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Interview mit Stefan Oschmann : „Gentechnik heilt schwerkranke Kinder“

Mit Rollstuhl im Klassenzimmer: Schwerkranke Kinder können dank neuer Gentechnik-Methoden auf Therapien und sogar Heilung hoffen (Archivbild). Bild: dpa

Merck-Chef Stefan Oschmann spricht im Interview über den Segen der Gentherapie, sein Online-Kaufhaus für Forscher und den Kampf gegen Google und Co.

          6 Min.

          Herr Oschmann, setzen Sie sich zur Entspannung zwischendurch an den Computer und programmieren was?

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Früher habe ich das manchmal gemacht, im Labor oder auch zu Hause an meinem C64. Ich war als junger Mann schon sehr an dieser damals neuen Technik des Programmierens interessiert. Heute fehlt mir dafür die Zeit.

          Im Silicon Valley gehört das aber zum guten Ton. Und Sie wollen Merck, eine uralte deutsche Firma, fit für die digitale Welt machen. Womit punkten Sie bei den Tekkies?

          Wir feiern nächstes Jahr unser 350-jähriges Bestehen, sind in der 13. Generation im Mehrheitsbesitz der Gründerfamilie. Darauf sind wir sehr stolz. Wir sind aber auch regelmäßig im Silicon Valley unterwegs, in Schanghai, in Peking und in Israel, an den Hotspots der Innovation. Was mich freut: wie sehr man dort an uns interessiert ist. Ein Grund ist, dass all die Start-ups Partner für die Entwicklung von Materialien brauchen. Viele denken, die digitale Revolution kommt daher, dass so viele Leute sich so schlaue Software ausgedacht haben. Aber sie wäre nicht möglich ohne all die Hightech-Hardware, die dabei zum Einsatz kommt, ohne Displays zum Beispiel. Und dafür liefern wir die Materialien.

          Trotzdem: Wenn Daniel Ek, der Gründer des Musikanbieters Spotify, seinen Freund Mark Zuckerberg von Facebook besucht, dann coden die beiden erst mal ein bisschen. Ist Merck da nicht doch ein Fremdkörper?

          Wir haben die Kultur intern verändert, um mit diesen Leuten besser sprechen zu können als früher. Uns geht es nicht darum, ob wir nun „new economy“ oder „old economy“ sind. Wir haben für Merck beschlossen, dass wir diese Grundsatzdiskussion gar nicht führen wollen. Wir wollen einfach in beiden Welten unterwegs sein. Das Geschäftsmodell von Spotify ist ein gutes Beispiel dafür, das ist für uns nämlich gar nicht so exotisch. Im Prinzip geht es darum, dass die Ersteller von Daten, die Musiker, diese bereitstellen und die Nutzer sie dann in einem Abo-Modell verwenden. Solche Gedanken kann man auch auf die Wissenschaft anwenden.

          Wie soll das gehen?

          Forschungsinstitute und Unternehmen könnten ihre Daten, sofern sie nicht vertraulich sind, auf ein System aufladen, eine Plattform – und wenn andere diese Daten nutzen, bekommen sie etwas dafür. In der Krebsforschung zum Beispiel werden typischerweise Studien mit bis zu 1000 oder 2000 Patienten durchgeführt, von jedem werden 50 oder 70 medizinische Parameter gemessen. Wenn nun möglichst viele Anbieter ihre anonymisierten Daten in so ein System bringen, auf das auch andere gegen eine Gebühr Zugriff haben, dann würde das den Fortschritt deutlich beschleunigen.

           Weil dann Bayer mit den Daten von Merck weiterforschen kann?

          Zuerst einmal geht es um die vielen Forscher in der Welt, die auf unserer E-Commerce-Seite im Internet einkaufen. Manch einer nennt Merck schon so eine Art Amazon für Laborbedarf.

          Was verkaufen Sie da alles?

          Reagenzien zum Beispiel. Geräte. Analyseverfahren. Alles, was Forscher im Labor brauchen.

          Funktioniert der Einkauf wie bei Amazon mit zwei Klicks?

          Wir haben strengere Richtlinien, wer bei uns einkaufen kann. Das Material, mit dem man einen Impfstoff herstellt, kann man schließlich auch für ganz andere Dinge verwenden. Ansonsten ist das aber ähnlich. Wenn ein Forscher auf Google einen bestimmten Antikörper sucht, ist er einen Klick weg von unserer Website und noch einen Klick vom Kauf. Und wenn er kauft, bekommt er Empfehlungen: Sie scheinen an Rezeptor X zu arbeiten. Kollegen, die auch daran arbeiten, haben sich für Produkt Y interessiert. Und hier ist eine neue Publikation Z aus Australien zum Thema.

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