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Angeschlagene Werkstattkette : ATU verhandelt mit Investoren

  • -Aktualisiert am

Ganz genau hingeschaut: In der Werkstattkette ATU steht nicht nur die Karosserie auf dem Prüfstand. Bild: dpa

Ständige Führungswechsel und enorm hohe Mieten: ATU kämpft mit massiven Kernschwierigkeiten. Jetzt holt die angeschlagene Werkstattkette einen renommierten Sanierer zu Hilfe – und spricht mit möglichen Käufern.

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          Bei ATU nehmen die Dinge eine neue Wendung. Die angeschlagene Werkstattkette will zum einen noch in diesem Jahr einen strategischen Investor zum Einstieg bewegen, wie das Unternehmen auf Anfrage der F.A.Z. mitteilte. „ATU führt derzeit Gespräche mit potentiellen strategischen Investoren“, sagte ein Sprecher. „Wir rechnen mit einem Abschluss bis Ende des Jahres.“

          Zum anderem hat ATU einen renommierten Sanierungsfachmann ins Haus geholt: Hans-Joachim Ziems. Entsprechende Informationen aus dem Kapitalmarkt bestätigte der Sprecher ebenfalls. „Herr Ziems ist im Mai eingetreten, um uns im aktuellen Transformationsprozess zu unterstützen.“ Zu seinen Aufgaben gehöre auch, die Gespräche mit Kaufinteressenten zu begleiten. ATU gehört mehrheitlich dem Finanzinvestor Centerbridge. Der ließ eine telefonische Anfrage am Montag unerwidert.

          Über den Tellerrand schauen

          Wenn Ziems ins Spiel kommt, ist die Lage meist verfahren. Er war beispielsweise für den zeitweilig insolventen Holzverarbeiter Pfleiderer aktiv, für den Bonner Immobilienkonzern IVG und für die frühere Muttergesellschaft des Arzneikonzerns Ratiopharm, die Merckle-Gruppe VEM. Es muss sich nicht immer um einen Pleitekandidaten handeln oder einen Fall, in dem die Insolvenz unmittelbar droht. Aber ein Unternehmen, in dem Ziems auf den Plan tritt, steckt in Schwierigkeiten, das wird aus der Selbstdarstellung auf der Website der Unternehmensberatung Ziems & Partner deutlich. Zu Hans-Joachim Ziems steht dort: „Der Sanierungsexperte übernimmt Mandate in der Unternehmensführung und leitet die Restrukturierung von Unternehmen in Krisensituationen.“

          Als „Chief Restructuring Officer“ (CRO) tritt Ziems dann für gewöhnlich auf, und das ist auch sein Titel bei ATU. Seit Mai berät er in dieser Rolle die Geschäftsführung. Mit dabei: Ralf Schmitz, ebenfalls Partner bei Ziems, spezialisiert auf Interimsmandate im produzierenden Gewerbe, dem Maschinen- und Anlagenbau sowie Medien. ATU fällt hier etwas aus der Reihe, aber Schmitz hat auch schon in der Vergangenheit über den Tellerrand geschaut, als er den angeschlagenen Textildiscounter NKD operativ fortführte, umbaute und verkaufte. Ziems & Partner ignorierte eine telefonische Anfrage am Montag.

          Bei ATU herrscht seit Jahren Unruhe. Investoren unter der Regie der amerikanischen Centerbridge hatten sich mit erheblichen Abschlägen in ATU-Anleihen eingekauft. Den Besitzern dieser Anleihe – namentlich dem Alteigentümer KKR – wurde das Angebot gemacht, ihre Papiere in Stamm- und Vorzugsanteile der neuen ATU-Holding-Gesellschaft zu tauschen: eine Umwandlung von Schulden in Eigenkapital.

          Ständige Wechsel an der Unternehmensspitze

          Kernschwierigkeit von ATU sind die teilweise enorm hohen Mieten. Der Unternehmensgründer und frühere Eigner Peter Unger hatte Immobilien an Hedgefonds mit Immobiliengesellschaften abgegeben – und damit dem Unternehmen „einen Mühlstein um den Hals gehängt“, wie der spätere Vorsitzende der Geschäftsführung Norbert Scheuch im vergangenen Jahr im Gespräch mit dem Fachmagazin Finance aus der F.A.Z.-Verlagsgruppe sagte. Einer der Finanziers der Immobilien soll die Deutsche Bank sein.

          Inzwischen gibt es nach Angaben des ATU-Sprechers Fortschritte. „Fakt ist: Wir haben bei den Mieten mit unseren Vermietern verhandelt und bereits deutliche Mietreduzierungen erreicht.“ Im Jahre 2014 hatten die Mietzahlungen Berichten zufolge 115 Millionen Euro betragen. „Die Zahl ist definitiv nicht mehr aktuell“, sagte der Sprecher. Konkreter wurde er nicht.

          Ebenso wenig wollte er sich zur Natur der Verkaufsverhandlungen äußern, beispielsweise zur Größe des Anteilspakets, das zum Verkauf steht. Neben Centerbridge sind Babson Capital und Goldman Sachs Investment Partners beteiligt. Goldman Sachs berät dem Vernehmen nach auch bei den Verkaufsverhandlungen mit den Interessenten. Die Verhandlungen erfolgten auf Grundlage dessen, dass ATU „gute Fortschritte bei der Restrukturierung“ mache, sagte der Sprecher.

          Unruhe verursachen bei ATU die ständigen Wechsel an der Unternehmensspitze. Vor gut einem Jahr übernahm Jörn Werner den Posten des Vorsitzenden der Geschäftsführung von Norbert Scheuch, der selbst erst Anfang 2014 angetreten war. Scheuch löste damals den früheren Sixt-Manager Hans-Norbert Topp ab, der ein halbes Jahr hielt. Dessen beide Vorgänger blieben zwei Jahre beziehungsweise zwei Monate im Amt. Sie scheiterten auch deswegen, weil sie es nicht schafften, die Abhängigkeit der Werkstattkette vom Geschäft mit Winterreifen zu lösen.

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