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Volkswagen : Im Dreieck der Macht

Der Neue: Herbert Diess. Bild: EPA

Der neue Chef des Autobauers zeigt: Volkswagen funktioniert nach dem Abgasskandal genauso wie vorher. Ein Kommentar.

          Viel Zeit lässt sich der neue Mann an der Spitze von VW nicht. Herbert Diess’ erster Auftritt als Vorstandschef des größten Autokonzerns Europas zeigte deutlich, warum der Aufsichtsrat seinen Vorgänger Matthias Müller überraschend in den vergoldeten Vorruhestand schickte: Diess denkt strategisch. Er ist geschmeidig, auch im Umgang mit der Politik, aber in der Sache hart. Der asketisch wirkende Manager erinnert in Habitus und Arbeitsweise eher an die beiden anderen starken Männer, die VW in den vergangenen Jahrzehnten dominiert haben: an den Firmenpatriarchen Ferdinand Piëch und an den 2015 über den Diesel-Skandal gestürzten Martin Winterkorn.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Es war deswegen wohl kein Zufall, dass Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch auch von der „Einstellung zu einem gewissen Arbeitspensum“ sprach, als er den Wechsel von Müller zu Diess begründete. Müller hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass es für ihn auch noch ein Leben neben VW gab. 2015 hatte er die Verantwortung übernommen, als Winterkorn ging und der Betrugsskandal um manipulierte Abgaswerte Volkswagen nach einem Feuerwehrmann rufen ließ. Nach mehr als zwei Jahren steht der Konzern besser da als erwartet. Müller hat seine Schuldigkeit getan, er konnte gehen. Diess dagegen brennt darauf, die Veränderungen in Wolfsburg mit hohem Tempo voranzutreiben. Die Börse honoriert das. So chaotisch der Wechsel an der Spitze auch ablief, die Aktie schießt in die Höhe.

          Diess' Allianz weckt Argwohn

          Alles gut also bei VW? War das, was in den vergangenen Tagen wie ein Königsmord von Shakespearescher Dramatik aussah, ein ganz normaler Führungswechsel, der nur kommunikativ aus dem Ruder lief? Nein. Diess dürfte bei seinem ersten Auftritt in neuer Rolle zwar viele seiner Kritiker davon überzeugt haben, dass er im Konzern der beste Mann dafür ist, das Tempo der Veränderungen bei VW zu erhöhen. Als Chef der einst notorisch ertragsschwachen Kernmarke hat er seit 2015 gezeigt, was er kann. Doch die Allianz, die ihn in diesen Tagen ohne Rücksicht auf Verluste zum neuen König machte, weckt Argwohn.

          VOLKSWAGEN VZ

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          Da sind die Betriebsräte der IG Metall, die sich freuen, dass Diess künftig noch mehr Macht und Einfluss auf den Konzern bündelt, als Winterkorn je hatte. Damit steigt schließlich auch ihr Einfluss. Da sind die Eigentümerfamilien, die gerne im Verdeckten agieren und hoffen, dass der Neue VW stärker auf Rendite trimmt. Und da ist die Politik in Gestalt des niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD), die massiv Einfluss nimmt und wohl auch beim Wechsel zu Diess eine wesentliche Rolle spielte. Die Gefahr ist groß, dass Volkswagen die rasante Veränderung an der Spitze mit einer nicht minder rasanten Rolle rückwärts verbindet.

          Transparenz? Kontrolle? Guter Stil? Wird beiseitegeschoben

          Die Ablösung Müllers durch Diess, so richtig sie sein mag, erinnert an die alten Machtspiele, für die Wolfsburg berüchtigt ist. Im eisernen Dreieck von Gewerkschaft, Politik und Eigentümer-Clan wurden Interessen ausgekungelt. Transparenz? Kontrolle? Corporate Governance? Guter Stil? Wenn es darauf ankommt, wird all das bei VW auch im dritten Jahr nach dem Diesel-Skandal gerne beiseitegeschoben. Es waren diese Netzwerke und Machtstrukturen, die den Diesel-Betrug möglich gemacht haben.

          Diess hat sich viele Dossiers auf seine beiden Schreibtische im Markenhochhaus und in der Konzernzentrale auf dem Wolfsburger Werksgelände gelegt. Er führt den Konzern, er führt die Marke Volkswagen, er führt die neue Gruppe der Volumenmarken aus VW, Škoda, Seat und VW-Nutzfahrzeugen, er trägt die Verantwortung für Konzernentwicklung und Forschung, für die Fahrzeug-IT. Und er hat den Betriebsrat mit seinem neuen Personalvorstand künftig immer mit am Tisch. Winterkorn II haben Spötter den neuen Mann an der Spitze deswegen schon genannt. Und dann will er auch noch zum Symbol einer neuen Unternehmenskultur werden?

          Diess ist Stratege

          Nun wird Diess sich, anders als es von Winterkorn berichtet wurde, nicht um jedes Detail bis hin zum klappernden Kofferraumdeckel kümmern. Er ist Stratege. Viel wird davon abhängen, wie weit der ehrgeizige und selbstbewusste Manager delegieren kann. Matthias Müller hat den Kulturwandel bei VW eingeleitet. Auch wenn er bisweilen kantig war, gab es unter ihm nicht mehr die strenge Hierarchie vergangener Zeiten.

          Ob Diess am Ende erfolgreich sein wird, hängt nicht nur davon ab, ob seine Elektrifizierungsoffensive erfolgreich sein wird und ob VW den tiefgreifenden Wandel der Autobranche erfolgreicher als seine Wettbewerber durchsteht. Er verdankt seinen schnellen Aufstieg einer politischen Allianz, die bei Konflikten in Zukunft ihren Preis einfordern wird. Er habe sich an die besondere Rolle der Gewerkschaften bei VW in den ersten Monaten gewöhnen müssen, sagt Diess. Auch an die besondere Rolle der Politik.

          Volkswagen ist stets eine Mischung aus Familienunternehmen und volkseigenem Betrieb gewesen. Das beeinflusst Entscheidungen. So war es vor dem Abgasskandal. So droht es wieder zu werden, solange in Wolfsburg von neuer Demut und Offenheit zwar immer wieder gesprochen wird, aber immer wieder Dinge passieren, die daran Zweifel wecken.

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