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Wenig Aufträge : Maschinenbau begräbt die Wachstumshoffnung

  • -Aktualisiert am

Zahnräder für Druckmaschinen Bild: dapd

Bis jetzt hatten die deutschen Maschinenbauer gehofft, in diesem Jahr abermals wachsen zu können. Nun setzt sich die Erkenntnis durch: Dafür kommen nicht genügend neue Aufträge in die Bücher.

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          Auf der Hannover Messe im April hatte Ralph Wiechers, der Chefvolkswirt des Maschinenbauverbands VDMA, seiner Zunft noch Mut gemacht. Die Auftragsbücher der Unternehmen füllten sich zwar nicht rasant, aber eine gewisse Dynamik sei spürbar. Der Verband bleibe daher bei seiner im vergangenen September gemachten Prognose, wonach der deutsche Maschinenbau in diesem Jahr seine Produktion um real 2 Prozent erhöhen kann.

          Doch der erhoffte Schwung lässt noch immer auf sich warten, insbesondere die deutschen Kunden zögern mit der Bestellung neuer Maschinen. Daher zog der Verband am Donnerstag die Konsequenzen: Die Produktion im Maschinenbau werde in diesem Jahr um real 1 Prozent sinken, teilte der VDMA mit. Das würde einem Wert von gut 190 Milliarden Euro bedeuten. „Wir rechnen nach wie vor im weiteren Jahresverlauf mit Wachstum für unsere Branche“, sagte der Verbandspräsident Thomas Lindner. „Aber der deutsche Markt bereitet uns Sorgen“, fügte er hinzu.

          Denn während selbst aus den Krisenländern im Euroraum wieder zunehmend Maschinen bestellt werden, bleiben die wichtigen heimischen Kunden zurückhaltend. Ihre Orders blieben in den ersten vier Monaten des Jahres um 6 Prozent hinter dem Vorjahreswert zurück. Die Bestellungen aus dem Ausland wuchsen dagegen um 2 Prozent. Zwar lebt der Maschinenbau derzeit auch noch von der Abarbeitung von Aufträgen, die schon 2012 eingingen. Aber das reichte nicht, um die Produktion in den ersten Monaten spürbar anzukurbeln. Unterm Strich ergab sich für den Zeitraum Januar bis April ein Produktionsminus von 3,4 Prozent zum Vorjahr. Dies in den kommenden Monaten aufzuholen und in ein Jahreswachstum umzuwandeln scheint angesichts vieler Investitionsprojekte, die derzeit verschoben oder wieder in die Schubladen gelegt werden, nicht mehr möglich. „Wichtige Rahmendaten haben sich weniger dynamisch entwickelt, als wir dies angenommen hatten“, räumte Lindner ein.

          Dazu zählt zum Beispiel, dass einige Abnehmerindustrien des Maschinenbaus stärker und länger von der Rezession im Euroraum betroffen sind als erwünscht. Dazu zählen etwa die Wind- und Kraftwerksindustrie. Aber auch die Autoindustrie expandiert zwar in Asien, europäische Werke werden aber eher geschlossen oder allenfalls modernisiert. Entsprechend zögerlich werden neue Maschinen für diese Region in Auftrag gegeben.

          Auch hatte niemand damit gerechnet, dass die Debatte um die Zukunft des Euroraums wieder so kräftig aufflammen würde. „Die Frage, wie die Währungsunion in einem Jahr aussieht, ist wieder zu einem wesentlichen Belastungsfaktor geworden. Deshalb werden Investitionen zurückgehalten“, sagte Stefan Schilbe, der Chefvolkswirt der Bank HSBC Trinkaus & Burkhardt, auf dem Fachkongress Zukunft Maschinen- und Anlagenbau in Stuttgart. Schilbe fügte aber auch hinzu: „Das wird wieder drehen.“

          Davon ist man auch im VDMA überzeugt. „Unser Bild, dass wir wieder auf den Wachstumspfad kommen, ist nach wie vor intakt. Es verschiebt sich nur alles nach hinten“, sagt Olaf Wortmann, Konjunkturfachmann des Verbands. Mut mache dabei zum Beispiel, dass zuletzt die Exporte nach China und Amerika wieder gestiegen sind. Auch müssten die deutschen Unternehmen mehr investieren, wenn sie ihre Wettbewerbsfähigkeit erhalten wollen, mahnt Lindner.

          Branche hofft auf Aufträge aus der Landwirtschaft

          Vor allem aber setzen die Maschinenbauer auf globale Wachstumstreiber. Dazu gehört das rasche Bevölkerungswachstum, das sowohl große Investitionen in die Landwirtschaft als auch in die Infrastruktur von Städten mit sich bringen wird. „Die Agrarproduktion muss bis zum Jahr 2050 verdoppelt werden, um das Bevölkerungswachstum auf 9 Milliarden Menschen aufzufangen“, erläutert Johannes Lehr, Strategieleiter des Landmaschinenkonzerns Agco, zu dem auch die Traktorenmarke Fendt gehört. Dafür müssen aber die Gerätschaften auf dem Acker ersetzt oder zusätzliche Fahrzeuge bestellt werden – „und dabei wird die Nachfrage nach westlichen Technologien steigen“, zeigt sich Lehr sicher.

          Die Energiewende und die Frage, wie Fabriken und Maschinen effizienter und stromsparender werden können, sollte den hiesigen Maschinenbauern ebenfalls noch lange Zeit den Rücken stärken. Auch wenn das Thema Energieeffizienz beim Maschinenkauf bislang häufig nur eine untergeordnete Rolle spielt, wie viele Branchenvertreter einräumen. Aber der Zug hat Fahrt aufgenommen. „Und es gibt unendlich viel Potential, den Energieverbrauch von Maschinen zu optimieren“, sagt Rainer Hundsdörfer, der Vorsitzende der Geschäftsführung des Ventilatoren- und Elektromotorenherstellers Ebm Papst. „Diese Erkenntnis setzt sich auch in Amerika oder in Indien immer mehr durch, während China darauf noch nicht so sehr achtet.“

          Für die ohnehin stark vom Export lebenden deutschen Maschinenbauer heißt das allerdings auch, dass sie sowohl ihre Fertigungswerke als auch ihre Entwicklungsabteilungen zunehmend nach Asien oder in andere Wachstumsregionen verlagern müssen. Nur wer den Kunden vor Ort kenne, kann schnell und angemessen auf Veränderungen reagieren, lautet die Devise. „Wir müssen von einem internationalen zu einem echten globalen Unternehmen werden“, formuliert es Hundsdörfer. Für Ebm Papst ist das trotz 11000 Mitarbeiter und zuletzt gut 1,4 Milliarden Euro Umsatz eine Herausforderung. Umso schwerer wird diese Aufgabe dem typisch mittelständischen Maschinenbauer mit 50 oder 100 Millionen Euro Jahresumsatz fallen. „Aber so lange er eine Nische findet und die richtigen Partnerschaften eingeht, kann auch der kleine Maschinenbauer global bestehen“, macht Hundsdörfer der Branche Mut.

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