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Wiesenhof-Chef Wesjohann : „Den Menschen fehlt einfach das Geld fürs Bio-Huhn“

  • Aktualisiert am

12.000 Küken in einem Wiesenhof-Betrieb in Niedersachsen. Die Puten sind 12 Tage alt und werden in etwas mehr als drei Monaten geschlachtet Bild: Bischof, Franz

Die Deutschen lieben Wiesenhof - zumindest essen sie in jedem Jahr Millionen seiner Hähnchen. Andererseits gibt es heftigen Protest. Peter Wesjohann, Chef des Geflügelkonzerns, sprach mit der F.A.Z. über Tierschutz, Bio und Jürgen Trittins großen Appetit auf Hähnchen

          6 Min.

          Herr Wesjohann, wenn die Buddhisten Recht hätten und der Mensch, wenn er nicht vortrefflich gelebt hätte, als Tier wiedergeboren würde - wäre das nicht für Sie und uns alle ganz ärgerlich?

          Also ich bin katholisch erzogen worden und glaube da nicht dran. Aber wenn es doch so wäre, möchte ich am liebsten in Deutschland wiedergeboren werden. Hier geht es den Tieren besonders gut.

          Auch als Huhn?

          Ja, auch als Huhn.

          Auch im Wiesenhof?

          Auch im Wiesenhof. Von den Kontrollstandards sind wir sicher an der Spitze in Europa und auch auf der Welt.

          Möchten Sie lieber als Bio-Huhn leben oder als konventionell gehaltenes?

          Da müssen Sie eigentlich die Hühner fragen. Beide haben eine Lebensqualität.

          Haben Sie auch schon mal Mitleid mit den Hühnern im Schlachthof empfunden, die nach 30 Tagen filetiert werden?

          Das Leben ist vergänglich, der Tod gehört dazu. Das ist selbst bei uns Menschen so. Wir und unsere selbständigen Landwirte behandeln die Tiere vernünftig. Weil wir bodenständig sind, weil wir unternehmerisch wirtschaften.

          Wiesenhof ist ein hoch arbeitsteiliger Industriekonzern. Darf man so ein Huhn als Industrieware behandeln - auch als Katholik, als Christ?

          Ja, es ist erlaubt, das Tier zu vermarkten und es dem Menschen, auch vielen Menschen, als Nahrungsgrundlage zugänglich zu machen. Das ist seit jeher so. In unseren Betrieben wird zudem nichts weggeworfen: Federn, Knochen, Blut werden etwa zu Tierfutter, selbst das Fett aus den Schlachthäusern nutzen wir - als Kraftstoff für unsere 700 Lastwagen. Alle unsere Betriebe sind umweltzertifiziert. Wer genau hinsieht müsste erkennen, dass wir nicht so verkehrt denken.

          Peter Wesjohann, Vorstandsvorsitzender der PHW-Gruppe
          Peter Wesjohann, Vorstandsvorsitzender der PHW-Gruppe : Bild: dpa

          Was ist los in Ihrem Schlachthof in Möckern, schimmelt es da immer noch?

          Möckern war immer ein hygienisch einwandfreier Betrieb. Sie sind eingeladen, fahren Sie hin. Neulich war die örtliche Presse da, sie waren ganz erstaunt, was darüber alles geschrieben worden war. Der Schlachthof wurde über Jahre immer in unabhängigen Zertifizierungen mit Bestnoten bewertet. Schimmel gab es vor Jahren nur einmal im Abfallbereich.

          Sie sind seit drei Jahren Vorstandsvorsitzender der PHW-Gruppe, zu der Wiesenhof gehört. Früher berichteten die Zeitungen über Sie wie über jedes andere Wirtschaftsunternehmen. Seit ersten Fernsehbildern, die schreckliche Bilder von leidenden Puten zeigten, gibt es fast nur noch kritische Berichte. Warum, glauben Sie, haben die Journalisten früher ihre Arbeit nicht gemacht?

          Es gab auch vorher schon kritische Journalisten. Wir haben in den vergangenen 13 Jahren, seitdem ich im Familienunternehmen mitarbeite, etlichen Journalisten die Produktionskette gezeigt. Dann sind kritische, aber trotzdem noch sachliche Dokumentationsfilme gezeigt worden. Das war fair. In den vergangenen beiden Jahren war das anders. Wir sind als einzige Marke der Fleischbranche mit einem sehr hohen Bekanntheitsgrad die ideale Zielscheibe. Teile der Medien wollen alle Missstände an uns festmachen.

          Sie sprechen von einer Hexenjagd. Aber all die schrecklichen Bilder von kranken Puten und Hühnern sind doch echt.

          Das kann man nicht akzeptieren, wir bedauern diese Dinge selbst ganz stark. Und jeder Landwirt bedauert, das es zu solchen Einzelfällen kommt. Wir nehmen das sehr ernst und haben die intensiven Kontrollen nochmals verstärkt. Aber wir haben 5.300 Mitarbeiter und knapp 1.000 Landwirte und 8.000 Ausstallungen im Jahr - dass da Einzelne mal einen Fehler machen, kann ich nicht ausschließen.

          In einem Stall sind 5000 ausgewachsene Puten. Ist es da nicht „systemimmanent“, dass der Mensch beim Anblick der Masse eher zutritt, wie aus einem Ihrer Betriebe bekannt wurde, als wenn er wenige Tiere füttert?

          Nein. Mir konnte auch noch niemand sagen, was „Masse“ ist. Tiere können auch in großer Anzahl sehr gut gehalten werden, das hängt vom Management ab.

          Wenn es stimmt, dass die Medien feindselig geworden sind Ihnen und der Tierhaltungsbranche gegenüber - wieso?

          Schauen Sie doch, wer mit welchen Themen Wahlkampf macht.

          Die Grünen machen die Massentierhaltung zum Wahlkampfthema.

          Genau, zum Beispiel. Da wird versucht, mit Emotionen und ohne Sachinformationen Stimmung zu machen. Andere Organisationen haben vielleicht finanzielle Interessen. Es sind ja immer dieselben Fernseh-Leute, die über uns berichten.

          Und die haben Unrecht?

          Manchmal. Der letzte Bericht über Missstände im Schlachthof Möckern ist jetzt aus dem Internet entfernt worden. Er beruhte auf Aussagen eines ehemaligen Mitarbeiters, der sagte, er habe knöcheltief in Hühnerteilen gestanden. Der hat jetzt alles widerrufen. Mich irritiert grundsätzlich, dass solchen Leuten mehr geglaubt wird, als den Behörden.

          Zu den Grünen: Wenn die etwas abschaffen wollen, dann gelingt das meist. Auch wenn es 30 Jahre dauert, siehe Atomkraft. Graut Ihnen vor der Zukunft?

          Die Grünen haben, nun ja, eine gewisse Rigorosität. Ob das eine Bedrohung wird, weiß ich nicht. Am Ende des Tages müssen die Leute ja auch noch essen. Man kann ja fordern, die Tierhaltung abzuschaffen. Das hieße aber auch, den hohen Tierschutzstandard in Deutschland abzuschaffen und Fleisch zu importieren. Das wäre Politik nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Aber nachhaltig ist das nicht.

          Wie sieht die Hühnerhaltung das Zukunft für Sie aus?

          Die Deutschen essen derzeit knapp 9 Hähnchen im Jahr. Das sind 4,5 Kilo unter dem EU-Durchschnitt. Deshalb werden wir auch weiter ein wachsendes Segment Geflügelfleisch sehen. Darin wird es unterschiedliche Trends geben, was die Aufzuchtbedingungen angeht. Schon vor mehr als zehn Jahren hatten wir ja Hähnchen, die mit mehr Platz und Tageslicht groß werden, angeboten, wir nannten sie damals Weidehähnchen. Sie kosteten doppelt so viel wie die normalen Hähnchen. Wir konnten gerade mal 20.000 in der Woche absetzen. Als die Vogelgrippe kam, stellten wir es dann ganz ein. Aber wir bekamen den bayerischen Tierschutzpreis.

          Immerhin.

          Dann kam 2002 unsere Bio-Haltung. Diese Hühner waren dreimal so teuer. Während des BSE-Skandals verkauften wir die dreifache Menge, doch dann ging es stetig nach unten. Jetzt verkaufen wir rund 1.500 Bio-Hähnchen in der Woche.

          Haben die Skandal-Berichte nicht als Verkaufsförderung gewirkt?

          Nicht für Bio-Hühner, aber für unser Alternativhuhnkonzept Privathof. Wir schlachten derzeit 100.000 sogenannte Privathof-Hähnchen die Woche, was nicht schlecht ist für ein Alternativhuhn. Ende 2011 hatten wir dieses Hähnchen kreiert, das zwischen Bio und konventionell liegt vom Standard und dem Preis, es hat Strohballen und einen Wintergarten und kostet 40 Prozent mehr. Ende des Jahres werden wir dafür wohl die Zertifizierung des Deutschen Tierschutzbundes haben, und dann erwarte ich einen weiteren Schub. Aber trotzdem wird Privathof nicht mehr als 2 bis 5 Prozent des Gesamtmarktes ausmachen. Vielen Menschen fehlt einfach auch das Geld dafür.

          Und wenn die Leute einfach nur noch sonntags Fleisch äßen?

          Die Leute essen ja nicht mal ein Hähnchen pro Monat.

          Sie sponsern jetzt Werder Bremen. Das kostet angeblich mehr als 5 Millionen Euro im Jahr. Warum tun Sie das?

          Der Betrag sei mal dahingestellt. Wir haben uns damit eine extreme Öffentlichkeit geschaffen. Ich erhoffe mir davon eine Versachlichung der Tierhaltungsdebatte. Wir wollen der breiten Öffentlichkeit unsere Ställe zeigen.

          Jürgen Trittin ist aus Protest aus einem Vereinsgremium ausgetreten.

          Ja, da tritt der Trittin medienträchtig aus dem Nachhaltigkeitsausschuss aus, weil wir Sponsor werden! Kennen Sie diese Fotos, wo er Hähnchen von unserem Mitbewerber Stolle isst? Die haben nachweislich überhaupt keine Bio-Produkte! Er hat das Hähnchen genossen.

          Lassen Sie uns über den Verbraucher sprechen. Nach der ARD-Dokumentationen „System Wiesenhof“ 2011 - gab es da spürbare Umsatzrückgänge?

          Nein.

          Mc Donald’s hatte Sie ausgelistet. Beziehen die wieder Wiesenhof-Fleisch?

          Nein. Trotzdem: Unser Image ist gut. 700 Einzelhändler sagten gerade jetzt in einer Umfrage, dass sie nicht auf Wiesenhof verzichten könnten.

          Ihre Werbung trägt nicht dazu bei, den Verbraucher über die real existierende Tierhaltung zu informieren - in engen Ställen, ohne Tageslicht. Wieso nicht realistischer werben, damit der Verbraucher weiß, woran er ist?

          Wir bewerben die Produkte so, wie sie sind und zeigen darüber hinaus im Internet Videos wie Geflügelhaltung aussieht. Wir machen den Leuten nichts vor. Unser Marken-Logo kann ich nicht ändern.

          Das könnten Sie, glaube ich, schon.

          Dann habe ich aber keine Marke mehr.

          Jede deutsche Pute erhält 10 Behandlungen mit Antibiotika. Auch bei Ihnen?

          Wir haben 2011 den Antibiotika-Verbrauch bei den Puten um etwa 20 Prozent reduziert. Beim Hähnchen sind wir noch besser. Denn Hähnchen sind bei uns robuster als anderswo. Die Bruteier in unseren Brütereien werden einer hygienischen Oberflächenbehandlung unterzogen. Das sind Hygienebunker, da kommt kein Krankenhaus mit. Und im Fleisch gibt es sowieso keine Rückstände.

          Die Kritiker sagen, die von Ihnen verwendeten, schnell wachsenden Rassen seien gerade das Problem. Sie seien krankheitsanfälliger. Was ist nun wahr?

          Auch die schnell wachsenden Rassen sind robust. Es ist allerdings richtig, dass die langsam wachsenden Rassen noch einen Tick robuster sind.

          Ihr Vater Paul-Heinz kennt die Erfahrung der Knappheit und sagt gern, günstiges Fleisch sei eine „Sozialleistung“. Diese Erfahrung haben Sie nicht mehr gemacht. Ist es da schwieriger, den Sinn Ihres Geschäfts zu artikulieren?

          Es ist schwieriger geworden, weil wir eine sehr wohlhabende Gesellschaft sind. Aber das heißt ja nicht, dass wir Deutschen immer oben bleiben. Das muss man immer im Hinterkopf behalten. Dann fällt man am Ende nicht so hart.

          Wiesenhof exportiert ein Viertel. Die Standortbedingungen können da ja nicht schlecht sein.

          Nein, für westeuropäische Verhältnisse sind sie das nicht.

          Der größte Hähnchenfleischerzeuger Frankreichs, Doux, ist insolvent. Wollen Sie ein Filetstück davon kaufen?

          Nein. Wer insolvent ist, ist das nicht umsonst. Und der Standort Frankreich ist nicht attraktiv. Wir haben Polen im Blick.

          Das Gespräch führte Jan Grossarth.

          PHW-Gruppe Lohmann & Co.

          Die PHW-Gruppe im niedersächsischen Rechterfeld, zu der neben rund 40 weiteren Unternehmen auch Wiesenhof mit sechs Brütereien, fünf Futterwerken, 800 Vertragslandwirten und acht Schlachtereien gehört, beschäftigt 5300 Mitarbeiter. Sie setzte im Geschäftsjahr 2010/2011 rund 2,2 Milliarden Euro um, 6 Prozent mehr als im Vorjahr. Weil Futtermittel und Transport teurer geworden seien, habe sich der Gewinn jedoch nicht erhöht, hieß es. Mehr als die Hälfte des Umsatzes von PHW (das sind die Initialen des langjährigen Vorstands Paul-Heinz Wesjohann) entfällt auf Wiesenhof. In den vergangenen zwölf Jahren investierte das Unternehmen 1,2 Milliarden Euro. PHW produziert im Jahr mehr als 300.000 Tonnen Hähnchen- und 115.000 Tonnen Putenfleisch. Pro Woche schlachtet es 4,5 Millionen Hähnchen, ein Viertel für den Export. Das Familienunternehmen entstand in seiner heutigen Form 1998, den Vorgänger gründete Paul Wesjohann 1932.

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