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Einzelhandel : Wenn der Kassierer kontrollieren muss

Es herrscht Unmut bei den Einzelhändlern über die neue Pflicht der Kontrolle beim Einlass in Geschäfte außerhalb des täglichen Bedarfs. Bild: dpa

In Österreich muss der Handel die 2-G-Regel kontrollieren. Hier ist das längst der Fall. Doch in beiden Ländern ist der Unmut der Branche groß, denn es ist ein teurer Extra-Aufwand, Impf- und Genesenennachweise zu kontrollieren.

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          Schilder am Ladengeschäft weisen den Konsumenten klar an: „Geimpft oder genesen. Bei Nichterfüllung kein Einkauf möglich.“ Was in Deutschland längst zur Realität gehört, wird nun auch in Österreich Pflicht, seit Dienstag muss der österreichische Handel die Einhaltung der sogenannten 2-G-Regel in den Ladengeschäften kon­trollieren.

          Michaela Seiser
          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
          Stefanie Diemand
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Einzelhändler sind damit verpflichtet, von Kundinnen und Kunden einen Nachweis der Impfung oder Genesung zu verlangen. Während in Deutschland in der Regel vor der Ladentür kontrolliert wird, kann in Österreich auch erst beim Bezahlen an der Kasse eine Kontrolle erfolgen. Außerdem müssen die Bürger in Österreich jetzt auch im Freien eine FFP2-Maske tragen, wenn nicht mindestens zwei Meter Abstand eingehalten werden können.

          Dass nur noch Geimpfte oder Genesene im Handel einkaufen dürfen, galt schon seit der vierten Corona-Welle. Die Pflicht zur Kontrolle ist jedoch neu. Ungeimpfte dürfen auch weiterhin Produkte des täglichen Bedarfs in Supermärkten oder Drogerieketten besorgen.

          Für die Händler sind die Kontrollen teuer

          Doch können sich zusätzliches Personal für die Kontrollen nicht alle Händler leisten, heißt es aus der Branche. Vor allem kleine Ladengeschäfte sorgen sich vor den Kosten. In vielen Einkaufszentren gibt es daher schon heute eine gemeinschaftliche Lösung. Kunden können sich im Eingangsbereich auf 2 G kontrollieren lassen und bekommen einen Stempel mit Datum.

          Damit wissen alle Händler im Center, dass dieser Kunde bereits auf 2 G kontrolliert worden ist. Auch in Deutschland versuchen einzelne Händler in Städten eine gemeinsame Lösung zu finden, in Frankfurt verteilen Händler zum Beispiel nach der ersten Kontrolle sogenannte 2-G-Bändchen an ihre Kunden. Mit diesem kann dann der Verbraucher auch einfach in den umliegenden Geschäften einkaufen, ohne erneut den Impf- oder Genesenennachweis vorzeigen zu müssen.

          Eine Frage der Aufgabenverteilung

          Eine flächendeckende Lösung gibt es in Deutschland aber noch nicht: Während Frankfurt diese Lösung schon im Dezember eingeführt hat, ist diese in Bundesländern wie Sachsen derzeit noch verboten. „Das ausdrückliche Verbot einer solchen einfachen und unternehmensfreundlichen Regelung, wie sie der Freistaat in der vergangenen Woche ausgesprochen hat, kann ich nicht nachvollziehen“, kritisierte der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) erst am Dienstag.

          Die Kritik an der 2-G-Regelung ist sowohl in Deutschland wie in Österreich groß: Der Handel fühlt sich nicht dafür zuständig, gefälschte Impfpässe oder Genesungsbescheide aufzudecken. „Wir werden uns bestmöglich bemühen, aber wir sind nicht die Polizei“, stellte der Sprecher für den Handel in Österreich, Rainer Trefelik, klar. Händler, die den 2-G-Nachweis nicht kontrollieren, riskieren Strafen von bis zu 3600 Euro. Der Handelsverband in Deutschland beklagt derweil die niedrige Frequenz in der Innenstadt – und sieht diese hauptsächlich in den Beschränkungen begründet. „2 G schreckt viele Kunden vom Einkauf ab, die Folgen im Handel und in ganzen Innenstädten sind fatal“, hieß es in der vergangenen Woche von HDE-Geschäftsführer Stefan Genth.

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          Doch nicht überall ist der Tenor so negativ: Im Bundesland Salzburg müssen Konsumenten bereits seit Anfang des Monats im Handel einen 2-G-Nachweis vorweisen. Mitarbeiter sind verpflichtet, die Kundschaft zu kontrollieren. Und das scheint – bis auf vereinzelt renitente Kunden – pro­blemlos zu funktionieren, wie ein Rundblick der Austria Presse-Agentur am Dienstag ergab.

          Österreichische Händler tragen Maßnahmen mit

          Der Tenor der Geschäftstreibenden: Man trage die Maßnahmen des Landes und nun des Bundes mit. Bis auf wenige Ausnahmen werde das auch von den Kunden akzeptiert. Im österreichischen Handel sind gut eine halbe Million Personen beschäftigt. Er ist der zweitgrößte Arbeitgeber in der marktorientierten Wirtschaft.

          Die Verschärfung der Schritte geht einher mit dem starken Infektionsgeschehen durch Omikron. Nach wie vor sind nur gut zwei Drittel der Bevölkerung immunisiert, also zumindest zweimal geimpft. Erst bei einer Immunisierung von mehr als vier Fünfteln der Bürger kann die Ausbreitung in Zaum gehalten werden. Daher hat die Regierungskoalition von ÖVP und Grünen Anfang Februar als erstes Land in Europa eine Impfpflicht verordnet.

          Zu diesem Gesetz gab es mit mehr als 108.000 Stellungnahmen so viele Kommentare wie noch nie. Der Großteil kam von Privatpersonen, die ihren Protest gegen das Vorhaben oftmals in gleichlautenden Texten zum Ausdruck brachten. Die Wirtschaftskammer als maßgebliche Interessenvertretung für Unternehmen tritt für eine Verschiebung der Impfpflicht ein.

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