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Wework : Ungute Erinnerungen an kreative Buchführung

Wework ist auf die Untervermietung von Büros spezialisiert, eine Art AirBnB für Arbeitsräume. Bild: Reuters

Der Bürovermittler Wework verwendet eine ungewöhnliche Kennziffer, die seine Ergebnisse besser aussehen lässt. Das weckt ungute Erinnerungen.

          Profitabilität lässt sich auf verschiedene Weise messen. Wenn Unternehmen Geschäftszahlen vorlegen, dann weisen sie üblicherweise nicht nur den Nettogewinn aus, sondern auch Kennzahlen, die um bestimmte Posten bereinigt sind. Etwa das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) oder das Ergebnis vor Zinsen, Steuer und Abschreibungen (Ebitda). Das ist gängige Praxis, und diese Größen werden als hilfreiche Indikatoren für die wirtschaftliche Verfassung weithin akzeptiert.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Aber manche Unternehmen lassen sich besonders kreative Wege einfallen, ihre Zahlen zu „bereinigen“ – üblicherweise mit der Konsequenz, dass die Ergebnisse dadurch besser aussehen. Ein berühmtes Beispiel dafür lieferte einst das Rabattportal Groupon, das zu Beginn dieses Jahrzehnts zu den Senkrechtstartern der Internetbranche zählte. Als das Unternehmen 2011 seinen Börsengang vorbereitete und den zugehörigen Prospekt für seine künftigen Aktionäre veröffentlichte, tauchte darin eine vormals unbekannte Kennziffer auf: ein „Adjusted Consolidated Segment Operating Income“ (ACSOI). Mit diesem sperrigen Begriff war ein Ergebnis gemeint, das eine Reihe von sehr reellen Kosten unberücksichtigt ließ, darunter Marketingausgaben zur Akquisition neuer Kunden.

          Diese Bereinigung hatte einen dramatischen Effekt: Für das Jahr 2010 wies Groupon einen Betriebsverlust von 420 Millionen und einen Nettoverlust von 413 Millionen Dollar aus. Das „ACSOI“ aber war positiv und lag bei 61 Millionen Dollar. Möglich wurde dieser dramatische Umschwung vom Negativen ins Positive durch Herausrechnen von 242 Millionen Dollar an Marketingkosten und einigen anderen Posten. „Wir messen uns nicht auf konventionellen Wegen,“ sagte der Gründer und damalige Vorstandschef Andrew Mason zu jener Zeit lapidar in dem Börsenprospekt über die eigentümliche Ergebniskennzahl. Er beschrieb die herausgerechneten Kosten zur Kundenakquisition als „Vorausinvestitionen“, die im Laufe der Zeit verschwinden würden. Die Börsenaufsicht SEC war freilich alles andere als angetan und brachte Groupon dazu, die Kennziffer noch vor dem Debüt an der Wall Street aus dem Prospekt zu entfernen.

          Der Börsengang war dann zunächst ein Erfolg. Die Groupon-Aktien wurden für 20 Dollar ausgegeben, und am ersten Tag legte der Kurs um mehr als 30 Prozent zu. Aber die Begeisterung ließ recht schnell nach, als Groupon enttäuschende Ergebnisse vorlegte. Seit dem Börsengang hat das Unternehmen wiederholt Verluste und schrumpfende Umsätze ausgewiesen, im Moment kostet die Aktie weniger als fünf Dollar, der Marktwert des Unternehmens liegt nur noch bei 2,5 Milliarden Dollar.

          Ungute Erinnerungen

          An die Vorgänge um Groupon weckt nun ein gegenwärtiger Aufsteiger aus der amerikanischen Start-Up-Szene ungute Erinnerungen. Der New Yorker Bürovermittler Wework hat kürzlich im Zusammenhang mit der Ausgabe von Anleihen Einblicke in sein Zahlenwerk gegeben und hatte dabei ebenfalls eine kuriose Kennziffer. In diesem Fall war es ein „Community Adjusted Ebitda“. Wie die Zeitung „Wall Street Journal“ berichtete, wurden dabei nicht nur Zinsen, Steuern und Abschreibungen herausgerechnet, sondern auch Ausgaben für Marketing oder Design.

          Und ähnlich wie einst bei Groupon ist der Effekt dieser Bereinigung enorm. Wework wies dem Bericht zufolge für das vergangene Jahr einen Nettoverlust von 933 Millionen Dollar aus. Das „Community Adjusted Ebitda“ sei indessen positiv gewesen und mit 233 Millionen Dollar angegeben worden. Adam Cohen vom Anleihespezialisten „Covenant Review“ sagte der Zeitung, er habe in seinem Leben noch nie etwas von einem „Community Adjusted Ebitda“ gehört. Albert Edwards, der für seine pessimistischen Markteinschätzungen bekannte Ökonom der Bank „Société Générale“, nannte die Kennziffer einen „völlig neuen Nonsens-Bewertungsmaßstab“, der ihn an die Zeit der Technologieblase um die Jahrtausendwende erinnere.

          Airbnb für Büros

          Wework ist auf die Untervermietung von Büros spezialisiert, man kann sich das Unternehmen als eine Art Airbnb für Berufszwecke vorstellen. Das Unternehmen mietet Räumlichkeiten an, peppt sie technisch und auch optisch auf und vermietet sie dann weiter. Das funktioniert nach dem „Coworking“-Prinzip, das heißt die Büroräume werden gemeinschaftlich genutzt, oft nicht nur von Mitarbeitern eines Unternehmens, sondern einem bunt gemischten Publikum. Das sind oft Freiberufler oder Mitarbeiter eines Start-Up-Gesellschaften, in jüngster Zeit werden die Dienste von Wework auch verstärkt von größeren Unternehmen wie dem Musikdienst Spotify oder der Bank HSBC in Anspruch genommen.

          Die Idee von Wework ist es dabei, nicht nur einfach Bürofläche und Schreibtische zur Verfügung zu stellen, sondern ein Umfeld zu bieten, das die Menschen zum gegenseitigen Austausch ermuntert. In den Wework-Büros gibt es Gratiskaffee, Bier und diverse Annehmlichkeiten wie Billiardtische oder Meditationsräume.

          Das Konzept kommt an, und das Unternehmen hat heute Standorte auf der ganzen Welt. In Deutschland ist Wework in Berlin, Frankfurt, Hamburg und München vertreten. Investoren haben Wework zuletzt mit rund 20 Milliarden Dollar bewertet. Das macht den Bürovermittler zu einem der teuersten Start-Ups in den Vereinigten Staaten. Mit dieser Bewertung dürfte freilich die Hoffnung verbunden sein, dass das Unternehmen eines Tages auch ohne Herausrechnen diverser Ausgaben Gewinne erzielen wird.

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