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Wein-Discounter : „Den Deutschen fehlt es an Trinkkultur“

  • Aktualisiert am

Kämpft für den guten Geschmack: Alexander Margaritoff Bild:

Zwei Euro geben die Deutschen durchschnittlich für eine Flasche Wein aus. In diesem Aldi-Land bleibt den Händlern da nichts anderes übrig, als die Kunden mit günstigen Preisen zu locken, meint Europas größter Weinhändler Alexander Margaritoff.

          Kämpfer für hochwertigen Wein - so sieht Alexander Margaritoff sich und sein Unternehmen, das Hanseatische Wein- und Sekt-Kontor Hawesko. Zehn Wein-Discount-Geschäfte möchte der Unternehmer bis 2007 eröffnen - und so seinen Beitrag zur Trinkkultur der Deutschen leisten. Im Interview sprach er über Wein aus China, das Comeback des Riesling und seine neuen Discounter.

          Herr Margaritoff, Sie preisen jetzt Wein für acht Euro aus China an. Ist das Ihr Ernst?

          Ja. In China kennt man Wein seit 9000 Jahren.

          Viele Deutsche schauen beim Weinkauf zuerst auf den Preis - da sind Kopfschmerzen vorprogrammiert

          Aber man hat in diesen 9000 Jahren wenig davon gehört.

          Das mag sein. Aber es gibt einen schlichten Grund für Chinas Aufstieg als Weinbaunation: Die Anbaugebiete liegen auf denselben Breitengraden wie Bordeaux, die Toskana und das Napa Valley. Das Klima und der Boden sind gut geeignet für Weinbau.

          Warum sollen deutsche Kunden Wein aus China kaufen, wenn es guten vor der Haustür gibt?

          Zur Abwechslung. Unsere Aufgabe als Versender und Weinhändler ist es, für unsere Kunden neue Weine in der Welt zu finden. Vor 15 Jahren haben wir Chile entdeckt, das vorher keiner als Weinbauland kannte.

          Was kommt als nächstes: Kasachstan, Indien, Thailand?

          Bulgarien hat beispielsweise eine große Weinbauzukunft. Das Klima und der Boden sind ideal.

          Wir kennen bulgarische Weine aus Zwei-Liter-Flaschen mit Schraubverschluß.

          Das stimmt. Aber das ändert sich. Wenn westeuropäische Winzer mit Geld und Wissen dort hingehen, wächst eine große Weinbaunation heran. Genau das passiert.

          Wein ist ein globales Geschäft?

          Ja, eindeutig. Früher haben die Leute Wein aus der Nachbarschaft getrunken. Heute trinken die Deutschen mehr ausländischen als heimischen Wein. Die ganze Wertschöpfungskette globalisiert sich. Französische Winzer kaufen sich in Chile ein, italienische Winzer gehen nach Südafrika. Es gibt Kooperationen mit Australien. Es gibt Flying Winemakers, die in der einen Jahreshälfte in der nördlichen Hemisphäre Wein erzeugen, und im zweiten Halbjahr in der südlichen.

          Das sind die Leute, die den Weingeschmack global verflachen.

          Ich würde sagen, das Wissen und die Anbaupraktiken verbreiten sich durch die Weinmacher schneller. Und durch den Wissenstransfer erhöht sich die Qualität des Weins weltweit. Es wird bei Blindverkostungen immer schwerer, einen Bordeaux von einem Napa-Valley-Rotwein zu unterscheiden. Der Geschmack verflacht nicht unbedingt. Aber Trends werden schneller aufgegriffen.

          Und überall wird plötzlich Chardonnay angebaut?

          Ja, genau. Die Homogenisierung des Geschmacks liegt auch an Weinkonzernen wie Constellation, Forsters oder Gallo, die Wein unter einer internationalen Marke zu verkaufen trachten und dafür große Mengen mit einheitlichem Geschmack brauchen. Andererseits werden inzwischen überall auf der Welt hochwertige Weine getrunken. Und überall auf der Welt machen sich junge ehrgeizige Winzer auf, die einfach den perfekten Wein produzieren wollen. Diese Entwicklung wird auch Deutschland erfassen, so hoffe ich.

          Warum macht sich Wein aus Deutschland so rar in Ihrem Sortiment?

          Er macht sich viel weniger rar als noch vor einigen Jahren. Früher gab es einfach nicht genug gute deutsche Weine. Das hat sich geändert. Außerdem ist deutscher Wein gefragt.

          Warum?

          Weil er gut geworden ist.

          Aber in der Welt wimmelt es doch von guten Weinen.

          Ja, aber ein guter deutscher Riesling ist eben etwas Besonderes. Es hat sich in den letzten 20 Jahren viel getan auf der Seite der Winzer und beim Trink- und Kaufverhalten. Aber es muß noch viel mehr geschehen. Den Deutschen fehlt es noch etwas an Trinkkultur.

          Was geben die Deutschen denn im Schnitt für eine Flasche Wein aus?

          Zwei Euro.

          Gibt es überhaupt guten Wein für zwei Euro?

          Ja, aber es gibt viel besseren für zehn Euro. Teurer als fünf Euro sind in Deutschland nur fünf Prozent des verkauften Weins.

          Und Sie arbeiten daran, daß das jetzt zehn Prozent werden?

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