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Wolfsburger Sonderfall : Wie Volkswagen vor 70 Jahren wieder deutsch wurde

Wolfsburg 1954: Käfer für den Wirtschaftsaufschwung Bild: AP

Die Besatzungsmacht Großbritannien übergab vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Treuhänderschaft für den Konzern an den Bund. Das sorgte zunächst für viel Zündstoff.

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          Volkswagen ist unter den großen deutschen Industrieunternehmen immer ein Sonderfall gewesen. In keinem anderen deutschen Konzern ist der Einfluss von Politik und Gewerkschaften so groß wie in Wolfsburg, liberale Kritiker sprechen bisweilen sogar vom VEB Volkswagen. Der Grund für diesen Wolfsburger Sonderfall liegt in der Geschichte des Unternehmens, das von den Nationalsozialisten erst kurz vor Kriegsbeginn 1937 gegründet wurde. Die Briten als Besatzungsmacht in Niedersachsen verhinderten nach 1945 eine Demontage des Werks am Mittellandkanal. Ein Major namens Ivan Hirst legte damals den Grundstein für den Erfolg der „Wolfsburg Motor Works“, wie anfangs VW bei der britischen Militärregierung hieß. Vor 70 Jahren, am 8. Oktober 1949, übergaben die Briten die Treuhänderschaft über die Volkswagenwerk GmbH dann an die Regierung der gerade erst gegründeten Bundesrepublik; das Land Niedersachsen wurde mit der Verwaltung beauftragt.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Die Weichen für den Aufstieg von Volkswagen waren im Herbst 1949 bereits gestellt. Major Hirst vom Militärcorps der Royal Electrical and Mechanical Engineers, der im August 1945 nach Wolfsburg gekommen war, machte aus den Ruinen des zum Rüstungsbetrieb umgebauten Werks in Wolfsburg eine funktionierende Autofabrik für den VW Käfer. „Das Volkswagenwerk konnte als britischer Regiebetrieb eine Pole Position erreichen, von der es in die erwachende deutsche Automobilgesellschaft als Symbol des westdeutschen Wiederaufbaus und des ,Wirtschaftswunders‘ durchstartete und nationale und internationale Erfolge feierte“, heißt es dazu in einer Erklärung von VW vom Montag.

          Es war nicht ganz uneigennützig, dass die Briten VW vom Sommer 1947 an auch erlaubten, ihre Autos zu exportieren. Die durch den Krieg leeren Staatskassen in London brauchten dringend Devisen. Die Übergabe des VW-Werks in die Treuhänderschaft der Bundesrepublik fand bei einem Besuch des britischen Colonel Charles Radclyffe von der Militärregierung beim ersten Wirtschaftsminister der Bundesrepublik, Ludwig Erhard, statt. „Das Land Niedersachen wird die Verwaltung im Namen und unter der Weisung der Bundesregierung ausüben“, hieß es im Protokoll der Übergabe.

          Am Ende stand ein Kompromiss 

          In dieser Formulierung lag die Wurzel künftigen Streits. Wem gehörte der Staatsbetrieb VW, nachdem die Briten ihn später ganz aus der Hand gaben, dem Bund oder Niedersachsen? Und sollte Volkswagen ein Staatsbetrieb bleiben? Von Sommer 1956 an debattierte der Bundestag heftig darüber. Der liberale Wirtschaftspolitiker Erhard setzte auf Privatisierung, von einer „Volksaktie“ mit breiter Streuung erhoffte er sich Vermögensbildung der Arbeitnehmer. Niedersachsen wollte nicht mitmachen, sah sich im Gegensatz zum Bund als Alleineigentümer.

          Am Ende stand 1960 ein Kompromiss: 60 Prozent des Gesellschaftskapitals wurden nach der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft über „Volksaktien“ privatisiert, 40 Prozent blieben je zur Hälfte beim Bund und beim Land Niedersachsen. Diese Staatsbeteiligung und das ebenfalls 1960 beschlossene VW-Gesetz sichern bis heute weitreichende Vetorechte und den großen Einfluss des Staates in Wolfsburg.

          Oberst Radclyffe (Zweiter von links), Direktor der Zweizonenfinanzverwaltung, übergibt Wirtschaftsminister Ludwig Erhard (rechts) die Treuhänderschaft über Volkswagen. Links VW-Generaldirektor Heinz Nordhoff.

          Das hat sich auch nicht geändert, nachdem die privatisierungsfreundliche Bundesregierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) die Anteile des Bundes zwischen 1986 und 1988 verkaufte. Niedersachsen ist heute mit seinem Anteil von 20 Prozent nach der Porsche-Piëch-Familie, die mehr als 52 Prozent der Stammaktie hält, der zweitgrößte Anteilseigner bei Volkswagen und hat in wichtigen Fragen Vetorecht, zum Beispiel bei Standortentscheidungen.

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