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Bestellboykott : Warum Kaufland jetzt Unilever angreift

Was wäre der Sommer ohne ein Langnese-Eis? Bei Kaufland jedenfalls gibt es gerade keins. Bild: dpa

Schlagabtausch im Supermarkt: Bei Kaufland können Kunden kaum noch Unilever-Produkte kaufen – denn der Supermarkt boykottiert die Artikel. Was steckt hinter der Aggression, die den Kunden Knorr, Langnese und Axe vorenthält?

          Der Kampf um Preise und Konditionen zwischen Händlern und Markenartiklern wird mit immer härteren Bandagen geführt. Nachdem unlängst Edeka seinem Lieferanten Nestlé durch einen Bestellboykott wichtige Zugeständnisse abgerungen hat, wagt jetzt Kaufland die Machtprobe mit dem Unilever-Konzern.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Betreiber von 1200 Supermärkten in Deutschland und Osteuropa teilte am Montag mit, dass er 480 Produkte des britisch-niederländischen Konzerns aus seinen Verkaufsregalen genommen hat. Insgesamt sind mehr als 600 Artikel von Unilever in Kaufland-Märkten gelistet. Betroffen sind von dem geplanten Bestellstopp bekannte Produkte wie Knorr-Suppen, Langnese-Eis oder Lipton-Tee, die hohe Umsatzanteile ausweisen und jetzt kurzfristig durch Eigenmarken von Kaufland ersetzt werden.

          Der Verkaufsstopp für die Unilever-Marken gilt in 1200 Kaufland-Märkten, wovon nur 650 auf Deutschland entfallen. Die restlichen Standorte sind in Tschechien, der Slowakei, Polen, Rumänien und Bulgarien zu finden, wo der Bestellstopp für die Unilever-Produkte damit ebenfalls gilt.

          Kaufland wirbt mit „bestem Preis“

          Die Auslistung des Markensortiments begründet der Einzelhändler, der wie die Supermarktkette Lidl zur privat geführten Schwarz-Gruppe gehört, aber separat agiert, mit der drastischen Preiserhöhung seines langjährigen Lieferanten. Daher sei man nicht in der Lage, seinen Kunden den „besten Preis“ zu bieten – was ein zentrales Leistungsversprechen des Unternehmens sei, heißt es weiter.

          Unilever wollte sich auch am Dienstag gegenüber der F.A.Z. zu dem Vorgehen von Kaufland mit dem Verweis auf die „strikte Vertraulichkeit der Verhandlungen“ nicht äußern. Kenner der Branche berichten indessen, dass die jetzt vom Markenartikler geforderten Einkaufspreise – je nach Marke und Sortiment – um mehr als 10 Prozent erhöht wurden und von Unilever mit allgemeinen Kostensteigerungen in der Produktion und beim Einkauf von Rohstoffen begründet werden.

          Der Disput zwischen Kaufland und Unilever erinnert an den jüngsten Streit zwischen Edeka und Nestlé. Um bessere Lieferkonditionen zu erzielen, setzte der größte Lebensmittelhändler in Deutschland den Markenmulti aus der Schweiz vor Monaten unter Druck, indem er sich mit weiteren Händlern in Europa verbündete und in seinen mehr 3000 Filialen im Inland bis zu 200 Nestlé-Produkte zeitweise nicht mehr nachbestellen ließ.

          Flankiert wurde Edekas Drohkulisse dann durch Aktionen, in denen der Einzelhändler bei seinen Kunden um Verständnis für seinen Bestellboykott warb und ebenfalls seine Eigenmarken als Ersatz für teure Markenartikel empfahl. Edekas harte Tour hatte damals Erfolg: Im Mai endete die spektakuläre Feilscherei, indem Nestlé empfindliche Zugeständnisse machen musste, wie Kenner der Unternehmen bestätigten.

          Fast immer können sich die Händler durchsetzen

          Über Details der neuen Vereinbarung schweigen sich beide Seiten zwar aus. Doch die Edeka-Führung ließ auf ihrer Jahrestagung im Juni keinen Zweifel daran, dass die Mitglieder des genossenschaftlich organisierten Einzelhändlers ihre Nestlé-Produkte seitdem zu besseren Konditionen beziehen.

          Nach dem Vorbild von Edeka wollen sich jetzt auch andere Handelskonzerne mit Gleichgesinnten in der europäischen Nachbarschaft organisieren, um so den Druck auf die globalen Markenartikler zu erhöhen. So schlossen sich vor wenigen Wochen der britische Supermarktkonzern Tesco mit dem französischen Pendant Carrefour zu einer schlagkräftigen Einkaufsallianz zusammen. Mit vereinter Kraft und einer Fülle von Daten, so lautet das Ziel eines solchen Verbundes, lassen sich den internationalen Herstellern mehr Zugeständnisse abtrotzen.

          Ähnliche Kraftproben wie zwischen Kaufland und Unilver oder Edeka und Nestlé hatten zuvor auch Konzerne wie Mars oder der Kosmetikhersteller Beiersdorf zu überstehen. In allen Fällen wurden deren Produkte von einigen Handelsketten zeitweise aus dem Sortiment genommen, das Gefeilsche dann allerdings hinter verschlossenen Türen ausgetragen. Angeblich konnten fast alle Händler ihre Boykottaktionen als Erfolge verbuchen, berichten Kenner der Branche.

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