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Weleda hat Probleme : Kosmetik und Salben aus dem Waldorf-Garten

Weleda-Felder in Schwäbisch Gmünd Bild: Lisowski, Philip

Weleda war ein Vorzeigekonzern der Anthroposophen. Dann kam die Krise – und ein Sanierer. Mit BWL-Buch, ohne Rudolf Steiners Lehren.

          3 Min.

          Wer Weleda besucht, meint, eine bessere Welt zu betreten. Alles bei dem Heilmittelhersteller wirkt offen, natürlich, gut. Die Hauptverwaltung oberhalb von Schwäbisch Gmünd ist umgeben von einem riesigen Park, in dem Heilkräuter blühen und duften. Cremes und Pasten hier sind durchweg bio und rosenblütenrein, die Cafeteria edel. Bei schönem Wetter sitzen die Mitarbeiter auf Natursteinmauern oder an Holztischen am Teich beisammen. Sie sprechen dann viel über Gefühle, über Werte, Vertrauen und Herzensangelegenheiten.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hier ist alles eitel Sonnenschein, möchte man meinen. Und doch trügt der Schein. Denn bei dem anthroposophischen Naturkosmetikhersteller geht es zu wie in jedem anderen Konzern: Auch hier geht es um Geld, Macht und Rivalitäten und manchmal auch um zwielichtige Geschäfte.

          Zudem fühlen Anthroposophen sich weniger als nüchterne Zahlenmenschen denn als philosophisch inspirierte Denker. Bisweilen kollidiert das mit den Erfordernissen der Wirtschaft. Das hat Weleda vor zwei, drei Jahren in die größte Krise seines bald hundertjährigen Bestehens geführt.

          Gefühl statt Wirtschaftlichkeit

          „Zu lange wurden die Entscheidungen hier auf der Gefühlsebene getroffen“, sagt der neue Geschäftsführer Ralph Heinisch. „Die Wirtschaftlichkeit hat man darüber vergessen.“ Missmanagement trieb das Unternehmen damals in die Verlustzone. „Wir hatten Probleme mit der Lieferkette“, hieß es vage. Von einem „IT-Problem“ war die Rede. Was harmlos klingt, richtete großen Schaden an in dem mittelständischen Betrieb mit heute 336 Millionen Euro Umsatz: Bestellte Heilmittel wurden nicht ausgeliefert, weil keine Rechnungen erstellt werden konnten. In der Folge musste die Ware - die nur begrenzt haltbar ist - im großen Stil vernichtet werden.

          In der Not entschied die Geschäftsführung: Wir liefern und reichen die Rechnungen später nach. Was dann aber nicht immer passierte. Während die Umsätze stetig weiter stiegen, stand unter dem Strich ein Verlust von erst 3, dann 8,6 Millionen Euro im Jahr 2011. Bei Weleda flogen die Fetzen.

          Das war die Stunde des Herrn Mackay. Paul Mackay ist Vorsitzender der Anthroposophischen Gesellschaft im Schweizer Arlesheim. Damit ist er so etwas wie der oberste Anthroposoph der Welt und Verwaltungsratschef bei Weleda.

          Neuer Geschäftsführer sollte Weleda sanieren

          Mackay zog die Reißleine, wechselte 2012 fast die komplette Geschäftsleitung aus. „Es mangelte an Vertrauen in die Geschäftsleitungskompetenz“, sagt er heute. Und damit nicht genug: Auch der Verwaltungsrat wurde neu besetzt. Dem Gremium hatte bis dahin auch dm-Chef Götz Werner, ein Aushängeschild der Anthroposophen in der Wirtschaft, angehört, den Mackay sehr schätzt. „Aber darauf konnte ich keine Rücksicht nehmen. Auch hier musste ein Befreiungsschlag her.“ Als Geschäftsführer kam ein Sanierer zu Weleda – Betriebswirt Ralph Heinisch. Er ist kein Anhänger Rudolf Steiners, dem Begründer der Anthroposophie, hatte aber zuvor ein anthroposophisches Krankenhaus saniert. Die Ideen Steiners waren ihm somit durchaus ein Begriff. „Ich sehe da eine Nähe zu den christlichen Werten. Damit fühle ich mich verbunden.“

          Das heißt nicht, dass der Manager firm ist in der Lehre der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Oder sich im Heilpflanzengarten auskennt. Hier haben die Profis das Sagen, die wissen viel zu erzählen über die Kräfte der Pflanzen. Über das Johanniskraut zum Beispiel erläutert ein Agraringenieur: „Die Pflanze bringt Licht dorthin, wo der Mensch im seelischen Dunkel lebt.“ Deshalb werden die Produkte häufig bei Depressionen angewendet.

          Der Weg durch den Garten führt vorbei an Brennnesseln, Spitzwegerich und Rosen, wo sich etliche Enten tummeln, damit sie die Schnecken fressen. Das entspricht der natürlichen Art der Schädlingsbekämpfung, die chemische Keule ist bei Weleda untersagt.

          Anthroposophischer Hintergrund oft nicht bekannt

          Die Enten zwischen den Kräutern, die blumige Sprache vom seelischen Dunkel, die kosmischen Rhythmen des Mondes, das alles gehört zu Steiner und damit zu Weleda. Steiner hat Weleda 1923 zusammen mit Ita Wegman gegründet, bis heute halten die Anthroposophische Gesellschaft und die Ita Wegman Klinik die Mehrheit der Anteile. Die wenigsten Kunden wissen um den anthroposophischen Hintergrund – wie bei vielen anderen Unternehmen der Steiner-Anhänger. Die zahlreichen Waldorf-Schulen und -Kindergärten (momentan ein Exportschlager in Amerika und China) zählen dazu. Dr. Hauschka und Wala, die GLS-Bank, die Software AG in Darmstadt und natürlich alle Demeter-Betriebe und deren Produkte. Für die Anhänger sind die Marken heute meist einfach bio, cool und hip. Etliche Popstars und Hollywood-Sternchen haben sich als Anhänger der Weleda-Kosmetik geoutet. Rihanna, Adele und Victoria Beckham schwören auf die Bodylotion „Skin Food“. Für diese Gratiswerbung blättern andere Unternehmen oft Millionen hin. Weleda zahlt gar nichts.

          Die Marke profitiert vom Vertrauen, das die Kunden in sie haben. Doch wurde dieses 2012 kurz erschüttert, als publik wurde, dass Weleda mit anderen Heilmittel-Herstellern einen dubiosen Blog finanzierte (mit insgesamt 43.000 Euro im Jahr), der, so schrieb eine Zeitung, „die Kritiker ihrer Produkte anschwärzt – bei jedem herkömmlichen Pharmakonzern wäre dies ein Skandal“. Weleda trennte sich umgehend von dem Blogger, bevor die Geschichte einen bleibenden Schatten hinterließ. Der Blog wurde eingestellt. Das tragische Ende: Der 41-Jährige nahm sich Anfang dieses Jahres das Leben.

          Der Fall zeigt: Schulmedizin oder Globuli, das ist heute noch eine Glaubensfrage. Bei Weleda begegnet man dieser sachlich. Das entspricht dem Naturell der neuen Geschäftsführung, die viel geändert hat, um Weleda auf Kurs zu bringen. Seither verdienen sie wieder Geld, der Gewinn hat sich 2013 verdreifacht auf 33 Millionen Euro. Die Schulden schrumpfen, der Umsatz wächst. Der Turnaround ist geschafft. Manche Anhänger fürchten allerdings um die Wurzeln der Firma, wenn Heinisch gar so begeistert über Schuldenabbau, Evaluationen und Stakeholder spricht. Da fehlt das Blumige.

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