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Windanlagenhersteller Enercon : Kalte Enteignung in Indien

Enercon-Windkraftanlage: Große Nummer daheim, wenig Glück in Indien Bild: dpa

Für den deutschen Windanlagenbauer Enercon wurde der Sprung auf den Wachstumsmarkt Indien zum Albtraum: Indische Richter erklärten alle Enercon-Patente für unwirksam. Ein alarmierender Präzedenzfall für Hochtechnologieanbieter, findet Enercon.

          Das Internet kann lügen, dass sich die Balken biegen. Auf seiner bunten Internetseite schreibt der Windanlagenhersteller Enercon India Ltd. (EIL) unter dem Stichwort Unternehmensprofil: „EIL wird mit dem jüngsten Design und Entwicklungen vom Anteilseigner Enercon GmbH unterstützt.“ Nichts liegt der Wahrheit ferner als diese Behauptung. Wir betrachten unser Engagement in Indien mittlerweile als Fehler, die Investitionen sind abgeschrieben, wir wurden auf mehreren Ebenen betrogen, beraubt, unsere Mitarbeiter bedroht, heißt es nämlich bei der deutschen Enercon GmbH in Aurich, die die Mehrheit an EIL hält. „Es ist offensichtlich, dass die indische Seite die Absicht verfolgt, Enercons faktische Enteignung in Indien zu zementieren“, sagt Geschäftsführer Hans-Dieter Kettwig.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Das Unternehmen spricht von einer „Desillusion mit dem Standort Indien“ und „eklatanter Rechtsunsicherheit“ dort – Begriffe, die in der Industrie bislang eher auf China bezogen wurden. Die Norddeutschen ziehen sich zugleich aus dem vielversprechenden Markt zurück. Dabei ist Indien in Sachen Windkraft die Nummer Drei hinter Amerika und China. Nun schlagen die Wellen hoch: Bis nach Berlin, wo sich die Bundesregierung zum Fall Enercon äußern muss.

          Aus Partnern wurden Feinde

          Doch was ist eigentlich passiert? Die Ostfriesen sind mit über 60 Prozent Marktanteil der Marktführer in Deutschland und der viertgrößte Windenergieanlagenhersteller der Welt. 1994 stiegen sie mit großem Enthusiasmus in Indien ein. Ihr Partner, der Textilunternehmer Yogesh Mehra aus Bombay (Mumbai), versprach mit einem Gemeinschaftsunternehmen eine schnelle Eroberung des Marktes. Mehra wurde Geschäftsführer, Enercon-Gründer Aloys Wobben Vorsitzender des Aufsichtsrates. Rein rechtlich halten die Deutschen bis heute 56 Prozent an EIL. Mehra lässt sich als Entrepreneur feiern und ist Gründungsvorsitzender der indischen Herstellervereinigung für Windturbinen. 2005 aber kam es zum Streit. Die Inder wollten an die Börse, sie wollten aggressiveres Wachstum. Die Deutschen bremsten, wollten Nachhaltigkeit und Sicherheit. Dann kam der Bruch. Die Inder zeigten Zähne: aus Partnern wurden Feinde.

          Seitdem herrscht Krieg zwischen Aurich und Bombay. Enercon-Mitarbeiter aus Deutschland wurden in Indien solange von der Polizei verhört, bis sich das deutsche Konsulat einschaltete. Seit 2006 haben die Wirtschaftsprüfer von Deloitte dem EIL-Eigentümer keine testierten Abschlüsse mehr vorgelegt. Weshalb Deloitte das Mandat unter den gegebenen Umständen nicht ablehnt, ist den Deutschen ein Rätsel.

          Mehra klagte auf die Freigabe der rund um die Erde geschützten Patente der Deutschen, und Indiens Patentgericht IPAB in Chennai erklärte zwölf Enercon-Patente für unwirksam. Die Richter sprachen von „mangelnder Erfindungshöhe“ und „mangelnder Neuheit“ in Patentschriften, die Amerikaner, Europäer und Japaner wiederum anerkennen. Natürlich liegt der Vorwurf der Bestechung des Gerichts in der Luft – beweisen aber kann ihn bei Enercon niemand. So können die Deutschen nur sagen, dass sie auch für diese Urteile keine Erklärung haben. Denn nach dem Verlust der Patente in Indien kann die Technik aus Deutschland dort nun jedermann ungeschützt nutzen. „Unter anderem drohen in Indien nun Enercon-Kerntechnologien Wettbewerbern in die Hände zu fallen (Generator, Wechselrichter, Steuereinheit)“, heißt es in Aurich. Und unter dem deutschen Namen könnte minderwertige und gefährliche Qualität vertrieben werden.

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