https://www.faz.net/-gqe-7ubdv

Online-Handel : Was Alibaba von Amazon unterscheidet

Die Drei von Alibaba sind voll im Bilde: Joe Tsai, Jack Ma and Jonathan Lu Bild: dpa

Der chinesische Internetkonzern Alibaba streicht fast die Hälfte seines Umsatzes als Gewinn ein. Der amerikanische Online-Händler macht hingegen Verlust. Warum?

          Falls es noch eines Beweises bedurfte, dass das amerikanische Internetkaufhaus Amazon und der neue Aktienstar Alibaba weniger miteinander zu tun haben als vermutet: Die Chinesen lieferten ihn nach am Mittwoch, drei Tage nach dem größten Börsengang aller Zeiten. Der als Großhandelsplattform im Internet gestartete Alibaba-Konzern will innerhalb von zwei Jahren für seine chinesischen Landsleute zu einem der größten Kreditvermittler werden: 1 Billion Yuan (126 Milliarden Euro) soll auf einem Marktplatz zwischen Nehmern und Gebern hin- und herwechseln.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Alibaba selbst vergibt keine Kredite, die auch ausfallen und Kosten verursachen könnten, sondern verdient fast ausschließlich an Gebühren für Werbung und Premiumdienste - genau wie im Stammgeschäft, einem Marktplatz für Händler und sonstige Gewerbetreibende, die im Internet die Ladeneinrichtung, eine Maschine oder Lebensmittelvorräte bestellen und diese von der Post bis in den letzten Winkel Chinas geliefert bekommen. Doch damit hat der Makler Alibaba dann schon nichts mehr zu tun. Nicht mit Kosten für Lagerhaltung oder Auslieferung. Und so steht gegenüber der Umsatzrendite von 44 Prozent bei Alibaba ein operativer Verlust bei Amazon.

          Amazon und Alibaba werden oft verglichen, aber das Geschäftsmodell der beiden Unternehmen unterscheidet sich gewaltig. Viele der Kosten, die Amazon zu tragen hat, fallen bei Alibaba gar nicht erst an, weil die Chinesen nicht selbst Produkte verkaufen. Alibaba muss keine teure Infrastruktur von Logistikzentren unterhalten, wie dies Amazon tut. Das Geschäftsmodell von Alibaba liegt somit näher am Online-Marktplatz Ebay, der auf seiner Seite ebenfalls als Vermittler agiert. Auch im Vergleich von Alibaba und Ebay gibt es aber gewichtige Unterschiede: Zum einen hat Ebay neben seinem Geschäft als Handelsplattform auch noch seine - gemessen am Umsatz - fast genauso große, aber nicht so profitable Bezahlsparte Paypal. Außerdem hat Alibaba im Gegensatz zu Ebay ein umfangreiches Geschäft mit Online-Werbung. Dies wiederum macht Alibaba ein Stück weit mit dem Internetkonzern Google vergleichbar.

          Amazon gibt Geld gerne mit vollen Händen aus

          Entsprechend liegt Alibaba mit seinen Gewinnmargen auch viel näher an Google und Ebay als an Amazon. Der Betriebsgewinn von Google erreichte in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 26,7 Prozent des Umsatzes, Ebay wies in diesem Zeitraum eine Marge von 19,4 Prozent aus. Dagegen lag Amazon bei gerade einmal 0,3 Prozent. Im zweiten Quartal war das operative Ergebnis von Amazon sogar negativ, und für das dritte Quartal hat das Unternehmen einen noch höheren Verlust in Aussicht gestellt.

          Die Höhe der Margen im Online-Handel variiert selbst bei Geschäftsmodellen, die Amazon ähnlich sind. Als der deutsche Online-Händler Zalando etwa jüngst seine Börsenpläne konkretisierte, berichtete Finanzvorstand Rubin Ritter von Umsatzrenditen, von denen reine Elektronikverschicker oder Bücherversender nur träumen können. Der Vorteil unseres Geschäftes sind die hohen Grossmargen von 40 bis 60 Prozent, sagte Ritter. Gleichzeitig forciert aber Zalando auch das Geschäft mit selbst produzierter Mode.

          Mitarbeiter von Alibaba beobachten in der Zentrale von Hangzhou die Aktienkursentwicklung.

          Die bringt ebenfalls mehr ein, als wenn der Online-Händler Hemden, Hosen oder Jacken bei Markenherstellern ordert und dann an seine eigenen Kunden weiterveräußert. Nach Angaben des Unternehmens trug die Hausmode 16 Prozent des Umsatzes von zuletzt 1 Milliarde Euro im ersten Halbjahr 2014 bei. Das operative Ergebnis lag in diesem Zeitraum bei rund 15,9 Millionen Euro, also bei etwas mehr als 1 Prozent.

          Beim Vergleich von Amazon und Alibaba kommt zudem noch eine Besonderheit hinzu, die bei den Amerikanern auf die Margen drückt. Das Unternehmen aus Seattle gibt sein Geld allgemein mit vollen Händen aus, zum Beispiel auch für den Ausbau eines eigenen Hardwaregeschäfts mit Tabletcomputern und Smartphones oder für die Rechte an Medieninhalten für seinen Videodienst. In der Hoffnung darauf, dass sich diese Investitionen irgendwann auch unter dem Strich auszahlen, hat die Börse Amazon lange verziehen, regelmäßig nur mit schmalen Gewinnen oder sogar Verlusten aufzuwarten. In jüngster Zeit war die Wall Street aber nicht mehr ganz so nachsichtig, und seit Jahresanfang hat die Amazon-Aktie fast 20 Prozent an Wert verloren. Dennoch hat Amazon noch immer einen Börsenwert von 150 Milliarden Dollar, weit mehr als der deutlich profitablere Wettbewerber Ebay (65 Milliarden Dollar). Alibaba freilich wird so hoch bewertet wie Amazon und Ebay zusammen.

          Der Hauptsitz von Alibaba in Hangzhou.

          Ob Alibaba auch künftig die Hälfte des Umsatzes als Gewinn einstreicht, wenn Chinas Vorzeigekonzern seine Ankündigung wahr macht und in Amerika und Europa Milliarden investiert, bezweifeln Analysten.

          Klar ist, dass im Ausland die vielen Wettbewerbsvorteile aus China wie die niedrigeren Löhne wegfallen. Allerdings ist es bis dahin noch ein langer Weg. Alibaba wird lange in erster Linie ein chinesisches Unternehmen bleiben. 85 Prozent seines Umsatzes macht der Konzern in der Heimat. Und genau deshalb ist der Aktienkurs des Börsenstars vom vergangenen Freitag in der Folgewoche auch den zweiten Tag hintereinander gefallen. Je lauter die Sorge, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt könne bald abstürzen, desto mehr leiden die Aktionäre, die auf China gewettet haben.

          Weitere Themen

          Pilotenheld kritisiert Boeing Video-Seite öffnen

          „Sully“ schlägt Alarm : Pilotenheld kritisiert Boeing

          Mehrere Piloten fordern den US-Flugzeugbauer Boeing auf, Piloten besser zu schulen, bevor die Flieger vom Unglückstyp 737 Max nach zwei Abstürzen mit hunderten Toten wieder fliegen dürfen. Die von Boeing angebotenen Schulungen reichten nicht aus, sagt unter anderem Chesley "Sully" Sullenberger. Er schrieb mit der geglückten Notlandung mit einem Airbus auf dem Hudson in New York 2009 Geschichte.

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Patrick Bernau

          FAZ.NET-Sprinter : Elektroautos ohne Ladesäulen

          Widersprüche soweit das Auge reicht: In der E-Mobilität soll es voran gehen, doch es fehlt an Ladesäulen und in der Jugendbewegung Fridays for Future geben Erwachsene den Ton an. Was sonst noch wichtig wird, steht im FAZ.NET-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.