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Kritik an Wework-Gründer : „Bedenklich bis abscheulich“

Adam Neumann während eines Tech-Kongresses in New York im Jahr 2017 Bild: REUTERS

Das unrühmliche Ende bei Wework hat Adam Neumann nicht von einem neuen Anlauf als Unternehmer abgehalten. Dafür hat er sich eine üppige Investition gesichert. Aus Deutschland kommt heftige Kritik.

          3 Min.

          Adam Neumann wurde in den vergangenen Jahren zu einem abschreckenden Beispiel für Größenwahn in der amerikanischen Unternehmensszene. Der von ihm mitgegründete Bürovermittler Wework wurde erst mit dem Versprechen, die Arbeitswelt zu revolutionieren, zu einem der am höchsten bewerteten Start-ups, erlebte dann aber einen tiefen Fall, als er 2019 an die Börse wollte. Der Börsenprospekt legte damals nicht nur hohe Verluste offen, sondern auch ein alarmierendes Verständnis von „Corporate Governance“, also Unternehmensführung.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Neumann hatte sich über eine spezielle Aktienstruktur enorme Machtfülle gesichert, und es wurden fragwürdige Geschäfte zwischen ihm und Wework publik, die den Eindruck erweckten, das Unternehmen sei sein persönlicher Selbstbedienungsladen. Der Börsengang wurde abgeblasen, und Neumann legte seine Ämter nieder, verließ Wework aber mit einem stattlichen Abfindungspaket. Der Aufstieg und Fall von Wework wurde zum Stoff für Hollywood, es gab einen Dokumentarfilm und eine Fernsehserie mit Jared Leto in der Rolle von Neumann.

          Prominente Geldgeber

          Das unrühmliche Ende bei Wework hat Neumann nicht davon abgehalten, einen weiteren Anlauf als Unternehmer zu wagen, und offenbar hält es Geldgeber auch nicht davon ab, ihn zu unterstützen. Jetzt hat Andreessen Horowitz, eine der prominentesten Wagniskapitalgesellschaften im Silicon Valley, eine Investition in Neumanns neues Unternehmen Flow angekündigt. Es ist für sie nicht irgendeine Beteiligung, sondern offenbar die bislang größte in ihrer Geschichte. Sie nannte selbst keine Zahlen, aber nach einem Bericht der „New York Times“ investiert sie 350 Millionen Dollar. Sie bewertet Flow mit mehr als einer Milliarde Dollar und hebt es somit in den Rang eines „Einhorns“, und das, obwohl es noch gar nicht offiziell seinen Betrieb aufgenommen hat. Das ist erst für 2023 geplant, wie auf einer bislang spärlichen Internetseite zu lesen ist. Die üppige Summe ist umso bemerkenswerter in einer Zeit, in der es Start-ups schwerer fällt, Investoren zu finden.

          Welchen Stellenwert Andreessen Horowitz der neuen Beteiligung zumisst, zeigt sich auch daran, dass Mitgründer Marc Andreessen sich selbst in einem Blogeintrag ausführlich dazu geäußert hat. Er überschüttete Neumann dabei mit Lob und ging nur in Andeutungen auf die Kontroversen ein. Andreessen nannte Neumann einen „Visionär“, der den Markt für Gewerbeimmobilien „revolutioniert“ habe. In der ganzen Berichterstattung über Neumann werde „oft nicht ausreichend gewürdigt“, dass er die einzige Person sei, die ein „fundamental neues Design“ für die Bürowelt entwickelt habe. Er habe ein globales Unternehmen geführt, das „Paradigmen gewechselt“ habe. „Wir lieben es, wenn Seriengründer auf vergangenen Erfolgen aufbauen, indem sie sich nach gelernten Lektionen weiterentwickeln.“ Für Neumann habe es „reichlich Erfolge und Lektionen“ gegeben.

          Mit Flow bewegt sich Neumann wieder auf dem Immobilienmarkt, allerdings geht es diesmal nicht um Büros, sondern um Wohnungen. Seine genauen Pläne sind bislang nicht bekannt, aber wie die „New York Times“ schreibt, will er Wohnimmobilien ähnlich wie Hotels einen Markenauftritt geben und dabei diverse Dienstleistungen und Gemeinschaftsaktivitäten anbieten. Er habe selbst mehrere Tausend Apartments in Städten wie Miami, Atlanta und Nashville erworben, die er unter das Management von Flow bringen wolle, zudem wolle er die Dienste seines Unternehmens auch anderen Immobilienentwicklern anbieten. Flow erinnert an Welive, ein ehemaliges Nebenprojekt von Wework, das sich ebenfalls um die Vermietung von Wohnungen drehte und bei dem Gemeinschaftsaktivitäten der Bewohner eine große Rolle spielten. Welive kam über wenige Standorte nicht hinaus und wurde schließlich eingestellt.

          Flow ist nicht Neumanns einziges Projekt seit seinem Abschied von Wework. Er zählt auch zu den Mitgründern von Flowcarbon, einem Unternehmen, das auf den Handel mit Emissionszertifikaten über die Blockchain-Technologie spezialisiert ist. Auch in Flowcarbon hat Andreessen Horowitz investiert. Neumanns altes Unternehmen Wework hat es mittlerweile an die Börse geschafft, es ging im vergangenen Herbst den Weg über die Verschmelzung mit einem Börsenmantel, einem sogenannten Spac. Das Unternehmen hat heute eine Marktkapitalisierung von 4 Milliarden Dollar. Anfang 2019, als Neumann noch an der Spitze stand, wurde es in einer außerbörslichen Finanzierungsrunde einmal mit 47 Milliarden Dollar bewertet.

          Die großzügige Finanzierungsrunde für Neumanns neues Unternehmen sorgte in der Branche für einiges Aufsehen – und auch für Kritik aus Deutschland. Christian Miele, der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutsche Startups, nannte sie in einem Linkedin-Eintrag „bedenklich bis abscheulich“. Es liege an Gründern wie Neumann, warum es in der Gesellschaft Skepsis gegenüber Unternehmern gebe. Es sei daher wichtig, dass Europa einen anderen Weg gehe als das Silicon Valley. „Unser Startup-Ökosystem soll zwar ähnlich erfolgreiche, aber vor allem auch verantwortungsbewusste Gründerteams hervorbringen.“

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