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Zukunft der Landwirtschaft : Adieu, du großer roter Traktor

So singen es die Kinder: Der kleine rote Traktor ist überall bekannt, mit Jan am Lenkrad zieht er übers Land. Bild: dpa

Für Landmaschinen galt lange: Je größer, desto besser. Jetzt machen kleine Roboter und Drohnen den Giganten auf dem Feld Konkurrenz.

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          Der Traktor ist nicht bloß ein nützliches Gerät für den Landwirt. Der Traktor ist viel mehr. Erst recht für alle, die nie auf einem Traktor saßen. Er ist unser Bild für die moderne Landwirtschaft in ihrer segensreichen Ausprägung. Der Traktor lässt uns nicht an Pflanzengift und CO2 denken, sondern an Landlust und Bauernhof. Deshalb gibt es Kinderlieder über Traktoren, sie sind die Helden aus Bilderbüchern und Zeichentrickserien. Jeder Junge wünscht sich einen Spielzeugtraktor, ob auf dem Land oder in der Stadt, um auf dem Hof und in der Nachbarschaft damit Rabatz zu machen.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So war es jedenfalls früher. Jetzt aber meldet der Spielzeughersteller Simba Dickie aus Fürth, zu dem die Kindertraktor-Marke Big gehört, Bestürzendes. Der Traktor (wahlweise und liebevoll auch Bulldog, Schlepper oder Trecker genannt) sei zwar immer noch beliebt. Doch im Trend lägen neuerdings andere Gefährte. Besonders beliebt in der umworbenen Zielgruppe der Drei- bis Sechsjährigen sind demnach Laufräder in Vespa-Optik. Urban und quirlig statt stark und ländlich: ein Paradigmenwechsel.

          Über die Zukunft des Traktors diskutieren diese Woche auch die Landmaschinenhersteller aus aller Welt diskutieren, die in Hannover zur Messe Agritechnica zusammengekommen sind, dem wichtigsten Treffen der Branche. Jahrzehntelang gab es bei den Neuentwicklungen nur eine Richtung: Die Traktoren wurden größer, schwerer, breiter – und teurer. Den Rekord hält bis heute der „Big Bud“, ein Einzelstück aus amerikanischer Fertigung, 1977 mit sagenhaften 1100 PS ausgeliefert.

          Das Ende der Kraftmeierei

          In Deutschland waren, gemessen an der Motorleistung, vor 30 Jahren 70 PS noch ein Wort. Inzwischen ist für viele Landwirte bei Neuanschaffungen das Doppelte das Minimum. Das ist eine Folge der zunehmenden Konzentration auf größere Betriebe, bisweilen aber auch Ausdruck von Kraftmeierei.

          Ähnlich sieht es für Mähdrescher aus, die oft 500 PS stark sind, 40 Tonnen wiegen und eine halbe Million Euro kosten. „Hier sind die gesetzlich möglichen Breiten-, Längen- und Höhenmasse längst ausgereizt“, warnt der Agraringenieur Roger Stirnimann von der Hochschule Zollikofen in der Schweiz. Große Landmaschinen sind zwar effizienter als kleinere. Doch unter ihrem Gewicht wird der Boden so dicht, dass darin nicht mehr genug Wasser gespeichert werden kann. Es fehlt dann auch der Lebensraum für Mikroorganismen. “Das beeinträchtigt die Bodenfruchtbarkeit stark“, sagt Stirnimann. 

          Walter Haefeker, der Präsident des Europäischen Berufsimkerverbands, sehnt das Ende des Traktoren-Zeitalters regelrecht herbei. Schon in zehn Jahren, prophezeit er, werde nur noch ein Bruchteil der heute eingesetzten schweren Zugmaschinen in der Landwirtschaft nötig sein. Das Gros der Feldarbeit werden dann kleine selbstfahrende Roboter übernehmen, satellitengesteuert und batteriebetrieben. Das würde nicht nur den Boden schonen. Auch der Dieselverbrauch, den die Klimaschutzgesetze bald ohnehin teurer machen, würde sinken.

          Haefeker kennt sich mit technologischen Visionen aus, er war früher Software-Entwickler im Silicon Valley. Größe sei in der Agrartechnik heute vor allem deshalb Trumpf, weil Arbeitskraft knapp sei. Roboter und Drohnen könnten die Felder dagegen rund um die Uhr bestellen, schwarmweise und pausenlos, in gemächlichem Tempo. Das schone erstens den Boden, sei zweitens gut fürs Klima und nehme drittens Monokulturen, unter dem Gesichtspunkt der Biodiversität schon längst als suboptimal erkannt, ihren entscheidenden ökonomischen Vorteil gegenüber kleinteiliger Landwirtschaft.

          Sprüh-Drohnen und Hack-Roboter

          Denn der Roboter, ausgestattet mit einer Kamera und einer Datenbank zur Erkennung von Wachstumsstatus und Krankheiten, könne im Zweifel jede Pflanze einzeln nach Bedarf düngen, gegen Schädlinge schützen oder schlicht rundherum Unkraut hacken. Das klingt nach Öko-Sciencefiction. Es gibt solche Roboter aber schon. In China, wo sonst, wird ihr Einsatz im großen Stil erprobt. In Europa geht, Überraschung, die Schweiz voran. Dort dürfen künftig Drohnen aus der Luft Pflanzenschutzmittel sprühen. Das soll punktgenau geschehen und nicht, wie bei den vom Traktor gezogenen Spritzen, mit einer Spannweite von dreißig Metern.

          So viele Vorteile die neue Technik auch verspricht, die Tücke lauert wie üblich im Detail. Wo und wie sollen draußen auf dem Land die Batterien der elektrisch betriebenen Roboterschwärme aufgeladen werden? Welche Versicherung zahlt für Schäden, die selbstfahrende Roboter womöglich verursachen? Und kommen die Geräte tatsächlich mit den Unwägbarkeiten von Terrain und Witterung zurecht? Die deutsche Traditionsmarke Fendt, die zum amerikanischen Milliardenkonzern Agco gehört, hat schon vor zwei Jahren den Prototyp eines Säh-Roboters vorgestellt.

          Ein Trost für Traktorfreunde

          Das Thema ist bei Fendt eindeutig Chefsache: Der Agco-Vorstandsvorsitzende persönlich hat den Roboter auf den Namen „Xaver“ getauft, in Anlehnung an den Vornamen eines der beiden Firmengründer von Fendt. Trotzdem ist das Gerät noch immer nicht auf dem Markt. Dieses Jahr ist es nicht einmal auf der Agritechnica in Hannover zu sehen. Erst im kommenden Frühjahr, heißt es von Fendt, wird es eine Weiterentwicklung zu bestaunen geben. Wann der erste „Xaver“ an zahlende Kundschaft verkauft werde, lasse sich indes noch nicht absehen.

          Traktorfreunde können also aufatmen. So schnell werden die kleinen, wendigen Roboter den großen Trecker nicht ersetzen. Und wo wirklich viel Kraft nötig ist, vor allem bei der Bodenbearbeitung, sind maßvoll dimensionierte Traktoren nach Meinung der Experten auch auf lange Sicht unschlagbar. Statussymbole wie den „Big Bud“ aus dem Jahr 1977 dagegen braucht man auf dem Acker nicht einmal in Amerika. Das Ungetüm steht schon seit zehn Jahren im Museum.

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