https://www.faz.net/-gqe-99l42

Streit um Einkaufsvertrag : Wie Nestlé unter dem Edeka-Boykott leidet

Edeka verbannte eine Reihe von Nestlé-Lebensmitteln aus seinen Regalen. Bild: dpa

Seit Monaten schwelt der Streit um einen neuen Einkaufsvertrag zwischen Nestlé und Edeka. Allmählich zeichnet sich eine Lösung ab – doch den größten Lebensmittelhersteller trifft der Streit schon jetzt empfindlich.

          3 Min.

          „Fragen Sie ruhig, wir wollen offen und transparent sein.“ Béatrice Guillaume-Grabisch, Vorstandsvorsitzende der deutschen Nestlé, ist gut vorbereitet. Aber erst in der Fragerunde geht sie auf den Streit des Handelskonzerns Edeka mit ihrem Unternehmen ein. In ihrem eigenen Vortrag zur Lage der deutschen Nestlé kommt nur der Handelspartner Rewe vor. Rewe wird eine neue Schokolade – die aufgrund einer Neuzüchtung der entsprechenden Kakaosorte von Natur aus rosa ist – vorerst exklusiv vermarkten. Rewe spielt bei der digitalen Marktbearbeitung der Nestlé-Marke Maggi eine führende Rolle. Beides lasse sich sachlich begründen und sei keine Rache an Edeka. Bei der neuen Schokolade sei Rewe auf Nestlé zugekommen, als das Unternehmen erfahren hatte, dass Nestlé in Japan das neue Produkt teste. Und digital sei Rewe eben weiter als viele andere Händler. Der Test mit dem Rewe-Zustellservice läuft auch schon länger als der Streit mit Edeka.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Dieser begann im vergangenen September. Seitdem hat Edeka Nestlé-Produkte ausgelistet. Der Kampf um Konditionen, vor allem um Rabatte und die dafür zu erbringenden Gegenleistungen (Werbung, Präsentation) ist für keine Seite eine Nebensächlichkeit. Der Kunde Edeka steht bei der deutschen Nestlé für 28 bis 30 Prozent des Umsatzes, bestätigt Guillaume-Grabisch. Edeka hat nicht alle Produkte des größten Lebensmittelherstellers der Welt – der Nestlé–Konzern setzt global 80 Milliarden Euro um – ausgelistet. Daher fällt auch nicht der gesamte Umsatz weg. Aber die Bremsspuren sind sichtbar. Dass der deutsche Nestlé-Umsatz im vergangenen Jahr um 2,3 Prozent auf 3,2 Milliarden Euro gestiegen ist, liegt vor allem am Export. Der macht ein Viertel des Umsatzes aus (etwa 800 Millionen Euro) und ist um fast zehn Prozent gestiegen.

          Wie hoch der Umsatzausfall durch Edeka ist, will Guillaume-Grabisch nicht beziffern, lässt sich aus den veröffentlichten Zahlen auch nicht errechnen. Einerseits gibt es Umsatzrückgänge durch Beteiligungsveränderungen. Andererseits gebe es den Effekt, dass Kunden ihr Nestlé-Produkt bei einem anderen Händler kaufen, wenn Edeka es nicht mehr führt. Zum Dritten erwartet Guillaume-Grabisch, dass die Umsätze mit Edeka nach einer Einigung in diesem Jahr auch wieder stark steigen werden. „Edeka ist ein wichtiger Partner, mit dem wir weiterhin gut zusammenarbeiten wollen“, versichert sie.

          David gegen Goliath?

          Aus Nestlé-Sicht stellt sich der Streit als der zwischen einem mächtigen Händler und einem eher kleinen Hersteller dar. Guillaume-Grabisch verweist auf die Umsätze: Danach setzen die größten Lebensmittelhersteller hierzulande zwischen 2 und 4 Milliarden Euro um, wohingegen die Händler bis zu 50 Milliarden Euro umsetzen, also mehr als zehnmal so groß sind. Sie erkenne durchaus an, dass der Handel vor großen Herausforderungen stehe, die es zu finanzieren gilt. Die Supermärkte müssen den Preiswettbewerb mit den Discountern bestehen; viele Lebensmittelgeschäfte müssen renoviert und durch neue Angebote wie Mitnahmezonen ergänzt werden; der Handel muss seine internationale Expansion finanzieren, und er muss für einen eigenen Online-Handel die dafür notwendigen Strukturen aufbauen. Das könne aber nicht alles auf Kosten der Hersteller gehen. „Hersteller und Handel müssen gemeinsam die Kunden zufriedenstellen. Die Hersteller durch attraktive Produkte, die Händler durch eine attraktive Präsentation“, versuchte Guillaume-Grabisch eine Schicksalsgemeinschaft herzustellen.

          Sie gab aber auch eigene Fehler bei Nestlé zu. Es sei nicht immer gelungen, sich durch bessere oder originellere Produkte vom Wettbewerb abzusetzen und der Austauschbarkeit zu entziehen. Mit Maggi-Produkten habe man zwar mengenmäßig Marktanteile gewonnen, diese Marktanteilsgewinne aber durch hohe Rabatte erkaufen müssen. Der Umsatz mit Maggi-Produkten könne bestenfalls als stagnierend bezeichnet werden. Der Ertrag sei über das gesamte Nestlé-Sortiment nicht zufriedenstellend. Die deutsche Nestlé unterschreite die Gewinnmarge des Gesamtkonzerns, und die hatte der neue Konzernchef Ulf Mark Schneider schon als zu niedrig bezeichnet. Hinzu komme, dass Edeka über die europäische Einkaufsorganisation Agecore ihre Nachfragemacht noch einmal verstärkt habe. Diesem gebündelten Nachfragepotential stehe eine Nestlé gegenüber, die eher national organisiert ist.

          Guillaume-Grabisch machte aber auch deutlich, dass man die Zeichen erkannt habe. Mit Zusatzinvestitionen über 100 Millionen Euro in eine effizientere Produktion, mit einer engeren Kooperation mit Schwestergesellschaften in anderen Ländern bei Produktentwicklung, Produktion und Vertrieb, mit dem Kauf margenstarker Marken und mit der zügigen Digitalisierung aller Unternehmensbereiche soll Nestlé in Deutschland und insgesamt mehr Wachstum und höhere Gewinne erzielen.

          Weitere Themen

          „Wir sind voll im Plan“ Video-Seite öffnen

          Telekom auf Erfolgskurs : „Wir sind voll im Plan“

          Die Deutsche Telekom stellte am Mittwoch in Bonn ihre Zahlen vor und machte klar, dass sie in den USA zum Angriff bläst. Telekom-Chef Tim Höttges zeigte sich begeistert. Auch das 5G-Netz war bei Höttges ein Thema. Umstritten ist jedoch, ob der chinesische Ausrüster Huawei in Deutschland zum Zuge kommt.

          Topmeldungen

          Hanau : Acht Menschen erschossen – Täter flüchtig

          In Hanau starben durch Schüsse an mehreren Tatorten acht Menschen, mehrere wurden verletzt. Das bestätigte ein Sprecher der Polizei gegenüber der F.A.Z. Nach den Tätern werde „auf Hochtouren“ gefahndet, die Hintergründe seien bislang noch unklar.

          CDU-Vorsitz : Wer steht hinter den Kandidaten?

          Eine Kandidatur für den CDU-Vorsitz ist kein leichtes Unterfangen. Wer unterstützt und berät Merz, Spahn, Laschet und Röttgen im Hintergrund?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.