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Wiesenhof-Chef Wesjohann : „Den Menschen fehlt einfach das Geld fürs Bio-Huhn“

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In einem Stall sind 5000 ausgewachsene Puten. Ist es da nicht „systemimmanent“, dass der Mensch beim Anblick der Masse eher zutritt, wie aus einem Ihrer Betriebe bekannt wurde, als wenn er wenige Tiere füttert?

Nein. Mir konnte auch noch niemand sagen, was „Masse“ ist. Tiere können auch in großer Anzahl sehr gut gehalten werden, das hängt vom Management ab.

Wenn es stimmt, dass die Medien feindselig geworden sind Ihnen und der Tierhaltungsbranche gegenüber - wieso?

Schauen Sie doch, wer mit welchen Themen Wahlkampf macht.

Die Grünen machen die Massentierhaltung zum Wahlkampfthema.

Genau, zum Beispiel. Da wird versucht, mit Emotionen und ohne Sachinformationen Stimmung zu machen. Andere Organisationen haben vielleicht finanzielle Interessen. Es sind ja immer dieselben Fernseh-Leute, die über uns berichten.

Und die haben Unrecht?

Manchmal. Der letzte Bericht über Missstände im Schlachthof Möckern ist jetzt aus dem Internet entfernt worden. Er beruhte auf Aussagen eines ehemaligen Mitarbeiters, der sagte, er habe knöcheltief in Hühnerteilen gestanden. Der hat jetzt alles widerrufen. Mich irritiert grundsätzlich, dass solchen Leuten mehr geglaubt wird, als den Behörden.

Zu den Grünen: Wenn die etwas abschaffen wollen, dann gelingt das meist. Auch wenn es 30 Jahre dauert, siehe Atomkraft. Graut Ihnen vor der Zukunft?

Die Grünen haben, nun ja, eine gewisse Rigorosität. Ob das eine Bedrohung wird, weiß ich nicht. Am Ende des Tages müssen die Leute ja auch noch essen. Man kann ja fordern, die Tierhaltung abzuschaffen. Das hieße aber auch, den hohen Tierschutzstandard in Deutschland abzuschaffen und Fleisch zu importieren. Das wäre Politik nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Aber nachhaltig ist das nicht.

Wie sieht die Hühnerhaltung das Zukunft für Sie aus?

Die Deutschen essen derzeit knapp 9 Hähnchen im Jahr. Das sind 4,5 Kilo unter dem EU-Durchschnitt. Deshalb werden wir auch weiter ein wachsendes Segment Geflügelfleisch sehen. Darin wird es unterschiedliche Trends geben, was die Aufzuchtbedingungen angeht. Schon vor mehr als zehn Jahren hatten wir ja Hähnchen, die mit mehr Platz und Tageslicht groß werden, angeboten, wir nannten sie damals Weidehähnchen. Sie kosteten doppelt so viel wie die normalen Hähnchen. Wir konnten gerade mal 20.000 in der Woche absetzen. Als die Vogelgrippe kam, stellten wir es dann ganz ein. Aber wir bekamen den bayerischen Tierschutzpreis.

Immerhin.

Dann kam 2002 unsere Bio-Haltung. Diese Hühner waren dreimal so teuer. Während des BSE-Skandals verkauften wir die dreifache Menge, doch dann ging es stetig nach unten. Jetzt verkaufen wir rund 1.500 Bio-Hähnchen in der Woche.

Haben die Skandal-Berichte nicht als Verkaufsförderung gewirkt?

Nicht für Bio-Hühner, aber für unser Alternativhuhnkonzept Privathof. Wir schlachten derzeit 100.000 sogenannte Privathof-Hähnchen die Woche, was nicht schlecht ist für ein Alternativhuhn. Ende 2011 hatten wir dieses Hähnchen kreiert, das zwischen Bio und konventionell liegt vom Standard und dem Preis, es hat Strohballen und einen Wintergarten und kostet 40 Prozent mehr. Ende des Jahres werden wir dafür wohl die Zertifizierung des Deutschen Tierschutzbundes haben, und dann erwarte ich einen weiteren Schub. Aber trotzdem wird Privathof nicht mehr als 2 bis 5 Prozent des Gesamtmarktes ausmachen. Vielen Menschen fehlt einfach auch das Geld dafür.

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