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Produktion im Ausland : Leiden an der Lieferkette

Das Alter, die Arbeitsumstände, die Entlohnung: Bei Arbeitskräften aus Bangladesch wird vieles nicht reguliert. Immer wieder stellt sich die Frage, wer für eine Überwachung der Situation zuständig ist. Bild: Christoph Hein

Der Ruf nach gerechten Löhnen wird lauter. Er klingt verlockend: Menschenrechtler bekommen damit Spenden, Politiker Stimmen. Wäre die Sache doch nur so einfach.

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          Vielleicht müsste Zohra schreien, heulen, vielleicht um sich schlagen. Doch sie sitzt nur da. Ganz still, ganz klein auf ihrem Plastikstuhl. Ihre Augen aber können die Tränen nicht halten. „Wir haben alle auf der vierten Etage gearbeitet. Dann gab es plötzlich einen Donner. Ich sah meine Kolleginnen aufspringen und weglaufen. Dann wurde es dunkel.“ Wohl eine gute Stunde war Zohra Akhtar Mili verschüttet, als die Nähfabrik Rana Plaza in der Vorstadt von Dhaka im April 2013 in sich zusammenfiel. Zohra ist zerbrochen an jenem Tag. Und nähte weiter. „Ich muss ja leben“, sagte sie lakonisch. Rana Plaza ist das Mahnmal, die Spitze des Eisbergs. Doch auch in Kohlegruben Chinas, den Nähereien Pakistans, den Spinnereien Indiens, in den Minen Afrikas oder den Färbereien Bangladeschs werden heute noch Menschen ausgebeutet, verschlissen, zermalmt im Räderwerk der Industrie.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          So wie Divya (Name von der Redaktion geändert). Morgens um acht hat die junge Inderin noch Kraft. Mittags bekommt sie eine Schale Reis, Wasser. „Abends ist mein Kopf auf den Werktisch gesunken. Dann kam der Aufseher und hat sich über mich gebeugt, mich an den Haaren hochgezogen“, sagt sie. Bis sechs Uhr am nächsten Morgen musste sie durcharbeiten. Zwei Stunden Schlaf. Um acht Uhr ging es weiter. „So war es immer, bekamen wir Aufträge aus Europa“, sagt sie. Eine einzige falsche Unterschrift hatte die junge Frau geleistet. „Der Vertrag hörte sich so gut an. Drei Jahre Lehrzeit, Unterkunft, Mahlzeiten. Und am Ende eine Prämie, für die Aussteuer unserer Hochzeit.“ In Wirklichkeit landete Divya im organisierten System der Ausbeutung der südindischen Garn-Industrie, über Jahre als „Sumangali“ gefürchtet. Politiker und Menschenrechtler streiten, ob es nun endlich beseitigt ist.

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