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Wiesenhof-Chef Wesjohann : „Den Menschen fehlt einfach das Geld fürs Bio-Huhn“

  • Aktualisiert am

Und wenn die Leute einfach nur noch sonntags Fleisch äßen?

Die Leute essen ja nicht mal ein Hähnchen pro Monat.

Sie sponsern jetzt Werder Bremen. Das kostet angeblich mehr als 5 Millionen Euro im Jahr. Warum tun Sie das?

Der Betrag sei mal dahingestellt. Wir haben uns damit eine extreme Öffentlichkeit geschaffen. Ich erhoffe mir davon eine Versachlichung der Tierhaltungsdebatte. Wir wollen der breiten Öffentlichkeit unsere Ställe zeigen.

Jürgen Trittin ist aus Protest aus einem Vereinsgremium ausgetreten.

Ja, da tritt der Trittin medienträchtig aus dem Nachhaltigkeitsausschuss aus, weil wir Sponsor werden! Kennen Sie diese Fotos, wo er Hähnchen von unserem Mitbewerber Stolle isst? Die haben nachweislich überhaupt keine Bio-Produkte! Er hat das Hähnchen genossen.

Lassen Sie uns über den Verbraucher sprechen. Nach der ARD-Dokumentationen „System Wiesenhof“ 2011 - gab es da spürbare Umsatzrückgänge?

Nein.

Mc Donald’s hatte Sie ausgelistet. Beziehen die wieder Wiesenhof-Fleisch?

Nein. Trotzdem: Unser Image ist gut. 700 Einzelhändler sagten gerade jetzt in einer Umfrage, dass sie nicht auf Wiesenhof verzichten könnten.

Ihre Werbung trägt nicht dazu bei, den Verbraucher über die real existierende Tierhaltung zu informieren - in engen Ställen, ohne Tageslicht. Wieso nicht realistischer werben, damit der Verbraucher weiß, woran er ist?

Wir bewerben die Produkte so, wie sie sind und zeigen darüber hinaus im Internet Videos wie Geflügelhaltung aussieht. Wir machen den Leuten nichts vor. Unser Marken-Logo kann ich nicht ändern.

Das könnten Sie, glaube ich, schon.

Dann habe ich aber keine Marke mehr.

Jede deutsche Pute erhält 10 Behandlungen mit Antibiotika. Auch bei Ihnen?

Wir haben 2011 den Antibiotika-Verbrauch bei den Puten um etwa 20 Prozent reduziert. Beim Hähnchen sind wir noch besser. Denn Hähnchen sind bei uns robuster als anderswo. Die Bruteier in unseren Brütereien werden einer hygienischen Oberflächenbehandlung unterzogen. Das sind Hygienebunker, da kommt kein Krankenhaus mit. Und im Fleisch gibt es sowieso keine Rückstände.

Die Kritiker sagen, die von Ihnen verwendeten, schnell wachsenden Rassen seien gerade das Problem. Sie seien krankheitsanfälliger. Was ist nun wahr?

Auch die schnell wachsenden Rassen sind robust. Es ist allerdings richtig, dass die langsam wachsenden Rassen noch einen Tick robuster sind.

Ihr Vater Paul-Heinz kennt die Erfahrung der Knappheit und sagt gern, günstiges Fleisch sei eine „Sozialleistung“. Diese Erfahrung haben Sie nicht mehr gemacht. Ist es da schwieriger, den Sinn Ihres Geschäfts zu artikulieren?

Es ist schwieriger geworden, weil wir eine sehr wohlhabende Gesellschaft sind. Aber das heißt ja nicht, dass wir Deutschen immer oben bleiben. Das muss man immer im Hinterkopf behalten. Dann fällt man am Ende nicht so hart.

Wiesenhof exportiert ein Viertel. Die Standortbedingungen können da ja nicht schlecht sein.

Nein, für westeuropäische Verhältnisse sind sie das nicht.

Der größte Hähnchenfleischerzeuger Frankreichs, Doux, ist insolvent. Wollen Sie ein Filetstück davon kaufen?

Nein. Wer insolvent ist, ist das nicht umsonst. Und der Standort Frankreich ist nicht attraktiv. Wir haben Polen im Blick.

Das Gespräch führte Jan Grossarth.

PHW-Gruppe Lohmann & Co.

Die PHW-Gruppe im niedersächsischen Rechterfeld, zu der neben rund 40 weiteren Unternehmen auch Wiesenhof mit sechs Brütereien, fünf Futterwerken, 800 Vertragslandwirten und acht Schlachtereien gehört, beschäftigt 5300 Mitarbeiter. Sie setzte im Geschäftsjahr 2010/2011 rund 2,2 Milliarden Euro um, 6 Prozent mehr als im Vorjahr. Weil Futtermittel und Transport teurer geworden seien, habe sich der Gewinn jedoch nicht erhöht, hieß es. Mehr als die Hälfte des Umsatzes von PHW (das sind die Initialen des langjährigen Vorstands Paul-Heinz Wesjohann) entfällt auf Wiesenhof. In den vergangenen zwölf Jahren investierte das Unternehmen 1,2 Milliarden Euro. PHW produziert im Jahr mehr als 300.000 Tonnen Hähnchen- und 115.000 Tonnen Putenfleisch. Pro Woche schlachtet es 4,5 Millionen Hähnchen, ein Viertel für den Export. Das Familienunternehmen entstand in seiner heutigen Form 1998, den Vorgänger gründete Paul Wesjohann 1932.

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