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Weinhandel in China : Hongkong und das Bukett der weiten Welt

Nicht nur in Aschaffenburg, auch in Hongkong wird teurer Wein im Keller gelagert Bild: Wohlfahrt, Rainer

Hongkong ist zum wichtigsten Ort für Weinauktionen geworden. Das hat mit dem wachsenden Durst der Chinesen zu tun und damit, dass man die Zölle abgeschafft hat. Es gibt sogar eine eigene Winzerei.

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          Eigentlich sei es ganz einfach, Weine zu verkosten, sagt Debra Meiburg und hält ihr Glas vor die Armbanduhr. „Wenn Sie das Ziffernblatt lesen können, ist es ein leichter Roter. Der passt gut zu Nudelgerichten, Gemüse oder hellem Fleisch.“ Wenn nicht, eigne sich das Getränk eher zu Rindfleisch und dunklen Soßen. Wer ein bisschen bluffen wolle, lasse sich zu den hellen Weinen weibliche Attribute einfallen, „elegant“, „kokett“ oder „anmutig“, und zu den schweren Getränken männliche wie „kraftvoll“, „dominant“ oder „selbstbewusst“. In ihren Seminaren gibt Meiburg gern solche Tipps, als Jux oder Orientierung für Laien. Sie selbst ist eine Koryphäe im Weingeschäft. Ursprünglich Wirtschaftsprüferin für Price Waterhouse Coopers, ließ sie sich in Weinkunde ausbilden und erhielt als erste Bewerberin aus Asien den Titel „Master of Wine“.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          „Unser Erdteil wird für Weine immer wichtiger“, sagt sie, „Hongkong spielt dabei eine entscheidende Rolle als Handelsplatz und Ort mit viel Expertise.“ Für Versteigerungen ist die Stadt heute schon der wichtigste Standort der Welt. 2011 wickelten die vier größten Auktionshäuser hier nach eigenen Angaben Weinverkäufe über 198 Millionen Dollar ab. Das war mehr als in den nächstplazierten Städten New York und London zusammen. Sotheby’s oder Christie’s werden in Hongkong mehr als die Hälfte ihrer Weine los, darunter Rekordhalter wie den 1985er Vosne-Romanée „Cros Parantoux“. Dieser Burgunder erzielte im Februar 172.000 Hongkong-Dollar je Flasche, 18.300 Euro.

          Fachkenntnis für Beurteilung, Lagerung und Transport

          Auch für normale Genießer hat sich die ehemalige britische Kronkolonie zu einem Hauptumschlagplatz entwickelt. Nach Angaben der Wirtschaftsfördergesellschaft HKTDC stieg das Handelsvolumen 2011 um mehr als 40 Prozent auf rund 11,7 Milliarden Hongkong-Dollar (1,2 Milliarden Euro). Dabei besteht die Ausfuhr fast ausschließlich aus Re-Exporten. Die meisten Flaschen kommen aus Europa, allein 60 Prozent aus Frankreich, und werden nach Asien weiterverschifft, zu 90 Prozent nach Festland-China und ins benachbarte Macao.

          Zwar hat sich die Kaufleidenschaft etwas abgekühlt, da Chinas Wirtschaft schwächer wächst als sonst. „Aber Hongkong ist und bleibt das wichtigste Weinzentrum in Asien“, sagt Ma Huiqin, Professorin für Weinkunde an der Pekinger Landwirtschaftsuniversität. Nach einer Erhebung der Internationalen Forschungsgesellschaft für Weine und Spirituosen IWSR bilden China und Hongkong den fünftgrößten Weinmarkt der Welt - und den am schnellsten wachsenden. Ma erklärt die große Nachfrage mit dem steigenden Wohlstand in China und mit der Hongkonger Fachkenntnis für die Beurteilung, Lagerung und den Transport des begehrten Getränks.

          „Entscheidend dürfte auch sein, dass in Hongkong auf Wein keine Zölle mehr erhoben werden“, sagt die Wissenschaftlerin. Vor wenigen Jahren noch mussten, ähnlich wie auf dem Festland, auf die Einfuhr 80 Prozent entrichtet werden. Dann halbierte die Regierung die Tarife und schaffte sie 2008 ganz ab. Im ersten Jahr danach schoss die Einfuhr nach Hongkong um 41 Prozent in die Höhe, 2010 noch einmal um 73 Prozent.

          Eine Sonderrolle unter den Importeuren spielt das Unternehmen 8th Estate Winery. Es bezeichnet sich als einzige Winzerei in Hongkong. Weil in der Region keine Reben wachsen, importieren die Gründer gefrorene Trauben und keltern sie zu Rot- und Weißweinen. Der Betrieb liegt auf der kleinen Insel Ap Lei Chau südlich von Hongkong-Island in einem hässlichen Hafengebiet. Hier riecht es nach Öl, Fisch und muffigem Meerwasser, auch das graue Industriegebäude mit der Winzerei im dritten Stock hat nichts gemein mit einem pittoresken Weingut in Deutschland, Australien oder Amerika. Doch sobald der Besucher den Fahrstuhl verlässt, schlägt ihm der einladende Geruch des vergorenen Mosts entgegen. Die Keltereiausstattung ist hochmodern, der Raum für die Weinproben liebevoll mit Eichenfässern dekoriert.

          China wird zweitgrößter Weinimporteur der Welt

          Rund 100.000 Flaschen füllt 8th Estate hier jedes Jahr ab, sie kosten zwischen 195 und 245 Hongkong-Dollar, höchstens also 26 Euro. Auf den Etiketten steht „Product of Hongkong“, die Trauben stammen aber aus der ganzen großen Weinwelt. Es gibt einen 2008er Sangiovese aus der Toskana, einen 2011er Merlot aus Bordeaux oder einen 2010er Shiraz aus Australien. Das Konzept des 2007 eröffneten Betriebs sei recht simpel, sagt die Gründerin Lysanne Tusar, die aus Vancouver stammt. „Wein reist nicht gerne, deshalb stellen wir ihn in Hongkong für Hongkong her.“ Damit die Getränke auf den langen Wegen von und nach Hongkong trotzdem nicht leiden, haben sich hier spezialisierte Weinlogistiker angesiedelt.

          Dazu gehört das Unternehmen Giorgio Gori, an dem die Deutsche Post DHL 60 Prozent der Anteile hält. „Wir sind der Marktführer im Frachtgeschäft mit Weinen und Spirituosen“, sagt das Vorstandsmitglied Riccardo Pazzaglia. In kaum einer anderen Weltgegend wachse die Nachfrage so schnell wie in Hongkong und in China. „Deshalb ist Giorgio Gori hier natürlich ganz vorne mit dabei.“ Der Weinmarkt in der Volksrepublik sei 2011 um fast zwei Drittel auf 241 Millionen Liter gestiegen, die Einfuhr habe sich in den vergangenen fünf Jahren annähernd versechsfacht.

          Nach Schätzungen der Weinmesse Vinexpo dürfte sich der Weinverbrauch in China zwischen 2011 und 2015 verdoppeln und das Land zum zweitgrößten Importeur der Welt machen. „Ein großer Teil davon wird über Hongkong abgewickelt“, erwartet Pazzaglia. „Darauf müssen wir vorbereitet sein.“ Zusammen mit der Muttergesellschaft unterhält Gori deshalb in Hongkong eine moderne Lager- und Umschlaghalle, das „DHL Wine Hub“. Es nimmt bis zu 230.000 Flaschen auf, 50.000 davon können jeden Monat umgeschlagen werden. Für die ganz edlen Gewächse - die sich nirgendwo so gut verkaufen wie in China - gibt es sogar einen besonders temperierten und befeuchteten Weinkeller.

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