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Weihnachtsgeschäft : Der Sturm vor der Ruhe

Schlange stehen vor einem Luxusladen in Frankfurt. Bild: David Rech

Bevor am Mittwoch die Geschäfte schließen müssen, bilden sich vor einigen Läden lange Schlangen. Doch was durch die Schließungen wegbricht, kann kaum ein Händler wettmachen.

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          Eine Viertelstunde, bevor die Geschäfte auf einer der meist besuchten Einkaufsstraßen Deutschlands ihre Türen öffnen, stehen die Menschen vor ihnen Schlange. Kleine, den Sicherheitsabstand wahrende Grüppchen bilden sich auf der Zeil in Frankfurt. Ob in gelb oder rot, in fast jedem Schaufenster wirbt ein großes Plakat mit Aufschriften wie „50 % reduziert“.  

          Stefanie Diemand
          Redakteurin in der Wirtschaft.
          Jonas Jansen
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Vor dem Einkaufszentrum MyZeil bauen Sicherheitskräfte Absperrungen in grellen Farben auf. „Wir haben jetzt schon eine sehr hohe Frequenz“, sagt ein Mitarbeiter. In dem Einkaufszentrum erwarten sie hier den Sturm vor der großen Ruhe. Verkäufer haben an diesem Montagvormittag wenig Zeit für Gespräche – so kurz vor Weihnachten ist das aber auch nicht ungewöhnlich. Trotzdem: Gerade in den ersten Stunden nach Ladenöffnung sei deutlich mehr los als sonst, heißt es in einigen Geschäften. 

          Auch durch die Schildergasse, Kölns beliebteste Einkaufsstraße, drängen sich mehr Menschen als sonst. An der Buchhandlung Mayersche hat sich eine lange Schlange gebildet, auch nebenan beim Bekleidungsgeschäft Appelrath&Cüpper stehen einige Kundinnen draußen, weil ein Mitarbeiter am Eingang gerade die elektronischen Diebstahletiketten in einer großen Schale desinfiziert. Mit den Geräten stellt das Personal sicher, dass sich nicht mehr als 215 Kunden im Geschäft aufhalten – jeder bekommt eins in die Hand. Alle paar Minuten piept es, weil wieder jemand vergessen hat, es beim Rausgehen zurück in die Schale zu legen.

          Im Netz ist die Konkurrenz noch größer

          Das Kölner Bekleidungsunternehmen befindet sich noch mitten in einer Insolvenz in Eigenverwaltung, die Geschäftsleitung war im Oktober guter Dinge, alle 16 Filialen zu retten. Am Montag ist das Haupthaus am Kölner Heumarkt voll, von Mittwoch an muss es der Online-Shop richten – im Netz ist die Konkurrenz jedoch ungleich größer als in der Innenstadt.

          Einkäufer warten auf die Ladenöffnung einer Karstadtfiliale.
          Einkäufer warten auf die Ladenöffnung einer Karstadtfiliale. : Bild: David Rech

          „Es wird ein hartes Stück“, sagt Klaus Kobberger, der die Parfümerie Kobberger leitet, mit Blick auf die kommenden Wochen. Das Familienunternehmen ist seit mehr als einem Jahrhundert in Frankfurt. Es hat selbst den Krieg überstanden. Auch hier ist am Morgen mehr los als sonst. Kobberger fragt sich deshalb, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, Schließungen erst für das Ende der Woche anzuordnen. „Dann hätte es sich besser verteilt“, sagt der Geschäftsführer. Die höheren Kundenfrequenzen können den Umsatz, der durch die kommenden Schließungen wegbricht, sowieso nicht wettmachen, erklärt er. 

          Längere Öffnungszeitung zur Entzerrung?

          In den sozialen Medien nährte sich schon am Wochenende die Sorge vor einem Ansturm auf die Geschäfte. Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) warnten vor Menschenansammlungen.

          Sicherheitsmitarbeiter stellen Absperrungen vor dem Einkaufszentrum MyZeil auf.
          Sicherheitsmitarbeiter stellen Absperrungen vor dem Einkaufszentrum MyZeil auf. : Bild: David Rech

          Um die Nachfrage zu entzerren, empfehlen Branchenverbände und Politiker eine Verlängerung der Öffnungszeiten. Der FDP-Fraktionsvize Michael Theurer sagte der „Bild“ etwa: „Sinnvoll wäre, die Öffnungszeiten bis in die Nacht auszuweiten, um diesen Ansturm zu entzerren.“ Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete und Hamburger Landesparteichef Christoph Ploß befürwortete, die Öffnungszeiten auszudehnen. Berlins CDU-Fraktionschef Burkard Dregger riet den  Händlern in der Hauptstadt, von 0 bis 24 zu öffnen, dies sei auch nach dem Berliner Ladenschlussgesetz (Paragraph 3 Absatz 1) rechtlich möglich.

          12 Milliarden Euro Umsatzverlust

          Der Handelsverband HDE rechnet damit, dass die Händler durch den Lockdown im Dezember ein Minus von 60 Prozent erleiden, was im Vergleich zum Vorjahr einem Umsatzrückgang von 12 Milliarden Euro entspräche. „Der Einzelhandel hat in den letzten Monaten mit seinen Hygienekonzepten einen großen Beitrag zur Bekämpfung der Corona-Pandemie geleistet. Wenn jetzt Geschäftsschließungen als notwendig angesehen werden, darf die Bundesregierung die Branche nicht im Regen stehen lassen“, sagt der HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

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