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Wegen des Hochwassers : Die Bahn spart sich Sparpreise

Aufräumen und ausbessern: Wann die Schnellstrecke von Hannover nach Berlin wieder befahren werden kann, ist noch offen Bild: dpa

Weil Hochwasserschäden den Konzern Hunderte Millionen Euro kosten, müssen die Kunden tiefer in die Tasche greifen. Auch Personalengpässe belasten das Ergebnis.

          Die andauernden Einschränkungen im Zugverkehr nach dem Hochwasser werden den Gewinn der Deutschen Bahn AG in diesem Jahr voraussichtlich um einen dreistelligen Millionenbetrag schmälern. Die Zugausfälle in Mainz belasten das Ergebnis noch zusätzlich. Die Kunden leiden derweil gleich mehrfach unter den Flutfolgen: Die Umleitungen verlängern zum einen die Fahrzeiten. Und weil die Umleitungen Personal und Züge länger binden und dadurch Zugkapazitäten fehlen, kürzt die Bahn in den nächsten Monaten nun auch noch ihre Sparpreis-Angebote. Die schwersten Einbußen durch die Flut muss die zuletzt so erfolgreiche Fernverkehrssparte verkraften. „Wir werden in diesem Jahr hinter unserer Planung zurückbleiben“, sagte Berthold Huber, der Vorstandsvorsitzende von DB Fernverkehr, dieser Zeitung in Berlin.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Noch hat die Bahn keinen endgültigen Überblick über die Flutschäden. Die Untersuchungen an der Schnellstrecke von und nach Berlin nach dem Bruch eines Elbdeichs in Sachsen-Anhalt sind noch nicht beendet. Erst im September will die Bahn bekanntgeben, wann die Trasse wieder freigegeben wird - voraussichtlich nicht vor Dezember. Für die Schäden am Fahrweg, die Infrastrukturvorstand Volker Kefer Ende Juli auf rund eine halbe Milliarde Euro schätzte, kommt der Bund mit Mitteln aus dem neuen Hilfsfonds auf.

          Flutfolgen sollen sich bis ins nächste Jahr ziehen

          Die Einbußen wegen der Zugausfälle und -umwege muss die Bahn jedoch allein verdauen. Offenbar summieren sich die Mindereinnahmen hier auf 10 bis 15 Millionen Euro im Monat. Auf der Basis des seit Ende Juli geltenden Interims-fahrplans gerechnet, kommt bis Jahresende hier ein Umsatzminus von 80 bis 100 Millionen Euro zusammen. Weil die Fixkosten bleiben, schlägt dieser Umsatzrückgang nach Bahnangaben voll auf das Ergebnis durch. Hinzu kommt „Mainz“: Wie sich die Zugausfälle wegen der Personalengpässe im Stellwerk finanziell auswirken, ist noch nicht fertig kalkuliert. Die Bahn hat Fahrgästen mit Zeitkarten eine Entschädigung versprochen. Hier will sie sich kulant verhalten über die üblichen Fahrgastrechte hinaus, die eine Teilerstattung nach mehr als einer Stunde Verzug vorsehen.

          Im vergangenen Jahr hatte die Tochtergesellschaft DB Fernverkehr unter der Führung Hubers ein Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) von 364 Millionen Euro. Dieses Ergebnis wird die Bahn 2013 nicht schaffen. Es wird sogar damit gerechnet, dass sich die Hochwasserfolgen bis in das nächste Jahr ziehen. Trotzdem will er auch 2013 und 2014 ein „sehr ordentliches Ergebnis abliefern“. Viele Kunden steigen derzeit wegen der längeren Fahrzeiten wieder auf Auto oder Flugzeug um. Auch bei Zeitkarten- und Bahncard-Käufen verzeichnet die Bahn Zurückhaltung. Trotzdem ist Huber zuversichtlich, dass der Fernverkehr schon bald wieder die ehrgeizigen Planzahlen erreicht. „Wir werden diese Falte hoffentlich schnell ausbügeln“, sagte er.

          Die Kunden müssen mehr zahlen

          Das Hochwasser bringt jedoch den Betrieb erheblich durcheinander. „Wenn der Zug von Berlin nach Köln wegen der Hochwasserumleitungen zurzeit statt 4 Stunden und 30 Minuten eben 5 Stunden und 30 Minuten braucht, heißt das eben auch, dass das Personal auf diesen Zügen länger gebunden ist“, rechnet Huber vor. „Unser Personalbedarf wächst also auf dieser Verbindung um 22 Prozent.“ Für die Lokführer und Zugbegleiter heißt das, dass sie Überstunden anhäufen. Denn die Personalreserven der Bahn sind gering, wie die Probleme in Mainz offenbart haben. Die Bahn wehrt sich allerdings gegen die Vermutung, die personelle Situation sei bei den Zugbegleitern ähnlich prekär wie bei den Fahrdienstleitern auf den Stellwerken.

          Die Hochwasser-Umleitungen - vor allem auf dem erst 2011 sanierten Ost-West-Korridor nach Berlin- beeinträchtigen nach Bahnangaben etwa ein Viertel aller Fernverkehrsstrecken im Land. Durch die Fahrzeitverlängerungen werden Personal und Züge gebunden. Die Zahl der Ersatzzüge der Bahn, die bisher vergeblich auf die seit langem zugesagten ICE-Züge von Siemens wartet, schrumpft dadurch weiter. „Wir haben viel Kapazität verloren“, heißt das auf Bahndeutsch. Dies wirke sich nicht nur in den vom Hochwasser unmittelbar geschädigten Regionen aus, sondern bis in das Rheinland, erläuterte Huber.

          Die Kunden müssen deshalb oft mehr zahlen, denn die Bahn hat die Ticket-Kontingente zu Sparpreisen bis zum Jahresende spürbar verringert - beispielsweise für Verbindungen vom Rheinland aus. Die Sparrabatte, die den Reisenden an einen bestimmten Zug binden, erfreuen sich großer Beliebtheit. Die Bahn verkauft rund 40 Prozent ihrer Tickets zu Sparpreisen.

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