagen Existenzsorgen, außerdem sind sie nicht in der Lage, ihre Maschinen in den Airbus-Werken abzuholen, weil Flugbeschränkungen herrschen und die Crews unter Umständen in Quarantäne müssten. Obwohl Airbus die Herstellungsraten um rund ein Drittel herunterfährt, produziert das Unternehmen auf Halde. Es erwartet den Höhepunkt beim Parken von nicht-ausgelieferten Flugzeugen erst im dritten Quartal dieses Jahres, wie Konzernchef Faury erklärte.

          Somit führt Airbus jetzt nur die allernötigsten Investitionen fort, etwa die Arbeiten an der Langstreckenversion (XLR) des Airbus A321, auf die man für die Zeit nach der Krise große Hoffnungen setzt. Die Forschungschefin Grazia Vittadini deutete in einem Beitrag auf dem Netzwerk Linked-in an, dass unter den Zukunftsprojekten zudem Wasserstoff-Antriebe künftig eine größere Rolle spielten. Der europäische Hersteller betont, grundsätzlich an den Arbeiten für das schadstoffärmere Fliegen festzuhalten. „Airbus will ein Marktführer beim Abbau von Kohlendioxid sein“, sagte Konzernchef Faury. Das Ziel des Klimaschutzes sei genauso wichtig wie vor der Covid19-Krise - wenn nicht sogar wichtiger - doch gleichzeitig sei es „kurzfristig weniger dringlich“, sagte Faury. Denn derzeit sei die Klimabelastung durch das Fliegen wegen der vielen Maschinen am Boden stark geschrumpft. „Aus praktischen Gründen, um unsere Barmittel zu schonen, verlangsamen wir im Augenblick etwas“, sagte der französische Manager. Die Mehrzahl der Zukunftsprojekte zum Klimaschutz würde „in Winterschlaf versetzt“, um später wieder aufgenommen werden zu können.

          Auch etliche Fluggesellschaften plädieren für eine Anpassung der Ziele im Kampf gegen den Klimawandel. Im Rahmen des internationalen Abkommens namens Corsia haben die Airlines versprochen, entweder die Emissionen zu senken oder für einen Ausgleich durch Investitionen in CO2-sparende Projekte wie die Baumpflanzung zu sorgen. Die Referenz für die Ziele bis 2027 oder 2035 sollte ein Durchschnitt der Emissionen von 2019 und 2020 sein. Doch 2020 ist ein sehr untypisches Jahr mit außergewöhnlich niedrigen Emissionen. Deshalb fordert die Lobbyorganisation der Fluggesellschaften Iata, jetzt nur 2019 als Referenzjahr heranzuziehen. Wenn man 2020 einrechne, seien die Fluggesellschaften sogar mit einer Verschärfung der Klimaziele konfrontiert, heißt es. Damit drohe das Szenario, dass einige Nationen wegen finanzieller Überforderung aus dem Abkommen aussteigen. In Kreisen von grünen Politikern und von Umweltschutzverbänden ist diese Forderung abgelehnt worden.

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