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Interview mit TUI-Chef Joussen : „Corona wirkt wie ein Brandbeschleuniger“

Nicht viel los: Der menschenleere Terminal 2 am Frankfurter Flughafen in der Hochphase der Corona-Pandemie. Bild: dpa

Die Coronavirus-Pandemie legt Schwächen von Unternehmen gnadenlos offen, sagt der TUI-Vorstandsvorsitzende Fritz Joussen. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Sparpläne, Stellenabbau – und die angeblich ungebrochene Lust aufs Reisen.

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          Herr Joussen,TUI hat erste Urlauber nach Mallorca gebracht. Von Normalität kann aber keine Rede sein. Wie lange dauert es, bis sich der Tourismus von Corona erholt?

          Timo Kotowski
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Christian Müßgens
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Urlaub findet seit Juni wieder statt, das ist ein Schritt raus aus der Krise. Wir haben mit dem Stillstand von Mitte März an eine Zeit erlebt, in der wir null Umsatz hatten. Das war brutal. Außerdem sind Kundengelder für Erstattungen gebuchter Reisen abgeflossen. Jetzt kommt wieder Geld in die Kasse – durch neue Buchungen und weil Kunden angezahlte Sommerreisen machen können und nun komplett bezahlen. Das sollte es uns ermöglichen, im Sommer zumindest einen Teil der Betriebskosten wieder hereinzuholen. Während wir uns dieses Jahr auf die Liquidität fokussieren, werden wir nächstes Jahr wieder vermehrt an der Profitabilität arbeiten. Ich bin mir sicher, dass 2022 das Geschäft dann voll zurückkommt. Die Menschen wollen verreisen.

          Wie ist im Moment die Buchungslage?

          Der Jahresauftakt war sehr stark. Wir hatten den buchungsstärksten Januar in der Konzerngeschichte. Natürlich hatten wir auch davon profitiert, dass Thomas Cook im Herbst 2019 ausgeschieden war und kein großer internationaler Konkurrent mehr neben uns stand. Vor dem Lockdown hatten wir das Sommerprogramm schon zu 35 Prozent verkauft. Dann ging von einem Tag auf den anderen nichts mehr, als wenn man beim Fahrradfahren einen Stock in die Speichen steckt. Aktuell ist unser Angebot zu rund 25 Prozent gebucht.

          Liegt der Rückgang daran, dass viele Kunden storniert haben?

          Wir konnten wegen der weltweiten Reisewarnungen im April und Mai bis in den Juni hinein keine Reisen anbieten. Darüber hinaus haben Kunden ihre Buchungen für spätere Termine storniert oder mit den Entscheidungen gewartet. Das ist nun nicht mehr so, im Gegenteil: Wann immer ein Land angeflogen werden darf und Hotels öffnen, kommen die Buchungen rein. Seit sie wissen, dass Reisen nach Griechenland, Spanien und zu anderen Urlaubszielen möglich sind, steigt die Nachfrage deutlich.

          Haben die Menschen wirklich Lust auf Reisen?

          Der Wunsch, zu reisen und in den Urlaub zu fahren, ist bei den Menschen ungebrochen. Die entscheidende Frage ist, ob sich Sicherheit mit schönem Urlaub verbinden lässt. Ich bin überzeugt, dass das geht. Viele Kunden sehen es genauso. Reisen sind derzeit anders als gewohnt, auch weil die Urlaubsziele leerer sind. Das hat Vorteile. Nehmen Sie Mallorca, da sind im Moment so wenige Besucher wie vor dreißig Jahren. Zugespitzt gesagt: Im Fokus steht die wunderschöne Natur und eben nicht die vielzitierte Party am Ballermann.

          In der Krise hat TUI ein Sparprogramm beschlossen, dem 8000 Stellen zum Opfer fallen sollen. Wie weit sind die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern?

          Die Schulden unseres Unternehmens werden durch die Krise erheblich steigen. Daher müssen wir unsere Kosten dauerhaft senken. Durch die ohnehin geplante Digitalisierung geht dies auch ohne Qualitätsverlust. Die Prozesse werden global einheitlich schlanker und besser. Die Hälfte des Abbaus erfolgt in den Zielgebieten. Dabei wird die Betreuung unserer Kunden wesentlich digitaler. So können zum Beispiel Ausflüge und Transfers sehr bequem über unsere App gebucht werden. Einige Fernziele werden wir in den nächsten zwei Jahren wohl auch nicht mehr anfliegen.

          Wo gibt es noch Einschnitte?

          In Frankreich zum Beispiel konzentrieren wir uns auf die profitablen Clubmarken und planen, uns von eigenen Reisebüros zu trennen. Die dortigen Geschäfte sind seit Jahren defizitär und werden jetzt in einem geordneten Prozess saniert. Generell gilt: Die Corona-Krise wirkt wie ein Brandbeschleuniger und legt Schwachstellen gnadenlos offen. Das bedeutet: Unternehmen werden sich schneller verändern als in normalen Zeiten.

          Fritz Joussen
          Fritz Joussen : Bild: dpa

          Die Flotte der Fluggesellschaft TUI fly soll um die Hälfte schrumpfen, bis zu 900 Stellen sind in Gefahr. Sehen Sie noch Spielraum für einen Kompromiss mit den Gewerkschaften?

          Das Management von TUI fly hat einen Plan vorgelegt. Wir stehen nicht am Ende der Verhandlungen, sondern am Anfang. Grundsätzlich halte ich die angepeilte Größe von 17 Maschinen für sinnvoll, die bekommen wir auch im Winter mit eigenen Gästen gut gefüllt. Bei TUI fly haben wir heute selbst in der Hochsaison im Sommer zu viele Sitze im Angebot. Das war schon vor Corona ein Problem. In Deutschland gibt es massive Überkapazitäten, Air Berlin ist eigentlich noch da, die Flugzeuge fliegen bloß für mehrere andere Gesellschaften und haben alle zusammen vor der Krise im Deutschland-Geschäft 600 Millionen Euro Verlust gemacht. Man kann sich nicht über 19-Euro-Flüge nach Mallorca beschweren und gleichzeitig fordern, dass Fluggesellschaften nicht kleiner werden dürfen.

          TUI wollte schon mal die Flugkapazitäten verringern, danach ging es um Wachstum. Nun soll drastisch geschrumpft werden. Wo ist die klare Linie?

          Wir haben lange etwa 25 Flugzeuge auf Urlauberstrecken betrieben, das war passend. Mit 14 weiteren sind wir zu der Zeit für Air Berlin geflogen. Die haben wir nach deren Insolvenz zurückbekommen. Eine Alternative mit einer gemeinsamen Plattform mit Etihad kam nicht zustande. Bis vor kurzem konnten wir noch sieben Flugzeuge mit unseren Crews bei Eurowings einsetzen. Der Leasingvertrag war aber nie kostendeckend. Lufthansa, Condor, Eurowings, Easyjet – alle bauen ab und müssen reduzieren. Nun stehen wir vor einer Phase, in der wir selbst einen geringeren Bedarf haben.

          Deshalb jetzt ein harter Schnitt?

          Weil ein Kapazitätsabbau in der Luftfahrt mit hohen Kosten verbunden ist, haben Airlines zu lange zu viele Flugzeuge fliegen lassen, die die Betriebskosten, nicht aber die Abschreibungen verdient haben. Auch jetzt sind Anpassungen teuer. Den Schritt nicht zu gehen wäre noch teurer.

          TUI ist mit einem Staatskredit von 1,8 Milliarden Euro gestützt worden. Im Mai haben Sie mit dem Bund über weitere 1,2 Milliarden Euro gesprochen. Brauchen Sie das Geld?

          Unsere ursprüngliche Kalkulation, die den 1,8 Milliarden Euro zugrunde lag, wurde zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Corona-Krise erstellt und ging von einem deutlich kürzeren Lockdown aus. Wir haben unsere Kosten um 70 Prozent massiv gesenkt, und die Reisewarnungen für viele Länder sind gefallen. Aber kein Mensch weiß, wie es mit dem Virus weitergeht, wann es Medizin und Impfstoffe gibt. In Großbritannien konnten wir noch nicht starten, die Türkei ist als Reiseziel weiter zu, Kreuzfahrtschiffe stehen noch in den Häfen. Wir arbeiten natürlich mit mehreren Szenarien und tun gut daran, in diesen Szenarien auch über weitere Finanzquellen nachzudenken.

          Brauchen die Reisebranche und auch TUI einen Hilfsfonds der Bundesregierung, der Rückzahlungen stornierter Reisen vorfinanziert?

          Der wäre wichtig gewesen, als Außenminister Heiko Maas noch gesagt hat: Sommerurlaub findet nicht statt. Je länger wir unsere Produkte und Services nicht verkaufen konnten, desto mehr wuchs der finanzielle Druck durch Erstattungen. Jetzt wo das Geschäft langsam wieder Fahrt aufnimmt, nimmt der Druck an dieser Stelle ab. Durch die Öffnung in Europa fließen wieder Mittel zu.

          Kreuzfahrten waren vor der Krise ein Wachstumstreiber. Wird das Geschäft jemals zu alter Stärke zurückkommen?

          Die Menschen werden auch künftig Kreuzfahrten buchen, das zeigt die Nachfrage für 2021. Als Erstes müssen wir nun einen Weg finden, um Verluste einzugrenzen und zumindest die Betriebskosten einzufahren. Das gelingt schon bei relativ geringer Auslastung, ein Ziel, das wir mit unserem Plan für Minikreuzfahrten in der Nord- und Ostsee erreichen wollen. Ohne Zwischenstopps, mit viel erholsamer Zeit auf See.

          Viele Reedereien wollen neue Schiffe von den Werften später abnehmen oder ganz stornieren. Gilt das auch für die drei Neubauten von TUI Cruises?

          Nein. Wir können uns gut vorstellen, Schiffe früher abzunehmen. Aus einem einfachen Grund: Neubauten sind im Betrieb viel effizienter. Wenn wir ältere Schiffe ersetzen, sparen wir Kosten und haben auch eine bessere Klimabilanz. Allerdings müssen uns die Werften finanziell entgegenkommen. Sie profitieren ebenfalls, wenn sie Lücken in ihren Betrieben füllen können, die durch Verschiebungen von Projekten anderer Reedereien entstehen.

          Das TUI-Hotelportfolio ist stark auf sonnige Badeziele ausgerichtet, in Deutschland haben Sie kaum eigene Häuser. Stehen die TUI-Markenhotels an den richtigen Stellen für die Nach-Corona-Zeit?

          Die Urlauberströme verschieben sich nicht grundlegend. Sobald Länder öffnen, werden sie auch wieder bereist. Die Mecklenburgische Seenplatte ist ein sehr attraktives Ziel, aber eine kleine Destination. Wir brauchen für unser Hotelgeschäft Ziele mit einer gewissen Größe: Kanaren, Kreta, Antalya. Wir bringen nicht einfach ein paar Gäste. Wir gestalten Destinationen. Wir sind Entwickler von Tourismus, nicht bloß Vermarkter.

          Aber Sie wollen auch Hotels verkaufen.

          Wir besitzen eigene Hotels, Schiffe und Flugzeuge. Aber den Kunden interessiert es in vielen Fällen nicht, ob wir der Eigentümer sind. Das Markenerlebnis im Urlaub muss 100 Prozent TUI sein. Wir werden uns von Vermögenswerten trennen oder Partner an Bord holen. Am Urlaubserlebnis, an den Produkteigenschaften, an der Marke und der TUI-Servicequalität ändert sich dadurch nichts. Auf Mallorca können wir Eigentümer überzeugen, ihr Hotel auf unsere Markenplattform zu bringen. Wir gestalten den Aufenthalt, bringen unsere Marke ein und kümmern uns um die Vermarktung.

          Das klingt ein bisschen wie Thomas Cook.

          Nein, wir betreiben die Hotels. Es sind unsere Marken, wir setzen und kontrollieren die Standards in Bezug auf die Qualität, Lage und Service. Dazu müssen wir die Hotels nur in Ausnahmefällen besitzen. Natürlich werden wir auch weiter Hotels bauen, in manchen Destinationen wie den Kapverden oder in der Karibik müssen wir das, da das Angebot dort sonst fehlt. Insgesamt werden wir aber wesentlich stärker in unsere digitale Plattform investieren und weniger in Assets. Auf der Basis unserer 21 Millionen Kunden werden wir eine der größten digitalen Plattformen in Europa. Den Weg sind wir schon vor Corona eingeschlagen, es wird jetzt nur viel schneller in der Umsetzung gehen.

          Angesichts der Folgen der Corona-Krise – wie groß ist die Gefahr, dass TUI doch noch in Existenznot kommt?

          Ehrlich gesagt: Mitte März, mit dem Beginn der internationalen Reisewarnung, war ich nicht sicher, ob wir das hinbekommen. Wenn beim Umsatz eine Null steht, lernt man, ein Unternehmen anders zu führen. Ich habe eine Zeitlang mit einem Kernteam jeden Abend jede Ausgabe weltweit geprüft und freigegeben, um das Unternehmen zu erhalten. Das ist heute anders. TUI hat Substanz, und es ist Land in Sicht: Die ersten Urlauber sind auf Mallorca angekommen. Das Geschäft läuft wieder an. Sie sehen mich angespannt optimistisch.

          Fritz Joussen und Tui

          Der 57 Jahre alte Manager, der von klein auf nur Fritz genannt wurde und bis heute mit dem förmlich klingenden Friedrich nichts anfangen kann, muss TUI aus der Corona-Krise führen. Seit 2013 steht er an der Spitze des Konzerns mit Hauptsitz in Hannover. Während dieser Zeit hat der Elektrotechniker und frühere Chef von Vodafone Deutschland viele Schwierigkeiten bewältigt, aber die aktuelle Situation übertrifft alles. Mitte März hatte TUI als Reaktion auf Corona den Reisebetrieb eingestellt. Zur Überbrückung der Krise erhielt der Konzern 1,8 Milliarden Euro an Darlehen von der staatlichen KfW-Bank. Im Moment hellt sich die Perspektive etwas auf, weil TUI wieder Reisende in manche Urlaubsländer bringen kann.

          Von Normalität ist das Unternehmen mit mehr als 70.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von zuletzt 18,9 Milliarden Euro aber weit entfernt. Das Privatleben muss in dieser Phase zurückstehen. Doch wann immer möglich, verbringt Joussen Zeit mit der Familie in Duisburg, wo er geboren und aufgewachsen ist. cmu.

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