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Westfälisches Wirtschaftsarchiv : Zehn Regalkilometer Wirtschaftshistorie

Geschäftsbuch des Handelshauses Johann Caspar Harkort, (Hagen-) Harkorten, 1743-1753 und Briefbündel der Textilfabrik H. & J. Huesker in Gescher, 1870 Bild: Westfälisches Wirtschaftsarchiv

Seit siebzig Jahren zeichnen die Historiker in Dortmund die Wirtschaftsgeschichte Westfalens auf. Im Zeichen der Globalisierung ist ihre Arbeit wichtiger denn je.

          3 Min.

          Es ist ein schöner Zufall, dass kurz vor dem 70. Gründungstag des Westfälischen Wirtschaftsarchivs genau 70 Kisten in der Märkischen Straße in Dortmund ankamen. Der neueste Zugang für eines der ältesten Wirtschaftarchive Deutschlands besteht aus Bilanzbüchern, Korrespondenzen, technischen Zeichnungen und Werbeplakaten aus dem westfälischen Ahlen. Lange lagerten die Dokumente auf einem Dachboden des Wannenherstellers Kaldewei. 1918 begann das Familienunternehmen, Rohwaren wie Eimer und Töpfe für traditionelle Emaillierwerke zu fertigen. In den fünfziger Jahren machte es mit nahtlos aus einem Stück Stahl gezogenen Badewannen auf sich aufmerksam.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Es war eine Revolution: Die westfälischen Wannen verdrängten die bis dahin verbreiteten Produkte aus Gussstahl. Bald war Kaldewei einer der Marktführer in Deutschland; Baden war nicht länger das Privileg der Oberschicht. Heute ist das Unternehmen europäischer Marktführer für emaillierte Bade- sowie Duschwannen. Und Gesellschafter Franz Dieter Kaldewei findet, es sei wirklich höchste Zeit, die Geschichte seines Unternehmens aufbewahrt zu wissen, und zwar in professioneller Hand.

          Auch wenig betrachtete Gegenden fest im Blick

          Auf zehn Regalkilometern verwahrt das 1941 gegründete Westfälische Wirtschaftsarchiv (WWA) schon historische Dokumente zur breiten Branchenvielfalt der Region - vom Metallgewerbe des Sauer- und Siegerlands, über die Kohle- und Stahlindustrie des Ruhrgebiets, bis zur münsterländischen Textilindustrie oder zur Fahrrad- und Tabakindustrie aus Minden-Ravensberg. Das Archiv wird unter anderem von den Industrie- und Handelskammern in Dortmund und Westfalen-Lippe, dem Land Nordrhein-Westfalen und der Stadt Dortmund getragen. Es übernimmt hoheitliche Aufgaben, indem es die historischen Unterlagen der regionalen Kammern nach den Vorgaben des Landesarchivgesetzes betreut.

          Musterbuch der Metallwarenfabrik Arnold Gerdes in Altena, um 1865 Bilderstrecke
          Musterbuch der Metallwarenfabrik Arnold Gerdes in Altena, um 1865 :

          Hinzu kommt die Archivierung der Überlieferungen von Fabriken, Bergwerken, Kaufmannshäusern, Einzelhandels- und Handwerksbetrieben. Unter den Archivalien befinden sich Musterbücher, Plakate, historische Wertpapiere und Filme oder auch das Geschäftsbuch der Familie Harkort - es gilt als Teil eines der bedeutendsten Kaufmannsarchive Europas. Zu Berühmtheit hat es jüngst der Bestand zum Batteriehersteller „Varta“ gebracht, der im Film „Das Schweigen der Quandts“ eine wichtige Rolle spielte.

          Das Wirtschaftsarchiv spiegelt aber auch, wie enorm sich die westfälische Wirtschaft in den vergangenen 300 Jahren gewandelt hat. Im Mittelpunkt stehen die spektakulären Entwicklungen in der Montanindustrie mit ihren räumlichen und sozialen Wirkungen. 2005 übernahm das Archiv deshalb auch die wissenschaftliche Leitung beim Aufbau eines Hoesch-Museums zur Geschichte von Eisen und Stahl in Dortmund. Doch behält das Archiv auch wenig betrachtete Gegenden außerhalb des Ruhrgebiets fest im Blick.

          Die Geschichte der Industrialisierung bedarf einer Korrektur

          Zum Beispiel den Wirtschaftsraum um Arnsberg: Dessen „relative Rückständigkeit“, so Archivdirektor Karl-Peter Ellerbrock, habe in den Boomjahren des Ruhrgebiets zwar zugenommen. Doch würden heute im IHK-Bezirk Arnsberg höhere Industrieumsätze erzielt als im Bezirk Dortmund. Solche Erkenntnisse sind von großem Wert für die wirtschaftshistorische Forschung: Lange galt es als ausgemacht, dass das ökonomische Gefälle zwischen Regionen, die einmal den „Take-off“ vollzogen haben, und ihrem „Hinterland“ immer größer wird. Die Arnsberger Erkenntnisse legen einen Paradigmenwechsel nahe: Die Geschichte der Industrialisierung bedarf einer sorgfältigen Korrektur - aus regionaler Perspektive.

          Doch existiert auch ein dringender Grund, regionale Wirtschaftsgeschichte zu betreiben. „Das WWA ist Auffangstelle für die von Vernichtung bedrohten historischen Überlieferungen von Unternehmen, wenn diese untergehen oder - eine jüngere Erscheinung - infolge der fortschreitenden Globalisierung ihre Eigenständigkeit verlieren und nur noch als Betriebsstätte multinationaler Konzerne weitergeführt werden können“, sagt Ellerbrock. Im vergangenen Jahr gelang es den Historikern gerade noch, das wertvolle Archiv des 1839 gegründeten Unternehmens Peddinghaus zu retten, die ein indischer Investor übernommen hatte.

          Aus vergangenen Krisen lernen

          2009 wirkte das WWA mit, das Archiv der Chemischen Werke Marl (heute Evonik) unter das Gesetz zum Schutz deutschen Kulturguts gegen Abwanderung zu stellen. Ein besonderes Verdienst des WWA ist schließlich die Rettung der Akten und Dokumente der einst so stolzen Dortmunder Brauwirtschaft. „Die Geschichte des Bieres hat in Dortmund, ähnlich wie die von Kohle und Stahl, eine besondere Bedeutung für die historische Identität der hier lebenden und arbeitenden Menschen“, sagt Ellerbrock.

          Allerdings wollen nicht alle Firmen ihren historischen Aktenbestand nach Dortmund geben. Unternehmen wie Schwarze Korn aus Oelde, die Stadtwerke Bielefeld oder der Stärkehersteller Crespel & Deiters aus Ibbenbüren haben sich bei Aufbau und Pflege ihrer Archive von den WWA-Fachleuten helfen lassen. Bei Crespel & Deiters heißt es, der Blick in die eigene, mehr als 150 Jahre währende Geschichte mit all ihren Rückschlägen habe ganz praktischen Nutzen: Aus vergangenen Krisen könne man lernen, wie man mit Mut zum Wandel, zur Innovation und Investition Erfolg haben kann.

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