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Gastronom Nusret Gökçe : Wer ist Ribérys Gold-Griller?

Vom Metzger zum Online-Phänomen: Nusret Gökçe Bild: dpa

Was haben Franck Ribéry und Nicolás Maduro gemeinsam? Das Steak, den Medienrummel – und den Koch. Nusret Gökçe ist eigentlich Gastronom. Online posiert er als Model, Scheich und Möchtegern-Marlon Brando.

          Januar 2019: Franck Ribéry, rauhbeiniger Fußballer beim FC Bayern, verzehrt ein mit Blattgold überzogenes Steak, wird dafür von verschiedenen Seiten getadelt – und empfiehlt seinen Kritikern Inzest mit deren Müttern und Großmüttern. Medienrummel.

          September 2018: Nicolás Maduro, rustikaler Präsident Venezuelas, isst ein Steak, raucht dabei Zigarre und lobt das gute Leben – während in seinem Land die Menschen hungern. Medienrummel.

          Zwei Aufreger, zwei unterschiedliche Protagonisten, die ein Stück Fleisch verspeisen. Das Verbindungsglied dieser beiden Vorkommnisse ist der Mann, der am Grill stand: Nusret Gökçe, besser bekannt als Salt Bae.

          „Impression Management“

          Wer seinen Instagram-Auftritt besucht, und das sind nicht wenige, er hat fast 19 Millionen Follower, trifft auf einen Profi in jener Disziplin, die wir heute als „Impression Management“ bezeichnen. Bewusst steuert er die Wahrnehmung seiner Person, macht aus dem realen Menschen Nusret Gökçe die Kunstfigur Salt Bae. Sonnenbrille, schwarzer Anzug, weißes T-Shirt, gar kein T-Shirt. Definiert die Muskeln des Oberkörpers, konzentriert der Blick, die Haare zum Pferdeschwanz gebunden.

          Er inszeniert sich als Model, als Scheich, als Pate (hinter ihm ein Bild mit Marlon Brando in der Rolle des Don Vito Corleone). In der amerikanischen Serie „Narcos“ hat er mitgespielt, sein Konterfei findet sich auf Kleidungsstücken.

          Alberne Pose – großer Effekt

          Wer ist dieser flamboyante, aggressiv selbstbewusste, ausgestellt dekadente Mann? Als Sohn kurdisch-türkischer Eltern soll Gökçe 1983 zur Welt gekommen sein. Schulabbruch nach der fünften Klasse, Ausbildung zum Fleischer. Zwischen 18 und 20 Stunden, so geht die Legende, habe er am Tag gearbeitet, kein einziges Mal sei er seinem Vater finanziell zur Last gefallen. In Argentinien habe er als Gastwirt und auf Rinderfarmen gearbeitet.

          2010 eröffnete er sein erstes Restaurant namens „Nusr-Et“: zwölf Tische, zehn Angestellte. Eine Vita, die in positiven Eskalationsstufen verläuft und als Muster des Narrativs vom amerikanischen Traum durchgeht.

          Was die Raute für Angela Merkel bedeutet, sind für Gökçe der erhobene Arm und das abgeknickte Handgelenk beim Salzstreuen. Anfang 2017 hat er sich in dieser eher albernen Pose filmen lassen. Die Salzkörner, von ihm selbst als „Feenstaub“ bezeichnet, rieseln ihm über den Unterarm, bevor sie auf dem Fleisch landen.

          Eine kleine Bewegung, die zu einer großen Bewegung führte. Nachdem er das Video online gepostet hatte, wurde Gökçe zum Star der Stars. Leonardo DiCaprio, David Beckham, Diego Maradona, sie alle waren in einem seiner inzwischen mehr als zehn Restaurants zu Gast. In Berlin soll er nach einer geeigneten Immobilie suchen, bislang allerdings ohne Erfolg.

          Die Speisekarte seiner Etablissements liest sich indes bodenständig; keine kapriziösen Eskapaden, keine Fusion-Küche, keine Molekular-Experimente. Gökçe serviert Avocado-, Ziegenkäse- oder Tomaten-Salat, als Hauptgang bietet er Entrecôte, Steak, Burger oder Lammfilet an. Fleischklößchen, Wurst und Vanille-Eis gibt es auch. Jene berüchtigten 1200 Euro, welche Ribérys Goldstück angeblich wert gewesen ist, waren wohl eine Ausnahme. Gegrillte Tigergarnelen etwa kosten in der New Yorker Dependance knapp 50 Dollar.

          Allerdings ist für Gökçe die von ihm beim Salzen eingenommene Pose mittlerweile unbezahlbar, hat sie doch längst einen symbolhaften Charakter. Sie ist ein Markenzeichen, das von seinen Anhängern imitiert wird und für ein erfolgreiches Geschäftsmodell und Leben steht. Stöbert man durch seine Instagram-Bilder, stößt man immer wieder auf Kinderfotos des Kochs. Eines stammt aus dem Jahr 1995 und trägt den Titel „Nothing is impossible“.

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