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Energieversorger : Werner Müller will RWE retten

Werner Müller Bild: dpa

Der einstige Bundeswirtschaftsminister und Evonik-Chef will RWE-Aufsichtsratschef werden. Müller ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt und hat mit dem Energiekonzern viel vor.

          5 Min.

          Im Tauziehen um den neuen RWE-Chefkontrolleur ist wenige Tage vor der Aufsichtsratssitzung in der kommenden Woche eine Vorentscheidung gefallen: Nach Informationen dieser Zeitung werden die kommunalen Aktionäre und Teile der Arbeitnehmerbank Werner Müller, den ehemaligen Bundeswirtschaftsminister und früheren Vorstandsvorsitzenden des Essener Chemiekonzerns Evonik, beim Treffen am 18. September zur Wahl vorschlagen.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Carsten Knop

          Als Nachfolger von Manfred Schneider, der den Posten auf eigenen Wunsch im kommenden Frühjahr abgibt, will Müller den Konzern umbauen und nach dem Vorbild der einstigen Ruhrkohle AG zukunftsfähig machen. Das könnte auch eine Teilabwicklung oder eine Teilverstaatlichung umfassen. Schneider, der frühere Vorstandsvorsitzende des Leverkusener Chemie- und Pharmakonzerns Bayer, hatte als seinen Nachfolger eigentlich Werner Brandt ins Spiel gebracht. Der ehemalige Finanzvorstand des deutschen Softwarekonzerns SAP ist heute als selbständiger Unternehmensberater tätig. Der 61 Jahre alte Brandt wird in RWE-Aufsichtsratskreisen als Vorsitzender des Prüfungsausschusses sehr geschätzt, allerdings ist er eher in der Rhein-Main-Neckar-Region vernetzt und im Ruhrgebiet ein vergleichsweise unbeschriebenes Blatt. Daran ändert auch nichts, dass er in Herne geboren wurde.

          Das ist bei Müller ganz anders. Der bestens verdrahtete Manager ist seit Ende 2012 Vorsitzender der Essener RAG-Stiftung. Diese ist nicht nur der wesentliche Anteilseigner des Chemiekonzerns Evonik, sondern inzwischen an diversen anderen kleineren Unternehmen beteiligt, um aus den Einnahmen daraus die künftigen Ewigkeitslasten des deutschen Steinkohlenbergbaus zu tragen. Er ist parteilos, war aber im Kabinett Gerhard Schröder (SPD) Bundesminister für Wirtschaft und Technologie und erfreut sich nach wie vor bester Kontakte in die Parteien- und Gewerkschaftswelt. Nachgesagt wird ihm ein ausgezeichnetes Verhältnis zur IG BCE, die im Aufsichtsrat mit der dort ebenfalls vertretenen Dienstleistungsgewerkschaft Verdi konkurriert.

          Der 69-Jährige wird nicht geliebt, meist aber geachtet und nur von wenigen gehasst. Vertraute aus seinem Umfeld berichten, dass der vor Energie sprühende Müller sich mit seinen derzeitigen Aufgaben nicht ausgelastet fühlt, obwohl er neben der RAG-Stiftung auch dem Aufsichtsrat von Evonik vorsitzt. Er traut sich offenbar zu, den Vorstand sehr aktiv dabei zu unterstützen, den angeschlagenen Energiekonzern sozialverträglich umzubauen und dabei seine einschlägige Expertise zu nutzen. Dass er im kommenden Sommer 70 Jahre alt wird, scheint den Schaffensdrang des als ausgemachter Strippenzieher geltenden Müller nicht zu bremsen. „Er ist fit“, ist zu hören. Der noch amtierende Aufsichtsratsvorsitzende Schneider hat seinerzeit seinen Posten als RWE-Chefaufseher im Übrigen in vergleichbarem Alter angetreten. Wie indes die Zukunft des größten deutschen Stromproduzenten aussieht, ist völlig offen. Am Aktienkurs, der sich im Jahresverlauf mehr als halbiert hat, lässt sich ablesen, dass der Kapitalmarkt dem aus den Niederlanden stammenden Vorstandsvorsitzenden Peter Terium kein großes Vertrauen mehr schenkt. Im Konzern wird er „The Dutch Bean Counter“ genannt, frei übersetzt also als Erbsenzähler bezeichnet.

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          An der Börse wird der hochverschuldete Konzern gerade noch mit 8 Milliarden Euro bewertet. Zum Vergleich: Dem stehen in der Bilanz Atomrückstellungen von 10,3 Milliarden Euro gegenüber. Durch den Verfall der Stromgroßhandelspreise bricht RWE das frühere Kerngeschäft mit den Großkraftwerken weg. „In der konventionellen Stromerzeugung ringen wir ums Überleben“, hat Terium eingeräumt. Während sich der Düsseldorfer Konkurrent Eon ganz auf das „grüne“ Geschäft konzentrieren und den Rest des Konzerns abspalten will, schreckt Terium vor einer derartigen Radikallösung (noch) zurück. Aber die neuen Geschäftsfelder rund um die Stromnetze, den Vertrieb und den Ausbau der erneuerbaren Energien schaffen es bisher nicht, das auszugleichen, was anderswo verlorengeht.

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