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Interview mit Stefan Oschmann : „Gentechnik heilt schwerkranke Kinder“

Zum Beispiel geht es darum, den Bedarf an Medikamenten besser vorherzusagen. Und dafür zu sorgen, dass Patienten rund um den Globus Zugang zu genau den Medikamenten haben, die sie brauchen. Da machen wir Fortschritte: Die Lieferfähigkeit wird besser, gleichzeitig sparen wir Geld. Ein anderes Beispiel ist die Krebsmedizin. Auf neuartige Therapien sprechen in manchen Krebsformen 10 Prozent der Patienten an, in anderen 40 Prozent. Jetzt geht es darum, anhand von Biomarkern aus dem Blut oder Gewebe vorherzusagen, welcher Patient welche Therapie bekommen soll. Das wollen wir radikal verbessern. Dafür setzen wir auf die Datenanalyse.

Wie digital muss der CEO von Merck selbst sein, um bei solchen Themen mitreden zu können? Welche technischen Gadgets benutzen Sie selbst?

Ich habe so ziemlich alles, was es an Gadgets gibt. Ein modernes Smartphone ist für die private Kommunikation wunderbar. Geschäftlich ist das wichtigste Hilfsmittel eine App, mit der wir in der Geschäftsleitung kleinere administrative Entscheidungen online diskutieren. Dann können wir uns in den Sitzungen auf das Wesentliche konzentrieren, auf strategische Fragen, die im persönlichen Gespräch besser aufgehoben sind.

Ist diese App so eine Art Whatsapp-Gruppe für den Vorstand?

Das ist schon ein bisschen komplexer. Die App ist besonders abgesichert, außerdem müssen wir viele Dinge dokumentieren. Deshalb ist es eine maßgeschneiderte eigene Entwicklung.

Hilft Ihnen die Technik? Oder macht sie das Leben noch komplizierter?

Ja. Und: ja.

Merck wurde vor 349 Jahren als Apotheke in Darmstadt gegründet und ist immer noch mehrheitlich im Familienbesitz.

Ein echter Oschmann. Sie kommen gern locker-flockig daher. Dabei sind Sie doch ein harter Hund.

Ein harter Hund? Das hat mir noch niemand gesagt.

Als Sie 2011 Chef der Pharmasparte wurden, mussten acht von zehn nachgeordneten Managern gehen.

Es ging damals darum, die Zukunft des Pharmageschäfts sicherzustellen. Ein wichtiger Hoffnungsträger, ein Wirkstoff zur Behandlung von multipler Sklerose, war in der Zulassung gescheitert. Damals waren wir in einer Krisensituation, und da darf man nicht zaghaft sein. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass wir uns von vielen Leuten trennen mussten. Das haben wir schnell gemacht – und gar nicht so hart, sondern sehr anständig. Wir haben mittlerweile 26 Quartale mit organischem Wachstum abgeliefert, und heute ist unsere Pipeline mit neuen Produkten so gut wie lange nicht mehr.

Sogar den Wirkstoff, der damals gescheitert schien, haben Sie wieder aus der Schublade geholt.

Zunächst gegen viele interne Widerstände. In Europa ist unser MS-Medikament Mavenclad jetzt schon zugelassen. Noch in diesem Jahr werden wir entscheiden, ob wir auch in den Vereinigten Staaten die Unterlagen zur Zulassung einreichen. Ich will dem nicht vorgreifen, bin aber recht zuversichtlich.

Trotzdem wird über Standortschließungen gesprochen, fast wie bei Siemens. Stehen zur 350-Jahr-Feier 2018 die Leute mit Trillerpfeifen vor dem Werkstor?

Solche Vergleiche mit anderen Firmen laufen meist in eine falsche Richtung. Wir pflegen ein gutes Verhältnis zu unseren Arbeitnehmervertretern. Unser Betriebsrat ist zwar gelegentlich mit uns im Clinch. Aber er weiß, dass wir ein erfolgreiches Unternehmen sein müssen, um die Arbeitsplätze zu sichern. Es gibt als Folge einer Übernahme in Deutschland einige Standortschließungen, genauso wie zuvor in anderen Ländern. Wir bemühen uns, dies für die Betroffenen abzufedern.

Der Merck-Chef Stefan Oschmann, geboren 1957, ist Sohn eines Tierarztes. Er hat Tiermedizin studiert, danach eine internationale Karriere als Pharmamanager gemacht. 2011 kam er zu Merck nach Darmstadt. 2016 wurde er Vorsitzender der Geschäftsleitung.

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