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Milliardenverlust : Warum sich die Bahn nicht an die Abstandsregeln hält

Ein Mitarbeiter des DB-Fernverkehrswerk Dortmund saugt mit einem Staubsauger den Fußboden in einem Zugabteil eines ICE-Zuges. Bild: dpa

Die Corona-Krise hat die Deutsche Bahn „in die schlimmste finanzielle Krise seit ihrem Bestehen gestürzt“, verkündet Chef Richard Lutz – und verteidigt den Verzicht auf das Abstandsgebot im Zug.

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          Angesichts der steigenden Zahl von Corona-Neuinfektionen sind viele Bahnfahrer verunsichert. Sie scheuen das Risiko, in oft wieder gut gefüllten Zügen auf engem Raum für längere Zeit mit anderen zusammenzusitzen. Trotzdem will die Deutsche Bahn die Auslastung ihrer Züge nicht künstlich begrenzen. Es soll weiterhin weder eine Reservierungspflicht geben noch ein striktes Abstandsgebot von 1,50 Metern.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          „Zum Glück steigen Nachfrage und Auslastung jetzt wieder“, sagte Bahnchef Richard Lutz am Donnerstag in Berlin. „Wir beobachten sogar eine kleine Sonderkonjunktur, weil viele Leute in Deutschland Urlaub machen. Gleichzeitig wollen wir Situationen vermeiden, in denen sich ein höheres Risiko ergeben könnte.“ Deshalb werde vermehrt gereinigt, desinfiziert und gelüftet. Die Bahn-App DB Navigator sei um die Anzeige der Auslastung ergänzt worden. „Über eine Reservierungspflicht diskutieren wir zurzeit nicht – auch, weil unsere Kunden genau diese Flexibilität unseres offenen Systems schätzen“, sagte Lutz.

          Mit Rekordinvestitionen gegen die Krise

          Der Bahnchef verteidigte außerdem den Verzicht auf das Abstandsgebot im Zug. Um das Risiko einzudämmen, gebe es die Maskenpflicht, die weitgehend befolgt werde. Hartnäckige „Maskenverweigerer“ würden in Abstimmung mit der Bundespolizei im Extremfall zum Schutz der Mitfahrer und Bahn-Mitarbeiter „von der Beförderung ausgeschlossen“, sagte Lutz. Er wies darauf hin, dass es bisher keine Hinweise gebe, dass die Ansteckungsgefahr in Zügen besonders hoch sei. „Nach heutigen Erkenntnissen ist Bahnfahren auch in Corona-Zeiten sicher.“ Dafür sprächen erste Ergebnisse aus Studien sowie der niedrige Krankenstand in der Bahn-Belegschaft.

          Wirtschaftlich kann es sich die Deutsche Bahn tatsächlich nicht leisten, die Auslastung ihrer Züge zu begrenzen. Der Konzern wird im laufenden Jahr voraussichtlich mehr als 5 Milliarden Euro Verlust verbuchen müssen, zum Halbjahr sind es schon 3,7 Milliarden Euro. Das bestätigte Finanzvorstand Levin Holle. Bahn-Chef Lutz sagte, die Corona-Pandemie habe die Bahn „in die schlimmste finanzielle Krise seit ihrem Bestehen gestürzt“. Die Zahl der Fahrgäste sank in den ersten sechs Monaten um 37 Prozent auf knapp 663 Millionen, der Umsatz ging um 11,8 Prozent auf 19,4 Milliarden Euro zurück. Für das gesamte Jahr befürchtet der Vorstand einen Umsatzrückgang von 44 auf 38,5 Milliarden Euro. Mit einer echten Erholung rechnet er erst im Jahr 2022.

          Gegen die Krise will der Konzern sich mit Rekordinvestitionen  stemmen. Im ersten Halbjahr seien netto 2,8 Milliarden Euro investiert worden, berichtete Lutz, im gesamten Jahr seien 5,6 Milliarden Euro geplant. Holle sagte, die Verschuldung des Konzerns solle in diesem Jahr möglichst auf 27 Milliarden Euro begrenzt bleiben – rund 3 Milliarden Euro mehr als zu Jahresanfang. Dies kann aber nur gelingen, wenn sich die EU-Kommission nicht dem Vorhaben der Bundesregierung widersetzt, im Zuge des Konjunkturpakets das Eigenkapital der Bahn um 5 Milliarden Euro aufzustocken. Holle rechnet mit einem positiven Ausgang der Brüsseler Beihilfeprüfung bis zum Jahresende.

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