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Windanlagenhersteller : Senvion meldet Insolvenz an

Die Senvion SA, die früher Repower hieß, gehört zu den – nach Umsatz – zehn größten Windanlagenherstellern der Welt. Bild: dpa

Dem Windradhersteller geht das Geld aus. Die Gespräche um eine neue Finanzierung blieben ohne Ergebnis – es geht um eine Lücke von 100 Millionen Euro.

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          Lange hat das Management mit Gläubigerbanken und Hedgefonds um seine Finanzierung gerungen. Aber jetzt ist klar, dass dem Windanlagenhersteller Senvion das Geld ausgeht. Wie das Unternehmen mit Hauptverwaltung in Hamburg am Dienstag mitteilte, hat es am zuständigen Amtsgericht einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung gestellt. Für die Mitarbeiter und den Mehrheitseigner Centerbridge, ein Finanzinvestor aus New York, ist der Schritt ein Debakel. Der Vorstandsvorsitzende Yves Rannou gibt sich aber zuversichtlich, das Unternehmen retten zu können. „Auch wenn es uns bisher noch nicht gelungen ist, durch eine Refinanzierung etwas mehr Freiraum zu gewinnen, so können wir doch auf ein grundsätzlich solides und starkes Geschäftsmodell bauen“, sagte er.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Bis zur letzten Minute hatte Senvion nach Wegen gesucht, um eine Finanzierungslücke im laufenden Geschäft von 100 Millionen Euro zu schließen. Als Retter in der Not hatten sich die Finanzinvestoren Anchorage und Davidson Kempner angeboten, die sich zuvor schon in eine rund 400 Millionen Euro umfassende Anleihe des Unternehmens eingekauft hatten. Doch ihre Offerte für einen Kredit, dessen Konditionen sie in dieser Woche noch überarbeitet hatten, soll in den finanzierenden Banken, allen voran der Deutschen Bank und der Bayern LB, nicht auf Zustimmung stoßen. Sollte sich das ändern, könne der mit rund 950 Millionen Euro verschuldete Windanlagenhersteller den Insolvenzprozess noch abbrechen, hieß es. Zunächst habe das Amtsgericht den Antrag akzeptiert, womit das Verfahren losgehe. An der Börse stießen die Nachrichten auf ein verheerendes Echo: Der Aktienkurs, der seit Monaten unter Druck ist, fiel am Dienstag um rund 40 Prozent auf 70 Cent.

          Die Senvion SA, die früher Repower hieß, gehört zu den nach Umsatz zehn größten Windanlagenherstellern der Welt. Das Unternehmen kam zuletzt auf Erlöse von etwa 1,45 Milliarden Euro im Jahr und beschäftigt rund um den Erdball etwa 4000 Mitarbeiter. Die Produktion läuft vor allem in Bremerhaven, die Entwicklung findet im sogenannten Techcenter in Osterrönfeld und Osnabrück statt. Dass das Unternehmen in der Krise steckt, hat mit Turbulenzen am Markt zu tun, die auch Wettbewerber zu spüren bekommen. So hat der Rivale Enercon im vergangenen Jahr angekündigt, wegen scharfen Wettbewerbs und veränderter Fördermodelle vor allem im Hauptmarkt Deutschland Hunderte Stellen abzubauen. Auch die Nordex SE mit Sitz in Rostock und Hamburg verzeichnete zuletzt deutliche Umsatz- und Ergebniseinbußen, sieht allerdings für die kommenden Monate bessere Perspektiven. Für Senvion kamen hausgemachte Schwierigkeiten hinzu, vor allem Verzögerungen in der Installation von Windparks, die zu Umsatzausfällen führten. Das Unternehmen habe in einem „herausfordernden Marktumfeld operationale Fehler gemacht“, sagte Rannou, der zum Jahreswechsel die Nachfolge des früheren Schaeffler-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Geißinger an der Konzernspitze angetreten hatte.

          Transformationsprogramm gestartet

          Um das Unternehmen zurück in die Spur zu bringen, hatte der Vorstand im Januar ein Transformationsprogramm gestartet, das nun in der Insolvenz beschleunigt werden soll. Ziel sei es, das Geschäft von Senvion auf die attraktivsten Märkte zu konzentrieren. Zudem soll das Portfolio von Anlagen und Dienstleistungen gestrafft werden. Auch will Senvion seinen Einkauf umstellen, um die Materialkosten senken zu können. Gleichzeitig sucht das Management um Rannou, das in der Eigenverwaltung die Geschäfte weiterführt, nach neuen Möglichkeiten für die Finanzierung. Potentielle Investoren hätten schon Interesse bekundet, heißt es dazu in der Meldung. Unterstützt wird er von zwei Sanierungsfachleuten der Sozietät Görg Rechtsanwälte. Gerrit Hölzle und Thorsten Bieg seien in die Geschäftsleitung der antragstellenden Gesellschaften berufen worden, hieß es. Bislang bezieht sich der Insolvenzantrag auf die Senvion GmbH und die Tochtergesellschaft Senvion Deutschland; im Verlauf der Woche sollen weitere Konzerngesellschaften dazukommen. Als vorläufiger Sachwalter wurde der Rechtsanwalt Christoph Morgen von der Kanzlei Brinkmann & Partner bestellt.

          Das Unternehmen war im Jahr 2001 unter dem Namen Repower Systems AG aus einer Fusion mehrerer mittelständischer Windkraftunternehmen hervorgegangen. 2007 ging der Hersteller nach einem langen Bieterkampf an den indischen Produzenten Suzlon. Seit dem Verkauf im Jahr 2015 hält Centerbridge die Mehrheit der Anteile. Laut der Mitteilung von Dienstag hatte der Fonds, der für die Übernahme rund 400 Millionen Euro bezahlt hatte, das Unternehmen allein in den vergangenen neun Monaten mit weiteren 82 Millionen Euro gestützt. Hintergrund waren die verstärkten Schwierigkeiten, die im Februar zu einer Ergebniswarnung geführt hatten. Zudem hat der Konzern bis heute keinen Jahresabschluss für 2018 vorgelegt.

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