https://www.faz.net/-gqe-aaozr

Werder-Bremen-Geschäftsführer : „Ich habe nichts gegen Investorengeld“

Werder-Bremen-Geschäftsführer Klaus Filbry Bild: nordphoto.GmbH

Werder Bremen holt sich über eine Anleihe weitere Millionen. Geschäftsführer Klaus Filbry über Corona, die Krise und das große Geld im Fußball.

          3 Min.

          Die Corona-Krise bringt viele Fußballvereine in Liquiditätsengpässe und zwingt sie zu neuen Finanzierungslösungen. Nach einem durch eine Landesbürgschaft abgesicherten Kredit in Höhe von 20 Millionen Euro setzt Werder Bremen nun auf das Instrument einer Mittelstandsanleihe, sagt Geschäftsführer Klaus Filbry im Gespräch mit der F.A.Z. „Wir müssen für die Bundesliga-Lizenz die Liquidität bis zum 30.6.2022 sichern. Liquidität ist King.“ Die Kreditlinien durch die Bürgschaft habe man ausgereizt. Das Corona-Minus betrage bis zu 40 Millionen Euro. Durch die Anleihe wolle er sich „Beinfreiheit sichern“. Sollte die wirtschaftliche Erholung schneller gehen als erwartet, könnten die Mittel für Investitionen in die Jugendarbeit oder datenbasiertes Scouting genutzt werden, sagt Filbry.

          Gustav Theile
          Redakteur in der Wirtschaft.

          In einer ersten Phase hat der Verein demnach gemeinsam mit dem Bankhaus Lampe die Anleihe unter institutionellen Anlegern sowie Freunden und Sponsoren des Vereins plaziert; Mindestanlagebetrag waren 100.000 Euro. „Dabei ist ein zweistelliger Millionenbetrag zusammengekommen“, sagt Filbry. Der Kupon, also die Verzinsung der Anleihe, betrage 6 Prozent und mehr. „Das wird auch die Größenordnung für die öffentliche Plazierung sein.“ Das sei die zweite Phase, die nun folge. Die Anleihe ist börsennotiert und richtet sich an alle Depot-Besitzer. Sorge, künftig von Investoren abhängig zu sein, hat Filbry dabei nicht. „Die Anleihe ist breit gestreut.“ Kein Investor habe allein eine riesige Summe gezeichnet. Dem Vernehmen nach handelt es sich bisher um 80 bis 90 Zeichner.

          „Es gibt viel Investorengeld aus Amerika“

          Der Verein hat dabei unterschiedliche Finanzierungsmodelle geprüft, auch eine Fananleihe, für die sich andere Vereine entschieden haben. Gegen diese führt Filbry moralische Gründe ins Feld: „Wir wollen nicht mit den Emotionen der Fans und Kleinanleger spielen.“ Die Mittelstandsanleihe sei „seriöser und fairer für alle“. Er bekräftigt: „Wer Fremdkapital aufnimmt, muss das auch zurückführen. Deshalb haben wir uns ein rigides Kostenmanagement verschrieben.“ Die Mannschaft habe auf einen signifikanten Teil des Gehaltes verzichtet und sich in zwei Runden jeweils auf einen einheitlichen Prozentsatz geeinigt. Auch durch Spielerverkäufe habe man die Kaderkosten um insgesamt 9 Prozent reduziert. Weitere Verkäufe dürften in diesem Sommer folgen: „Wir setzen uns damit auseinander, Spieler zu verlieren.“

          Filbry glaubt, dass die Pandemie das Fußballgeschäft nachhaltig verändern wird. „Es gibt viel Investorengeld aus Amerika, das in den Markt strömt.“ Auch er habe schon gewisse Gespräche mit Investoren geführt, mehr könne er aus Vertraulichkeitsgründen nicht sagen. „Ich habe nichts gegen Investorengeld, aber es muss strategisch und nachhaltig sein.“ Die Bundesliga sei attraktiv, weil die Vereine solide wirtschafteten. Wichtig sei, dass man das Wertefundament erhalte. „Wenn man den Fußball entwurzelt, funktioniert er auch als globales Unterhaltungsprodukt nicht.“ Beim FC Liverpool etwa, der der amerikanischen Fenway Sports Group gehört, sei das gelungen: „Das ist nach wie vor ein englischer Arbeiterklub.“

          „50+1 ist faktisch ausgehebelt“

          Erst kürzlich meldete die Nachrichtenagentur Bloomberg, Investoren aus Amerika würden sich unter anderem für Eintracht Frankfurt interessieren, der Verein dementierte. Auch einige Ligen öffnen sich aktuell für Investoren: Die italienische Serie A hat einen Anteil von 10 Prozent an einer Vermarktungsgesellschaft an ein Bündnis aus Investmentfonds verkauft, die Deutsche Fußball-Liga, der Zusammenschluss der Vereine der Ersten und Zweiten Bundesliga der Männer, lotet einen ähnlichen Schritt gerade für ihre Auslandsvermarktung aus. „Das zu prüfen, halte ich für richtig“, sagt Filbry.

          In der Bundesliga gilt die sogenannte 50+1-Regel. Die besagt, dass Vereine immer die Mehrheit des Stimmrechts behalten müssen und nicht an Investoren abgeben dürfen. „Die wollen aber das Sagen haben“, betont Filbry. „Man muss schauen, ob sie bereit wären, sich als Minderheitseigner einzubringen.“ Er kann sich deshalb auch ein Ende der Regel vorstellen: „Man muss offen ansprechen, dass 50+1 heute schon faktisch ausgehebelt ist“, meint der Werder-Geschäftsführer und verweist auf eine Reihe von Vereinen: Leverkusen mit dem Bayer-Konzern im Rücken, Wolfsburg mit Volkswagen, Hoffenheim mit dem Milliardär Dietmar Hopp, Leipzig mit Red Bull oder Hertha BSC mit Investor Lars Windhorst. „Wichtig ist, dass die Investoren ein nachhaltiges Interesse haben, den Verein zu entwickeln, ohne die Identität zu vernachlässigen.“

          Filbry hält eine Gehaltsobergrenze deshalb für wichtiger. „Ein Salary Cap würde für einen faireren und gesünderen Wettbewerb sorgen.“ Diese Obergrenze für Gehaltsausgaben von Vereinen wird seit längerem diskutiert. Anfang Februar machte sich auch DFL-Chef Christian Seifert dafür stark. Filbry betont, solch eine Regel müsse auf europäischer Ebene eingeführt werden. Die Fußballteams, die externe Geldgeber haben, profitierten in der Pandemie von ihrer „starken Gesellschafterstruktur“, meint Filbry. Neben den deutschen Vereinen erwähnt er die „de facto Staatsvereine Manchester City und Paris St. Germain“, gegen die die Borussia Dortmund und Bayern München gerade im Halbfinale der Uefa Champions League ausgeschieden sind. Manchester City gehört mehrheitlich einem Scheich und Minister Abu Dhabi, Paris St. Germain einem staatlichen Investmentfonds aus Qatar.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Guten Tag! Joe Biden und Wladimir Putin geben sich in Genf die Hand.

          Gipfel mit Biden und Putin : Monologe zum Dialog

          Joe Biden und Wladimir Putin finden einige freundliche Worte füreinander. Inhaltlich aber gibt es in Genf keine Annäherung. Jetzt sollen Arbeitsgruppen weitersehen.

          Deutschland bei der EM : Bonjour, Rumpelfußball

          0:1 zum EM-Start – und es ist wirklich nichts passiert? Die Endphase der Ära Löw ist von irriger Autosuggestion geprägt. In Wahrheit helfen nun höchstens noch Rennen und Kämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.