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Deutschlands Digitalisierung : Wer in der vernetzten Welt vorn mitspielen will, braucht Datenzentren

Auch Frankfurt ist ein beliebter Standort für Rechenzentren in Deutschland. Bild: dpa

Allein in Deutschland gibt es davon 50.000 – und die haben ein Problem.

          3 Min.

          Wenn digitale Daten für die Wirtschaft im 21. Jahrhundert das sind, was Öl für die Indus­trie im 20. Jahrhundert gewesen ist, dann befindet sich vor den Toren von Magdeburg eine der größten Förderanlagen Europas. Denn im Bördeland steht das Rechenzentrum Biere. Es erstreckt sich über die Fläche von sechs Fußballfeldern, hat hunderttausend schrankwandgroße Netzwerkrechner unter dem Dach, ist eines der größten seiner Art und wird von T-Systems betrieben, einer Gesellschaft der Deutschen Telekom . Sie nennt die Anlage das „digitale Herz“ Deutschlands. Und das schlägt schnell.

          Stephan Finsterbusch
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Pandemie mag den Straßen-, Bahn- und Flugverkehr gedämpft haben, den Datenverkehr hat sie forciert. Das Internet brummt, der Datendurchsatz steigt. Homeoffice, Konferenz- und Streamingdienste, Netflix , Amazon und Spotify, SAP , Salesforce , Oracle und Co. haben ihn gerade zu neuen Rekorden geführt. Nach Angaben von Statista betrug das Datenvolumen des Breitband-Internetverkehrs in Deutschland 2021 rund 102 Milliarden Gigabyte, doppelt so viel wie 2019. Ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil.

          So meldete die Deutsche Commercial Internet Exchange (DE-CIX) für das globale Datendrehkreuz Frankfurt gerade einen Rekord von 11 Terabit Daten je Sekunde. Das entspricht laut Auskunft der Knotenbetreiber der gleichzeitigen Übertragung von 2,42 Millionen Videos in HD-Qualität oder einem kilometerhohen Stapel von 2,4 Milliarden beschriebenen DIN-A4-Seiten. Dabei steht die Digitalisierung erst am Anfang, doch sie geht zumindest mit großen Schritten voran. Das lässt die Datenmengen wachsen – und die liegen in den Rechenzentren.

          Viel Nachholbedarf

          Allein in Deutschland gibt es davon rund 50.000 – große und kleine, wie es beim IT-Branchenverband Bitkom heißt. Sie stehen vor Städten wie Berlin, Hamburg und Frankfurt oder auf dem flachen Land wie der Börde bei Magdeburg. Von den sogenannten Mega-Datenzentren mit je Hunderttausenden Netzwerkrechnern gibt es rund 4000 in der Welt. Zwei Drittel davon stehen in Amerika. Sie werden von Internetgiganten wie Amazon, Microsoft und Google betrieben oder von speziellen Unternehmen wie American Tower oder Cyrus One. Die firmieren oft als REIT-Immobilienfonds, genießen als solche besondere Rechte und machen sich verstärkt auch in Europa breit.

          Hat der alte Kontinent in Sachen Digitalisierung doch einiges nachzuholen. Nachdem die Kapazitäten an Rechenzentren zwischen 2010 und 2020 rund 80 Prozent zulegten, werden sie bis 2025 um rund ein Drittel steigen, erklärt Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Bitkom. Das Datenhaus Statista veranschlagte das Geschäft mit der sogenannten deutschen Datencloud auf derzeit 12 Milliarden Euro je Jahr.

          Gartner beziffert das globale Geschäft auf 300 Milliarden Euro, Tendenz steigend. Das aber treibt den Energiebedarf in die Höhe. Verbrauchten Datenzentren in Deutschland vor zwölf Jahren noch 10,5 Milliarden Kilowattstunden, waren es 2021 schon 16 Milliarden. Das entsprach laut Bitkom einem Anteil von 0,6 Prozent am gesamten jährlichen Energieverbrauch des Landes. Das aber ist für die Branche ein Problem. Denn Deutschland hat die höchsten Energiepreise des Kontinents.

          Microsoft, Amazon und Google in Deutschland groß

          „Die im europäischen Vergleich sehr hohen Stromkosten sind ein entscheidender Standortnachteil für deutsche Rechenzentren“, sagte Rohleder. Hierzulande könne es doppelt so teuer werden, ein Rechenzentrum mit Energie zu versorgen, wie in den Niederlanden. Das ist nicht das einzige Hindernis. Auch Plan- und Genehmigungsverfahren sind hierzulande von einigen bürokratischen Hürden geprägt, die es im Ausland so gar nicht gibt. Die Bundesregierung habe hier noch einiges zu tun, sagt Rohleder. Will doch die größte Volkswirtschaft Europas im Rahmen der Digitalisierung der EU vorangehen. Etwa bei der Cloudinitiative Gaia X.

          Nach jahrelangem Vorlauf wollen die in diesem Projekt versammelten Unternehmen, staatlichen und halbstaatlichen Institutionen in diesem Jahr die ersten Produkte auf den Markt bringen. Ursprünglich sollte damit die Abhängigkeit von amerikanischen Anbietern verringert werden. Heute aber spricht man lieber von Kooperation als von Konfrontation. Denn an den Großanbietern aus Übersee gibt es kein Vorbeikommen.

          Microsoft, Google und Amazon sind in Deutschland gut aufgestellt. Sie kooperieren mit nationalen Champions wie Deutsche Telekom oder SAP. So sieht sich Europas größtes Softwarehaus in puncto Rechenzentren als Business-Cloud-Anbieter, nicht als Betreiber. Diese Aufgabe überlässt es den Spezialisten aus Amerika. Gleichwohl hält es eigene kleinere Rechenzentren vor. Aus Test-, Sicherheits- und Flexibilitätsgründen, wie es heißt. „Das Betreiben von Rechenzentren jenseits der Cloud-Services für unsere Kunden ist nicht Teil unseres Geschäftsmodells“, sagt ein SAP-Sprecher.

          Das hat vielmehr die deutsche T-Systems auf der Agenda. Sie betreibt als IT-Service-Provider der Telekom zwölf sogenannte Zwillings-Rechenzentren in aller Welt – von Biere bei Magdeburg über München und Frankfurt bis nach Amsterdam, Houston und Singapur. Dort betreibt sie nicht nur die IT-Systeme für die Großkunden der Telekom, sondern auch eigene Cloud-Ökosysteme.

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