https://www.faz.net/-gqe-9lf

Werften : Ende des Schiffbaus in Emden

  • Aktualisiert am

Schiffbau im Dock der Nordseewerke in Emden Bild: ddp

Thyssen-Krupp verkauft den größten Teil seiner Werft Nordseewerke in Emden. Dort sollen künftig Windräder statt Containerschiffe gebaut werden. Nach der Entscheidung blieben die Werkstore am Dienstag geschlossen. Hunderte Menschen protestieren.

          2 Min.

          Mit dem Verkauf der Emder Nordseewerke an den Windanlagenhersteller SIAG sieht die IG Metall das Ende des Schiffbaus in der Hafenstadt besiegelt. „Damit geht eine über hundertjährige Tradition zu Ende“, sagte am Dienstag der Emder IG Metall-Chef Wilfried Alberts. Nach der Entscheidung von ThyssenKrupp, die Werft an die SIAG Schaaf Industrie AG zu verkaufen, blieben die Werkstore am Dienstag geschlossen. Hunderte Menschen versammelten sich vor der Schiffsschmiede zu Protesten. Bauern zeigten mit einem Traktorkonvoi und Hupkonzerten ihre Solidarität.

          Am Mittag wurde der Vorsitzende des ThyssenKrupp- Konzernbetriebsrats, Thomas Schlenz, erwartet. Die Werftenholding ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) entschied am Montagabend, dass der Standort Emden verkauft wird. Der geplante Verkauf des Unternehmensbereichs HDW-Gaarden (Überwasserschiffbau) in Kiel an die Bremerhavener Rönner-Gruppe sei dagegen vom Tisch; die Suche nach Partnern laufe aber weiter, hieß es bei der IG Metall.

          Nach Angaben von ThyssenKrupp wird Emden ein Hochtechnologie- Standort für Offshore-Windkraftanlagen. Durch die Übernahme der Fertigung durch SIAG sowie das weitere Engagement der TKMS an dem Standort werde seine Zukunftsfähigkeit gesichert. Siag übernehme 721 der 1196 Beschäftigten in Emden. Bei TKMS bleiben 375 Mitarbeiter. Etwa 100 Mitarbeiter sollen freiwillig ausscheiden oder gehen in Altersteilzeit. Die IG Metall befürchtet gravierende Auswirkungen nicht zuletzt auch für die Zulieferer der Nordseewerke.

          Mitarbeiter der Nordseewerke hinter einem selbstgebastelten Sarg vor dem Werfttor
          Mitarbeiter der Nordseewerke hinter einem selbstgebastelten Sarg vor dem Werfttor : Bild: dpa

          „Ein schwerer Schlag für den Schiffbau in Norddeutschland“

          Das geplante Aus für den Schiffbau ist für die Stadt eine „Riesenenttäuschung“. „Es geht eine Tradition verloren“, sagte Stadtsprecher Eduard Dinkela. „Für uns ist die Entscheidung aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht nachvollziehbar.“ Offshore und Schiffbau wären gemeinsam in Emden gut möglich gewesen. „Die Leute waren bleich im Gesicht, einige hatten Tränen in den Augen. Alle sind schlichtweg geschockt“, sagte Karl-Heinz Benner vom Betriebsrat der Nordseewerke.

          „Das ist ein schwerer Schlag für den Schiffbau in Norddeutschland“, sagte die Bezirksleiterin IG Metall-Küste, Jutta Blankau. TKMS habe sich über den Widerstand der Beschäftigten und die Einwände der niedersächsischen Landesregierung hinweggesetzt. Auch die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat hätten den Verkauf geschlossen abgelehnt, berichtete der stellvertretende TKMS- Aufsichtsratsvorsitzende Heino Bade nach der Sitzung des Gremiums. Der Aufsichtsratsvorsitzende Olaf Berlien habe sein Doppelstimmrecht genutzt.

          „So geht man mit Belegschaften nicht um“, kritisierte Betriebsrat Benner das Vorgehen des TyssenKrupp-Aufsichtsrates. „So etwas ist solange ich bei Thyssen bin noch nicht vorgekommen“, sagte Betriebsrat Klaus Everwien. ThyssenKrupp hatte die Pläne erst am 9. September vorgestellt.

          Bei der Howaldtswerke Deutsche Werft AG in Kiel geht die Zitterpartie für die Mitarbeiter der Gesellschaft Gaarden trotz des abgesagten Verkaufs weiter. Die Geschäftsleitung wolle 180 Entlassungen gegen den Willen von Betriebsrat und IG Metall durchsetzen, teilte die IG Metall mit. Diese Zahl an Mitarbeitern hätte zu Rönner wechseln sollen. Zu Blohm + Voss in Hamburg mit seinem Yachtbau und Reparaturbetrieb wurden keinen weiteren Angaben gemacht.

          Weitere Themen

          Insolvenzverwalter: Konzern wurde leergeräumt

          Wirecard-Skandal : Insolvenzverwalter: Konzern wurde leergeräumt

          Der Insolvenzverwalter von Wirecard erhebt schwere Vorwürfe gegen das ehemalige Management des Konzerns. Mit dem Teilverkauf in dieser Woche kommt aber ein wenig Geld in die Kassen, um den Skandal mit Unterstützung von Anwälten aufzuklären.

          Topmeldungen

          Der Begriff „Milliardenhöhe“ ist mit Betrugsgeschichten bislang zumindest hierzulande selten gewesen.

          Wirecard-Skandal : Insolvenzverwalter: Konzern wurde leergeräumt

          Der Insolvenzverwalter von Wirecard erhebt schwere Vorwürfe gegen das ehemalige Management des Konzerns. Mit dem Teilverkauf in dieser Woche kommt aber ein wenig Geld in die Kassen, um den Skandal mit Unterstützung von Anwälten aufzuklären.
          Plötzlich auf der Intensivstation: Welche Behandlung Patienten im Notfall wünschen, sollten sie in einer Patientenverfügung festhalten (Symbolbild).

          Was Corona lehrt : Triage braucht ein Gesetz

          Wen zuerst behandeln, wenn die Intensivbetten nicht ausreichen? Seit der Coronakrise ist Triage eine gesamtgesellschaftliche Frage. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat Intensivmediziner zu ihren Erfahrungen befragt.
          Protest gegen die alte Verfassung in Santiago.

          Abstimmung über Verfassung : Chile ringt um seine Zukunft

          Am Sonntag stimmen die Bürger in Chile darüber ab, ob es eine neue Verfassung gibt. Die bisherige stammt noch aus der Zeit von Diktator Augusto Pinochet – und gilt Gegnern als Wurzel aller Ungerechtigkeit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.