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Harte Bandagen : Wie in Indien um die Nachfolge in Konzernen gekämpft wird

Mit dem Sohn hat er seit zwei Jahren nicht mehr gesprochen: Vijaypat Singhania Bild: AFP

Streitereien in Familien – vor allem wenn es um Geld geht – sind auch hierzulande nicht selten. In indischen Unternehmen häufen sich jedoch Familienzerwürfnisse der Superlative.

          Krach ums Geld kommt in den besten Familien vor. In Indien aber hängen daran oft Vermögen und Firmen. Denn Asiens drittgrößte Volkswirtschaft ist immer noch bestimmt von den großen Clans, die auf Traditionen achten und oft Konglomerate ihr Eigen nennen. Innerhalb dieser Großfamilien aber herrscht oft ein Kampf bis aufs Messer – zwischen Geschwistern, oder den Eltern, die das Unternehmen groß gemacht haben, und den Kindern, die mit Papas Geld in Harvard studierten.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Milliardärsbrüder Ambani gingen über Jahre so lange aufeinander los, bis die hochbetagte Mutter ihre Jungs öffentlich zur Ordnung rief und die Milliarden in zwei Konzerne geteilt wurden. Die Tatas, die nicht nur als gläubige Parsen Frieden predigen, zerstritten sich dermaßen, dass die innerfamiliäre Nachfolge platzte. Und die Singh-Brüder zerlegten sich öffentlich über Monate und übersahen darüber fast, dass Geschäftspartner mehr als eine halbe Milliarde von ihrer Krankenhaus- und Pharmakette Fortis Healthcare forderten.

          Nun richten sich die Augen auf den Textilkonzern Raymond Group. Dessen Gründer, der betagte Vijaypat Singhania übertrug dessen Führung vor drei Jahren auf seinen Sohn Gautam. Doch was bei Olymp-Hemden und deren Eigentümern, der schwäbischen Bezner-Familie, bestens lief, ging in Indien daneben: Der Senior kämpft darum, sein Unternehmen zurückzubekommen.

          Die Wurzeln des Konzerns reichen zurück bis 1925. Heute besitzt die Gruppe aus Bombay (Mumbai) rund 800 Läden in 200 Städten. Raymond-Hemden werden in 55 Länder der Erde ausgeführt. Eigentlich läuft alles prima: Der Geschäftsbericht und die Markenstrategie erhielten gerade Preise, der Gewinn legte im Schlussquartal des vergangenen Jahres um 53 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu, der Umsatz um 16 Prozent auf umgerechnet 232 Millionen Euro. Wäre da nicht der Chef. Denn der ist Gautam Singhania, und ein Dorn im Auge des Vaters.

          Die Singhanias drehen ein großes Rad. Neben Raymond, dem Weltmarktführer für Anzüge aus Kammgarn, haben sie in viele Bereiche investiert, die die aufstrebende Volkswirtschaft braucht – Zement, die Milchindustrie, Technologie. Vijaypat aber galt als der Rudelführer. Und strebte stets nach Höherem: So hält er seit 2005 den Weltrekord für den höchsten Flug in seinem Heißluftballon in Regenbogenfarben.

          Alles lief gut bis 2015 – da überschrieb er seinen Firmenanteil von 37 Prozent an seinen Sohn. Der Senior rechnete wohl damit, die ihm angeblich zugesagte Wohnung in Mumbais Edelviertel Malabar Hill hoch über dem Meer zu bekommen. Schließlich liegt sie im Familienturm JK House mit seinen 36 Stockwerken. Doch habe er, wie Vijaypat sagt, die Rechnung ohne seinen Sohn gemacht. Denn der wies den Raymond-Verwaltungsrat an, die Wohnung doch nicht weit unter Marktwert – und hier geht es um hohe zweistellige Millionenbeträge – an den Vater abzugeben.

          Sohn fürchtet sich nicht vor Justiz

          Das brachte ihn zum Überkochen. Öffentlich ging er seinen Filius an – gesprochen aber hat er mit ihm seit zwei Jahren nicht mehr. Was damit endete, dass der Rat ihm auch den Titel „Chairman Emeritus“ strich. Auch sei er aus seinem Büro in der Firma geworfen worden, und seine dortige Ausstattung sei gestohlen worden. Darunter habe sich, so eine Nachrichtenagentur, auch das indische Bundesverdienstkreuz, der Padma Bhushan, befunden. Heute bezeichnet der 80 Jahre alte Vijaypat das Überschreiben des Unternehmens auf den Sohn als den „Höhepunkt seiner Dummheit“.

          Die sollen nun Richter ausgleichen. Dabei hofft Vijaypat Singhania auf einen Urteilsspruch, nach dem indische Eltern an ihre Kinder übertragenen Besitz zurückfordern können, haben diese nicht die Grundvoraussetzungen erfüllt. Er wurde 2007 gefällt.

          Gautam, der Sohn, scheint die Justiz nicht zu fürchten. Gegenüber der angesehenen The Economic Times erklärte er: „Ich bin das Opfer. Was habe ich falsch gemacht?“ Und dann führte er aus, dass seine Verantwortung in der Firma eine andere sei als diejenige als Sohn. Er könne nicht zulassen, dass der alte Herr seine Position im Verwaltungsrat missbrauche, um an „Besitz der Firma“ zu gelangen. Ihm gehe es nur darum, Raymond wachsen zu lassen. Und genau das mache er.

          Sein Vater erscheint derweil verbittert. „Ich würde allen Eltern raten, nicht denselben Fehler zu machen und alle Ersparnisse noch in ihrer Lebenszeit an die Kinder zu übertragen.“ Ob er im Dschungel der indischen Gerichte Erfolg haben wird, ist offen. Offen ist auch, ob er ihn noch erleben würde – denn Prozesse in der „größten Demokratie der Erde“ dauern oft Jahre.

          Da ist es für den alten Herrn auch kein Trost, dass auch viele andere Familien und Familienunternehmen heillos zerstritten sind. Ist die Nachfolgersuche in Schwaben schwierig, ist sie in Indien mit all seinen kulturellen Grenzen extrem. Dabei rangiert der Subkontinent nach einer Untersuchung der Credit Suisse an der dritten Stelle der Konglomerate in Familienbesitz, nach Amerika und China. Damit rollt auf die aufstrebende Volkswirtschaft eine Welle der Herausforderungen zu.

          Schon reiben sich die Berater die Hände: „Die Jungen heute sind viel ungeduldiger und wollen geschäftlich das Sagen haben. Auf der anderen Seite sind einige der weltweit üblichen Geschäftspraktiken in Indien noch nicht umgesetzt“, zeichnet Pranav Sayta, Partner bei Ernst & Young in Indien, die Konfliktlinien nach. Unter dem Strich unterliegt die indische Geschäftswelt damit denselben Herausforderungen, wie die indische Gesellschaft insgesamt: mit Überschallgeschwindigkeit muss sie im 21. Jahrhundert ankommen, das kulturelle Erbe der Jetztzeit anpassen. Nicht immer muss es am Ende ja so schlimm kommen, wie bei Gurdeep Singh Chadha und seinem Bruder Hardeep: Bei einer Schießerei, wohl um die Führung ihres ererbten Unternehmens Wave Group, brachten sich beide im November 2012 angeblich gegenseitig um.

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