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A321 Neo : Airbus gibt Toulouse den Vorzug vor Hamburg

Der längste Mittelstreckenjet A321 Neo in Paris: Der Flieger wird künftig auch in Toulouse gebaut. Bild: AFP

Die Produktion des neuen Langstreckenflugzeuges wird in Frankreich ausgebaut. Hauptproduktionsort der A320-Familie war bisher das Airbus-Werk in Hamburg. Bei der nun angekündigten Erweiterung geht der Standort leer aus.

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          Airbus erweitert seine Produktionskapazitäten in Toulouse, um die Nachfrage nach seinem neuesten Kassenschlager zu befriedigen. Es handelt sich um den A321, der demnächst auch zehnstündige Flüge absolvieren soll. Dabei gehört die Maschine zur Familie der schmalen A320-Modelle mit nur einem Gang in der Mitte, die lange Zeit als Mittelstreckenflugzeuge bezeichnet wurden. Doch zum einen sind sie länger geworden und fassen etwa in der „Long-range“-Version des A321 bis zu 244 Personen. Und zum anderen fliegen sie immer weiter: Mit dem A321 „Extra long range (XLR)“ werden Nonstop-Flüge von Europa nach Indien oder von China nach Australien möglich sein.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Hauptproduktionsort der A320-Familie inklusive des A321 war bisher das Airbus-Werk in Hamburg. Bei der nun angekündigten Produktionserweiterung geht der Standort leer aus. Das ist nach Angaben von Airbus jedoch keine patriotische Entscheidung des französischen Konzernchefs Guillaume Faury, sondern der betriebswirtschaftlichen Realität geschuldet. In Hamburg sind keine Kapazitäten frei, in Toulouse dagegen schon, heißt es. Der norddeutsche Standort hatte 2018 eine neue Endmontagelinie für die A320-Modelle bekommen, die insgesamt vierte. Zudem wurde im vergangenen Oktober eine stark automatisierte Rumpfstrukturmontagelinie eröffnet. „In Hamburg bekommen Sie auch keine Leute“, berichtet ein Insider. In Toulouse dagegen stehen Personal und eine Halle zur Verfügung. Das liegt am Auslaufen des Programms für den Riesenflieger A380. In diesem Jahr wird in Toulouse das letzte Modell des A380 gebaut.

          Position von Hamburg werde geschwächt

          Die Gewerkschaften zeigten sich indes beunruhigt: „Zurzeit ist das Werk in Hamburg gut ausgelastet; niemand braucht Angst um seinen Job zu haben. Langfristig wird aber die Position von Hamburg als der führende Standort für das Single-Aisle-Programm geschwächt. Wir erwarten vom Management, dass es ein Zukunftskonzept für die deutschen Standorte und Zulieferer vorlegt“, teilte Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste, mit.

          Wie Airbus am Dienstag bekannt gab, bettet sich der Ausbau in Toulouse in eine globale Strategie ein. Die immer stärker gefragten, weil weit fliegenden A321, werden heute nur in Hamburg und in Mobile (Alabama) gebaut. Nun kommt Toulouse hinzu – und wie es in Unternehmenskreisen heißt, bald wohl auch China, wo bisher nur die Modelle A319 und A320 die Endmontagelinie verlassen.

          Die neue Linie in Toulouse soll von Mitte 2022 in der heutigen A380-Halle mit „modernster digitaler Fertigungstechnologie“ ausgestattet sein. Dabei werde der Standort Toulouse seine gesamte Produktion der A320-Familie stabil lassen, unterstreicht Airbus. Das zeigt, dass der Hersteller mit einer weiter sinkenden Nachfrage und Produktion des kleineren Modells A319 rechnet.  „Wir verzeichnen eine beispiellose Nachfrage nach unserer erfolgreichen A320neo-Familie und insbesondere nach den A321LR (Long Range) und A321XLR (Extra Long Range) Versionen“, teilte  Michael Schöllhorn, Chief Operating Officer von Airbus, mit. Der Standort Toulouse sei „aus Gründen der allgemeinen Wettbewerbsfähigkeit, der Markteinführungszeit, der Investitionskosten, der verfügbaren Nutzfläche und der Ressourcen gewählt“ worden. Die Gewerkschaften wurden informiert.

          Dass das Airbus-Werk in Hamburg an seine Grenzen geraten ist, hatte sich schon im vergangenen Jahr gezeigt: Die Produktion der A321 war ins Stocken geraten, was Konzernchef Faury öffentlich kritisierte. Die neuen Maschinen sind von größerer Komplexität gekennzeichnet, weil die Fluggesellschaften mehr Wahlmöglichkeiten haben. Die Kabinenausstattung kann stark variiert werden, für die Langstreckenflüge gibt es beispielsweise nun eine Business-Class mit ganz flach liegenden Betten und einem ausgebauten Videoangebot. Die alten A320-Modelle hatten das nicht.

          Mit der Umstellung war Hamburg zunächst überfordert; im Engineering wurden etwa noch zwei-statt dreidimensionale Entwürfe verwendet. Zeitweise schickte die Konzernzentrale Experten an den Standort, die bei der Errichtung der hochmodernen A350-Produktionslinie in Toulouse Erfahrung gesammelt hatten. Außerdem tauschte Airbus die Führung in Deutschland aus. Der Werkleiter in Hamburg  André Walter, stieg zum Geschäftsführer der Airbus Operations GmbH auf. Sein Vorgänger Klaus Richter behielt zunächst seine andere große Funktion, den konzernweiten Airbus-Einkauf, doch Ende vergangenen Jahres verließ er den Konzern. Wie in Airbus-Kreisen zu hören war, stimmte allgemein die Chemie zwischen Richter und Airbus-Chef Faury nicht. Richter hatte 13 Jahre bei Airbus gearbeitet, zuvor war er bei BMW tätig gewesen.

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