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Atos-Vorstandschef im Gespräch : Dieser französische IT-Konzern bildet mit Siemens ein Team

Geht die Dinge anders an: Der Atos-Vorstandsvorsitzende Elie Girard Bild: Imago

Mehr Kundennähe mit gemeinsam entwickelten Produkten: Elie Girard krempelt den Atos-Konzern gehörig um. Das Unternehmen soll weiterhin von Technologie getrieben sein.

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          Elie Girard wird emotional, wenn er mit einem verbreiteten Irrglauben aufräumt: „Es gibt manchmal ein Missverständnis bezüglich Gaia-X: Dieses Projekt ist nicht der Versuch der Europäer, ein Konkurrenzangebot zu den dominierenden amerikanischen und asiatischen Cloudanbietern zu schaffen“, sagt der Vorstandsvorsitzende des französischen IT-Konzerns Atos. „Es heißt also nicht: Gaia-X gegen Amazon, Microsoft, Google Cloud oder Alibaba.“

          Rüdiger Köhn
          (kön.), Wirtschaft

          Die Initiative Gaia-X lege Standards fest. Die sollten in Europa für die Unternehmen die Übertragbarkeit von Daten, die Interoperabilität oder den Datenschutz garantieren. „Jeder Cloudanbieter, der auf dem europäischen Markt Fuß fassen will, müsste diese Regeln akzeptieren.“ Punktum.

          Gaia-X ist von 22 Unternehmen – jeweils zur Hälfte deutsche und französische – gegründet worden. Von deutscher Seite sind Siemens, SAP, Bosch, Telekom und die Deutsche Bank dabei, aus Frankreich ist Atos einer der Großen und einer der Kerninitiatoren. Mit klaren Vorgaben solle eine vertrauenswürdige Dateninfrastruktur mit sicherem Datenaustausch zwischen verschiedenen Clouds geschaffen werden.

          Eine eigene, mit hohem Aufwand entwickelte technische Cloud-Plattform gibt es nicht. Girard vergleicht Gaia-X mit dem im Jahr 1990 eingeführten Standard GSM, der die technischen Spezifikationen in der digitalen mobilen Telekommunikation definiert hat.

          Der wichtigste Kooperationspartner der Franzosen

          „Der GSM-Mobilfunkstandard der Europäer ist von allen Ländern der Welt akzeptiert und angewendet worden“, sagt Girard im Gespräch mit der F.A.Z. „Diese Standardisierung ist einer der größten technologischen Erfolge Europas bislang gewesen.“

          Die Mobiltelefone sind indes nicht aus Europa, sondern aus Amerika und Asien gekommen. So stellt es sich der Atos-Chef mit der Datenwolke vor. Bis spätestens Ende des Jahres sollten die Standards stehen. Noch sei es für die Einbeziehung der Cloudanbieter in den Prozess zu früh, antwortet er auf die Frage nach deren Reaktion. Wegen delikater Fragen etwa zum Datenschutz kann sich deren Verhalten indes zum Politikum entwickeln.

          Am Ende entscheiden die Nutzer, ob sie in ihren Ausschreibungen auf den Gaia-X-Standard pochen. Je mehr das täten, umso größer sei die Chance, dass ebenso Amerika und Asien die Regeln akzeptierten, hofft Girard.

          Der 43 Jahre alte Absolvent der französischen Ingenieurschmiede École Centrale Paris und der Harvard-Universität ist seit November 2019 Atos-Chef. Er folgte Thierry Breton, 66 Jahre, der im Dezember 2019 EU-Kommissar für Binnenmarkt und Dienstleistungen geworden ist. Mit Beginn des Geschäftsjahres 2021 greift Girards neue Konzernstrategie „Spring“ – Frühling –, die einer Zäsur ähnelt: mit einer neuen Organisationsstruktur und vor allem mit einem Umdenken im Handeln.

          Etliche Zukäufe

          Atos bleibt zwar ein technologisch getriebenes Unternehmen als Anbieter von Rechenzentren, Cloud-Diensten, Cybersicherheit und als Betreiber von Europas größtem Supercomputer mit gigantischen Rechenleistungen. Wichtiger ist für den Vorstandschef, weniger ingenieurgetrieben, sondern marktorientierter mit einer größeren Nähe zum Kunden zu agieren.

          Nur so kann ein schnelleres Wachstum mit Umsatzzuwächsen von jährlich 5 bis 7 Prozent bis 2025 und überproportionalen Gewinnanstiegen mit einer angestrebten operativen Marge von 11 bis 12 Prozent gelingen. In den zurückliegenden zehn Jahren hat der französische Konzern durch etliche große Zukäufe wie das IT-Geschäft von Siemens, den Computerhersteller Bull und die IT-Sparte von Xerox den Sprung in eine neue Dimension geschafft. „Während wir unsere technologischen Plattformen weiter ausbauen, müssen wir nun mehr als je zuvor den Fokus auf unsere Kunden richten.“

          In das Bild der Marktnähe passt die intensivierte Zusammenarbeit mit Siemens: Beide treten nun auch als Team gegenüber den Kunden auf. Der Münchner Technologiekonzern ist der wichtigste Kooperationspartner der Franzosen und hält zugleich das größte Aktienpaket von 12 Prozent. Im September erst verlängerten beide ihre Kundenbeziehungen um fünf Jahre. Die Deutschen haben im Volumen von 3 Milliarden Euro bei den Franzosen Produkte und Services geordert.

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