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Nach der Atomkatastrophe : Wer finanziert den Abriss von Fukushima Daiichi?

Im Umbruch: Der japanische Konzern soll Staatshilfe erhalten, wenn er sein Management umbaut. Bild: Reuters

Der Eigentümer der Atomruine, der Stromversorger Tepco, sucht neue Finanzhilfe der Regierung. Ein öffentlicher Fonds könnte Abhilfe schaffen.

          Seit der Kernschmelze im Jahr 2011 im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi lebt Japan mit einer finanziellen Illusion. Offiziell soll der Kraftwerksbetreiber Tokyo Electric Power Co. Holding (Tepco) die Kosten des Abrisses der Reaktorruine finanzieren. In zweierlei Hinsicht ist das aber eine Utopie.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Zum einen wird es nie das Unternehmen sein, dass die Kosten tragen wird. Zahlen werden letztlich die Kunden von Tepco, die mit höheren Strompreisen die Fukushima-Rechnung schultern. Zum anderen aber darf mit Fug und Recht bezweifelt werden, dass die Kosten bei Tepco oder seinen Kunden hängen bleiben. Dafür spricht alleine das schiere Volumen. Auf mehr als 10 Billionen Yen (90 Milliarden Euro) schätzen manche die Kosten des Rückbaus, der 30 bis 40 Jahre dauern soll. Welcher Politiker möchte die Hand ins Feuer legen dafür, dass diese Kosten nicht letztlich den Steuerzahler angelastet werden?

          Dabei ist völlig unklar, wie hoch die Kosten des Abrisses letztlich werden. Auch fünf Jahre nach dem Kraftwerksunfall ahnt Tepco nur ungefähr, wie es nach der vermuteten Kernschmelze in den Reaktorblöcken 1 bis 3 aussieht. Ein wenig Hoffnung gab jetzt das Ergebnis einer Strahlenanalyse, wonach der Großteil des radioaktiven Brennstoffs im Reaktorblock 2 womöglich nach wie vor in dem Druckbehälter ist. Das könnte den Abbau erleichtern, wobei generell noch nicht klar ist, wie der Brennstoff aus den Reaktoren entfernt werden soll.

          Formal hat Japan die Finanzlage derzeit wie folgt arrangiert: Der Staat legt für Tepco das Geld für den Abriss und die Entschädigungszahlungen aus, ohne Zinsen zu verlangen. Tepco und andere Stromgesellschaften sollen auf lange Sicht dem Staat das Geld für Entschädigungen zurückerstatten. Die Kosten des Abrisses will der Staat zurückgewinnen, in dem er seine Mehrheitsanteile an Tepco verkauft.

          Wie wackelig dieses Modell ist, zeigten die vergangenen Wochen. Tepco hat angekündigt, die Regierung um mehr finanzielle Unterstützung zu bitten. Das Unternehmen hat zwar schon 1 Billion Yen für den Rückbau sichergestellt und will eine weitere Billion Yen aufnehmen. Doch schon jetzt laufen Tepco die Kosten davon. Der Abriss wird teurer als in den Büchern vermerkt. Für Entschädigungen hat Tepco schon 6 Billion Yen (53 Milliarden Euro) ausgegeben, mehr als die ursprünglich erwarteten 5,4 Billionen Yen.  

          Die Regierung erwägt nun, einen öffentlichen Fonds einzurichten, der die Kosten zeitweise übernimmt. Das könnte Tepco ein paar Schwierigkeiten in der Buchhaltung ersparen und eine eventuelle Überschuldung, wenn es die Rückbaukosten komplett auf einen Schlag buchen müsste. Die Regierung verlangt als Gegenleistung für die Fondslösung, dass Tepco sein Management drastisch reformiert. Das hatte man schon bei früheren Hilfen gehört – ebenso wie die Forderung, dass Tepco das vorgestreckte Geld auf Dauer auch zurückzahlt.

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